"Berliner des Jahres" 2016

Hertha-Coach Pal Dardai - "Ich war kein Heiliger"

Für die Morgenpost und 104.6 RTL ist Pal Dardai der „Berliner des Jahres“. Ein Gespräch über seine Vergangenheit – und seine Visionen.

Hertha-Coach Pal Dardai ist der Berliner des Jahres 2016

Hertha-Coach Pal Dardai ist der Berliner des Jahres 2016

Foto: Reto Klar

Das ganze Interview über hält Pal Dardai einen Fußball fest. Nicht, dass der Trainer von Hertha BSC nervös wäre. Der 40-Jährige kennt das alles. Er kennt die Gespräche mit der Presse, er kennt die Räumlichkeiten hier beim Berliner Bundesligisten. Er weiß, wie dieser Klub funktioniert. Im Dezember 1996 kam er als 19-Jähriger aus Ungarn nach Berlin, wurde Rekordspieler des Vereins. 20 Jahre später ist Dardai immer noch da. Als Cheftrainer hat er die Blau-Weißen in die Nähe der Champions-League-Plätze geführt. Dafür zeichnet ihn die Jury von Berliner Morgenpost und 104.6 RTL als "Berliner des Jahres 2016" aus. Aber das weiß er bei diesem Gespräch mit der Berliner Morgenpost natürlich noch nicht.

Herr Dardai, sind Sie ein Typ, der Vorsätze für das neue Jahr fasst? Oder darf besser alles so bleiben, wie es ist?

Pal Dardai: Nee, nee. Ich habe jetzt ein paar Kilo abgegeben. Das darf nicht wieder draufkommen. ( Lacht) Also: Auf mein Gewicht muss ich aufpassen. Ansonsten kann aber alles so bleiben, wie es ist. Mein Leben findet auf dem Fußballplatz und zu Hause bei meiner Familie statt. Das bin ich. Ich kann die ganze Woche im Trainingsanzug herumlaufen. Es ist also alles wunderbar.

Party bei den Dardais zu Silvester oder eher beschaulich?

Party, ganz klar. Das war immer schon so bei uns. Wenn wir in Ungarn sind, gehen wir mit Freunden in ein Restaurant. Da gibt es dann Livemusik, und wir tanzen die halbe Nacht. Deshalb ist das für mich auch ein Arbeitstag (lacht).

Wann waren Sie das letzte Mal richtig betrunken?

Puh, ich glaube zu meinem 35. Geburtstag. Da hat Zecke Neuendorf ein bisschen nachgeholfen.

Wenn Sie das Jahr 2016 mit einem Wort beschreiben müssten, welches wäre das?

Arbeit. Viel Arbeit.

Und 2017?

Es wäre schön, wenn wir etwas Großes erreichen könnten. Etwas Großes für uns wäre, wenn wir uns direkt für die Europa League oder sogar noch eine Etage höher qualifizieren könnten. Wir wollen etwas Besonderes erreichen. Was wir bisher mit Hertha geschafft haben, ist eigentlich schon etwas Besonderes. Aber wir haben noch weitere Träume.

Sie haben als Spieler 1999/2000 mit Hertha in der Champions League gespielt. Wenn man das erlebt hat, will man das dann nicht auch als Trainer erreichen?

Natürlich wäre es eine schöne Herausforderung, mit Hertha in der Champions League dabei zu sein. Aber als Zielsetzung? Wir haben das vor unserer Nase, wir wollen dorthin. Aber wir wissen auch, woher wir kommen. Die Champions League ist unser Traum, doch bis dahin müssen wir noch Erfahrungen sammeln. Damals als Spieler war es eine sehr schöne Zeit für uns bei Hertha: die Champions-League-Musik, die Sterne. Jeder von uns ist an seine Leistungsgrenze gegangen. Es wäre schön, dass noch einmal zu erleben.

Sie sind genau 20 Jahre bei Hertha. Im Dezember 1996 haben Sie in Berlin Ihren ersten Vertrag unterschrieben. Sie sind 40 Jahre alt. Wie fühlt es sich an, wenn man das halbe Leben bei einem Klub verbringt?

Ich habe schon zu meiner Frau gesagt: Eigentlich sind diese 20 Jahre so schnell (schnippt mit den Fingern) vergangen. Meine Wochen sind immer sehr voll. Ich bin immer hier auf dem Olympiagelände, selbst wenn wir nicht spielen. Dann schaue ich bei den Jugendmannschaften zu. Es fließt alles. Von einer Sache zur nächsten. Und deshalb kommen mir die 20 Jahre auch sehr kurz vor.

Ist es Ihnen bei Hertha in 20 Jahren nie langweilig geworden?

Nein. Nie. Vielleicht bin ich ja auch etwas langweilig geworden (lacht).

Können Sie sich noch an das allererste deutsche Wort erinnern, dass Sie gelernt haben?

Als ich zu Hertha kam, konnte ich kein Deutsch. Schuld daran war eigentlich mein Deutschlehrer in Ungarn. Als ich noch Schüler am Gymnasium war, waren Englisch und Deutsch Pflichtfächer. Aber der Deutsch-Unterricht war immer in den letzten zwei Stunden, und da musste ich schon zum Training. Also habe ich mit meinem Lehrer einen Deal gemacht. Ich habe gesagt: Lassen Sie mich zum Fußball gehen, bevor ich Ihren Unterricht störe. Hätte er gesagt: Du bleibst hier, Du musst Deutsch lernen, hätte ich es besser gekonnt.

Dann wären Sie aber vielleicht nie bei Hertha gelandet, weil Sie fußballerisch nicht gut genug gewesen wären.

Das kann auch sein. Es ist schon gut so, wie es war.

Haben Sie damals als Spieler bei Hertha mal Dinge gemacht, die Sie heute als Trainer bei Ihren Spielern aufregen würden?

Ich war auf jeden Fall kein Heiliger. Wir haben unter der Woche auch mal eine Geburtstagsparty gefeiert. Das war bestimmt nicht professionell. Aber am Tag danach habe ich mir im Training dann besonders meinen Hintern aufgerissen, damit der Trainer nichts merkt. Deshalb hatte ich auch immer ein gutes Gewissen. Aber grundsätzlich war ich eher ein disziplinierter Spieler. Denn ich habe von meiner Fitness gelebt – und nicht von meinem Naturtalent. Also musste ich auch vernünftig mit meinem Körper umgehen.

Hätten Sie als Trainer heute gern einen Spieler wie Pal Dardai?

Zumindest kann ich sagen, dass ich als Spieler gern bei einem Trainer wie Pal Dardai trainieren würde. Das habe ich neulich auch meiner Mannschaft gesagt. Das mag hochnäsig klingen. Aber ich versuche, den Jungs mit guten Trainingsinhalten immer etwas mit auf den Weg zu geben. Das hilft ihnen im Spiel. Und es macht auch noch Spaß.

Kommen wir zum Entweder-oder-Block, Herr Dardai: lieber Spieler oder Trainer?

Spieler.

Berlin oder ihr Heimatort Pecs?

Da muss ich ehrlich sagen: Berlin.

Die Hertha-Elf 1999, als Sie in die Champions League gekommen sind, oder die Hertha-Elf heute 2016/17?

Diese Frage ist nicht fair. (lacht)

Berliner Olympiastadion oder eine neue Arena?

Schwer. Im Moment fühle ich mich im Olympiastadion sehr wohl.

Laptop-Trainer oder Haudegen?

Eine gute Mischung aus beidem. Ohne Laptop geht es heute nicht mehr.

Jetzt die obligatorische Musikfrage: Helene Fischer oder Metallica?

Ich höre wenig Musik und wenn, dann eher ungarische. Aber wenn ich wählen muss, nehme ich lieber Helene Fischer. Ihre Musik hat mehr Seele.

Haben Sie Angst vor dem Alter?

Nein. Mein Vater ist 65, er sieht immer noch toll aus. Ich sage mir immer: Man muss jeden Moment genießen.

Haben Sie die Telefonnummer von Bundestrainer Joachim Löw?

Nein.

Haben Sie mal mit ihm über Hertha-Spieler sprechen können?

Nein. Aber das macht unser Manager Michael Preetz. Ich halte mich da raus. Meine Aufgabe ist es, die Spieler weiterzuentwickeln. Natürlich wünsche ich mir, dass es Niklas Stark oder Mitchell Weiser schaffen. Aber es ist nicht meine Aufgabe, Jogi Löw zu raten, bitte unsere Spieler zu nominieren. Wenn er sie gut findet, wird er sich bestimmt irgendwann bei mir melden. Und dann kann ich sagen, wie ich das sehe.

Sie sind in Ihrer dritten Bundesliga-Saison als Trainer – also kein Anfänger mehr. Welchen Fehler Ihrer Anfangszeit würden Sie heute nicht mehr machen?

Vielleicht war ich nach unserem ersten Spiel im Februar 2015, dem 2:0 in Mainz, zu naiv. Danach kam Freiburg und ich dachte, das wird schon mit einem guten Ballbesitz klappen. Ich habe damals den psychischen Zustand der Spieler unterschätzt. Das wird mir so nicht mehr passieren.

Wenn Sie sich von einem anderen Trainer eine Eigenschaft aussuchen können, die Sie selbst nicht haben, welche wäre das?

Das perfekte Deutsch … (lacht)

Sagen wir, Sie könnten sich von Pep Guardiola das eine und von Jose Mourinho das andere aussuchen ...

… die Erfahrung. Diese Trainer haben einen großen Erfahrungsschatz. Den würde ich mir gern hier oben reinkippen (formt mit den Händen einen Trichter über seinem Kopf). Auch Otto Rehhagel hatte sehr viel Erfahrung. Er war ein Typ, der alles gesehen hatte. Das hätte ich auch gern. Ich bin gerade erst dabei, Erfahrungen zu sammeln.

Ist es für Sie weiter vorstellbar, zurück in Herthas U15 zu gehen, sollten Sie irgendwann bei den Profis entlassen werden?

Immer noch, ja. Das glaubt mir zwar keiner, aber für mich ist wichtig, dass ich nicht irgendwo im Büro sitze, sondern draußen auf dem Platz arbeiten kann und Spaß habe. Und mir macht es auch Spaß, bei der U15 zu sein. Ich finde es schön, dass ich bei Hertha auf den Parkplatz fahre und mich Jugendspieler mit "Hallo Pal" begrüßen. Ich bin der Pal, und damit ist alles wunderbar.

Glauben Sie, dass Sie in 20 Jahren noch Trainer sein werden?

Schwer zu sagen. Man sollte nicht zu viel planen. Bei mir ist ja auch alles anders gekommen, als es normalerweise läuft: erst Jugendtrainer, dann Profitrainer und dann Nationaltrainer von Ungarn. Es ging aber bei mir alles durcheinander, und dennoch bin ich sehr glücklich. Die Zukunft ist schwer vorauszusehen. Man muss gesund bleiben. Aber ich wäre sehr gern in 20 Jahren noch Trainer. Dann wäre ich 60 und könnte zufrieden in Rente gehen.

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