Er mag es nicht, dieses Medien-Bohei. Fürs Fernsehen auch noch? Na gut, wenn’s denn sein muss – also stellt sich Mitchell Weiser am Dienstag zum Abschluss vor die TV-Kameras, nachdem er schon den Zeitungsjournalisten Rede und Antwort gestanden hat.
Weiser (22) ist dieser Tage der gefragteste aller Hertha-Profis. Einerseits, weil er seit Wochen in Topform spielt und auch beim jüngsten 1:1 in Dortmund wieder zu den besten Berlinern zählte; vor allem aber, weil am Sonnabend (15.30 Uhr) im Olympiastadion der 1. FC Köln vorstellig wird – jener Verein, bei dem Weisers Karriere ihren Anfang nahm. Vom elfjährigen D-Jugend-Kicker schaffte er beim Effzeh den Sprung in den Bundesliga-Kader. Bei seinem Debüt Anfang 2012 ist er noch keine 18. Bis heute war kein Kölner jünger bei seiner Premiere in der Bundesliga.
Wiedersehen mit Ex-Klub Köln
Kurz darauf folgte er dem Lockruf von Bayern München. Als der Rekordmeister ihn 2015 ablösefrei wieder abgab, soll Weiser zwar etwas verwundert gewesen sein, dass sich Hertha, aber nicht Köln um ihn bemühte. Verbunden fühlt er sich seinem Ex-Klub aber noch immer.
Yannick Gerhardt, mit dem er schon in der Jugend zusammengespielt hatte, wechselte im Sommer zwar von Köln nach Wolfsburg. Dafür trifft sich Weiser nun bei fast jedem Heimat-Besuch mit Leonardo Bittencourt. Sonnabend werden sich die Freunde auf dem Rasen begegnen, laut Tabelle in einem echten Topspiel. Hertha steht nach sieben Spieltagen auf Rang vier, die Kölner mit einem Zähler mehr auf Platz zwei.
„Mir war klar, dass beide Klubs in diesem Jahr eine gute Mannschaft haben“, sagt Weiser, „aber dass beide so weit oben stehen, war natürlich nicht zu erwarten.“ Er selbst zählt dabei zu den Hauptverantwortlichen für Herthas überraschend starken Saisonstart. Egal, wo Trainer Pal Dardai ihn aufbot, Weiser überzeugte, sei es wie zuletzt als rechter Außenverteidiger, oder wie zu Saisonbeginn als Flügelspieler.
Auch als Spielmacher eine Option
Vielseitigkeit ist eine seiner Stärken. Mit Vladimir Darida (verletzt) und Valentin Stocker (gesperrt) fallen aktuell zwei Spielgestalter aus. Weiser gilt als möglicher Ersatzkandidat. Ob er sich diese Rolle zutraue, wurde er am Dienstag gefragt. „Ich traue mir alles zu“, sagt er selbstbewusst, gibt jedoch zu, dass er sich in der Abwehr am wohlsten fühlt.
Welche Rolle er taktisch übernimmt, scheint letztlich nicht so entscheidend, denn Weiser ist auch deshalb so wichtig für Hertha, weil er den richtigen Ton vorgibt. In der Kabine sorgt er als DJ für die richtige Atmosphäre, auf dem Platz mit seiner frechen, forschen Art für die richtige Gangart. Respekt vor großen Namen ist ihm fremd, Weiser traut sich was. In Dortmund düpierte er den heranstürmenden Pierre-Emerick Aubameyang mit einer Finte, ließ ihn ins Leere laufen. Im Auswärtsspiel bei Bayern München vernaschte er auf ähnliche Art und Weise Franck Ribéry.
„Mitch kann besondere Dinge machen“, sagt Teamkollege Per Skjelbred, „er kann Spiele entscheiden.“ Außerdem sorge er für gute Stimmung im Team. Tatsächlich verfügt Weiser über zwei Gesichter: Auf dem Platz zeigt er sich verbissen, privat dafür betont lässig.
Lob für Dardais Ansprache
Mit Sinan Kurt verbringt er Stunden vor der Playstation, neben der Musik hat er auch einen Faible für Mode. Erst kürzlich ließ er sich vom Fußballmagazin „11Freunde“ beim Shoppen begleiten. Seinen Social-Media-Followern gefällt das, manch anderem nicht.
Die Zeiten, in denen Weiser als (zu) schlampiges Bayern-Talent galt, liegen inzwischen zwar mehr als ein Jahr zurück, doch die Schatten der Vergangenheit scheinen ihn noch immer zu verfolgen. Neigt er vielleicht doch noch dazu, zu schnell zufrieden zu sein? Schöpft er sein Potenzial wirklich mit letzter Konsequenz aus? Oder schlimmer noch: Droht er sogar abzuheben?
Pal Dardai jedenfalls sah sich kurz nach dem Aus in der Europa-League-Qualifikation veranlasst, Weiser einen Denkzettel zu verpassen. Eine Woche Einzeltraining. Über die Details will Weiser nicht sprechen, aber so viel sagt er dann doch: „Es passiert mal, dass man aneinandergerät. Das war meine kleine Strafe, und die habe ich akzeptiert.“
Ibisevic nimmt den Youngster in die Pflicht
In der ersten Runde des DFB-Pokals beim Drittligisten Jahn Regensburg schoss er Hertha daraufhin als Joker in die Verlängerung, ehe er auch im Elfmeterschießen traf. „Pal weiß, wie er mit uns reden muss“, sagt Weiser. Mal kumpelhaft, mal hart. Manchmal brauche er eben letzteres.
Dem Scheitern in der Europa League kann Weiser inzwischen sogar Gutes abgewinnen. Vielleicht wäre die Doppelbelastung für Hertha noch zu früh gekommen, sagt er. Jetzt könne sich das Team voll auf Liga und Pokal konzentrieren, könne weiter wachsen. Er selbst will ein Treiber dieser Entwicklung sein. Im August verlängerte er seinen Vertrag vorzeitig bis 2020 – trotz der Tatsache, dass Hertha ihm im Sommer die Olympia-Teilnahme verwehrte und trotz der Reibung mit Dardai. Mit anderweitigen Angeboten habe er sich nicht im Ansatz beschäftigt.
„Jeder kann eine gute Saison spielen“, sagt Weiser, „aber man muss diese Leistung bestätigen.“ Diejenigen, die ihn kritisch beäugen, werden das gern hören. Mannschaftskapitän Vedad Ibisevic, vielleicht der einzige Berliner, der auf dem Rasen noch mehr Präsenz und Entschlossenheit zeigt als Weiser, fordert: „Mitch muss genauso weitermachen!“ Gelingt ihm das, wird er noch häufiger im Rampenlicht stehen. An die vielen Kameras sollte er sich besser schnell gewöhnen.


