Berührungsängste kennt Alexander Esswein nicht, zumindest nicht mit anderen Sportarten. Auch wenn er am Donnerstag nicht die allerbeste Figur machte: Das Volleyballturnier, das Herthas Fußballprofis im Training ausspielten, bereitete dem Sommerzugang jede Menge Spaß.
Ein wenig Auflockerung, sagt Esswein, tue schließlich immer gut, davon abgesehen sei er aus seiner Zeit bei Dynamo Dresden ganz andere Herausforderungen gewohnt. Beim Drittligisten musste er sich seinerzeit in exotischeren Sportarten beweisen. Vom Box-Gym ging’s zum Eishockey, ehe Esswein sogar den Ritt auf einem Dressurpferd meisterte. Zuzutrauen ist dem 26-Jährigen also vieles.
Einen Platz in der Startelf traut ihm Coach Pal Dardai allerdings noch nicht zu. Wenn Hertha am Sonntag (17.30 Uhr/Sky) Schalke 04 empfängt, wird sich Esswein zunächst auf der Reservebank einfinden müssen. Unterschätzen sollte man seine Rolle trotzdem nicht, im Gegenteil. Denn: Esswein ist das fehlende Puzzlestück, das Dardai in seinem Bild von der neuen Hertha so lange gefehlt hat.
Für Konterspiel geeignet
Wie dieses Bild aussehen soll, war in den ersten beiden Spielen dieser Spielzeit klar zu erkennen. Im Vergleich zur Vorsaison stehen die Berliner deutlich tiefer und forcieren das Konterspiel, für das der schnelle Esswein prädestiniert ist. „Der Trainer hat mir schon in den ersten Gesprächen gesagt, dass er die Spielweise ändern will“, erzählt er, „und zu dieser Idee passe ich ganz gut.“ Ein Grund mehr, weshalb er Augsburg unbedingt in Richtung Berlin verlassen wollte.

Wie viel Dardai von Essweins Qualitäten hält, zeigte sich gleich am ersten Spieltag. Nur drei Tage nach seinem ersten Training erhielt der Flügelspieler die erste Bewährungschance. Sein Kurzeinsatz gegen Freiburg endete nach turbulenter Schlussphase mit einem 2:1-Sieg samt anschließendem Adrenalinkick. „Im Olympiastadion vor der Ostkurve zu feiern, ist etwas anderes als in Augsburg“, schwärmt er mit leuchtenden Augen.
Dass er im zweiten Spiel in Ingolstadt erneut als erster Herthaner eingewechselt wurde, unterstreicht seine Bedeutung für Herthas Matchplan. Esswein ist mehr als ein Joker. Allzu sehr anfreunden will er sich mit dem Reservistendasein ohnehin nicht. Noch aber fordert Dardai Geduld.
Wohnt mit Gattin Franziska in Tiergarten
Irgendwann, sagt der Ungar, werde Esswein eine Halbzeit spielen, und dann solle er erst mal ein Tor oder eine Vorlage beisteuern. Erst danach wolle er ernsthaft über einen Einsatz von Anfang an nachdenken. Eine klare Ansage, mit der Esswein leben kann. „Für den Moment“, sagt er, „passt alles sehr gut.“

Auch wenn er erst seit drei Wochen in der Hauptstadt lebt: Wohl fühlt er sich schon jetzt. Die Wohnung am Tiergarten ist bereits bezogen, seine Frau Franziska, die – ungewöhnlich für die Lebensgefährtin eines Fußballprofis – als Krankenschwester arbeitet, hat am gestrigen Mittwoch die letzten Koffer aus Augsburg mitgebracht.
Teamkollege Marvin Plattenhardt, mit dem Esswein schon in Nürnberg zusammenspielte, versorgt ihn zuverlässig mit Gastro-Tipps – das neue Leben in Berlin, es nimmt langsam Konturen an.
Viel Lob für hohes Tempo, aber Kritik an der Defensive
Noch aber ist viel zu tun, auch auf dem Fußballplatz. So begeistert Dardai von den Offensivqualitäten seines neuen Schützlings ist, so sehr nimmt er ihn auch in die Pflicht. „In der Defensive“, sagt der Ungar, „hat er sehr schlechte Automatismen verinnerlicht.“ Daran soll Esswein arbeiten.
Co-Trainer Rainer Widmayer bittet ihn deshalb gezielt zur Videoanalyse. Der gläubige Christ kann’s verkraften. Er weiß, was es heißt, an sich zu arbeiten. Bei seiner zweiten Profistation in Wolfsburg trainierte er ab 2008 unter dem gefürchteten Konditionsschleifer Felix Magath. „Er hat mich vielleicht stärker geprägt als jeder andere Trainer“, sagt Esswein.
Gegen Schalke trifft er auf Ex-Trainer Weinzierl
Am Sonntag kommt es zum Wiedersehen mit einem anderen Ex-Coach. Für den Neu-Schalker Markus Weinzierl spielte Esswein in den vergangenen zweieinhalb Spielzeiten in Augsburg und nahm dabei mehr mit als eine starke Fitness. „Markus Weinzierl hat mir Laufwege beigebracht, die ich so nicht kannte“, sagt er heute. Die will er nun auch bei Hertha einbringen. Am liebsten schon gegen Schalke.

Gegen den Europa-League-Starter treten die Berliner erstmals in dieser Saison als Außenseiter an. Um sich vorzustellen, dass Hertha am Sonntag das Spiel machen wird, bedarf es einiger Fantasie.
Stattdessen wird es neben der defensiven Stabilität auf die Konter ankommen – und womöglich auch auf Esswein. Der gibt sich genauso forsch wie auf dem Feld. „Wenn wir weiter so auftreten wie bisher, wird es für jeden Gegner schwer“, sagt er, „erst recht im eigenen Stadion.“


