Er vergisst nicht. Die Tore seiner Profikarriere habe er alle vor Augen, sagt Vedad Ibisevic. 92 Momentaufnahmen allein aus der Bundesliga, und auch die Treffer für den VfB Stuttgart in der Europa-League-Qualifikation – dem Wettbewerb, in dem er am Donnerstag (20.15 Uhr, Jahn-Sportpark) mit Hertha gegen Bröndby IF antritt. Er erinnert sich an den Abstauber gegen Dynamo Moskau 2012, dem er noch ein Kopfballtor folgen ließ, ehe er im Rückspiel per Linksschuss traf. Oder an das 1:0 bei Botew Plowdiw per Kopf im Jahr darauf.
Auch die Erlebnisse seiner Kindheit hat er nicht vergessen. Gerade erst spendete Ibisevic (31) 50.000 Euro für ein Flüchtlingsprojekt auf dem Tempelhofer Feld. „Ich wollte schon lange etwas in der Richtung machen“, sagt er, „auch wegen meiner eigenen Geschichte.“ Als Ibisevic acht war, flüchtete seine Familie vor dem Bosnienkrieg.
Und natürlich hat Ibisevic auch das nicht vergessen: die Art und Weise, wie er 2015 in Stuttgart plötzlich aufs Abschiebegleis manövriert wurde, nach dreieinhalb Spielzeiten und 39 Toren, als Topverdiener des Teams. Nur reden möchte er nicht darüber. Nicht über die Umstände, die nicht rein sportlicher, sondern auch wirtschaftlicher Natur waren, und auch nicht über seinen damaligen Coach Alexander Zorniger (48), mit dem es nun zu einem Wiedersehen kommt. Seit Mai ist Zorniger Trainer von Bröndby.
Horst Heldt tritt gegen den früheren VfB-Coach nach
Anruf in Kopenhagen. Der Wind bläst stramm ins Telefon, Zorniger steht am Meer. Auch er will das Kapitel Ibisevic nicht wieder ausbuddeln, da sei alles gesagt. „Vedad ist ein Vollprofi“, bemerkt er nur knapp. Nach Ibisevics Wechsel zu Hertha hätten sie noch einmal telefoniert, das Verhältnis sei in Ordnung. Ibisevic sieht’s ähnlich.
Vergessen hat aber auch Zorniger nicht. Nicht den Erfolgsdruck am Traditionsstandort Stuttgart; nicht die neun Niederlagen, die er in seiner nur 13 Spiele währenden Amtszeit kassierte; und auch nicht die Schelte der Medien, die ihn schnell als den Schuldigen ausgemacht hatten. „Ich hatte kurzzeitig Zweifel, ob mir der Fußball noch mehr Spaß bringt, als dass er mir Energie raubt“, sagt er heute.
Inzwischen sind diese Zweifel verflogen. Er genießt die neue Herausforderung bei Bröndby, die Lebensqualität in Kopenhagen und den Fakt, dass man sich „besser auf das Kerngeschäft konzentrieren“ kann. Die Störgeräusche, sie sind deutlich leiser geworden. Ein Nachkarten wie jetzt vom früheren VfB-Manager Horst Heldt („Zorniger ist von Egoismus geprägt, er hat Spieler kritisiert, die ihm mehrfach den Arsch gerettet haben“) ist in Dänemark schwer vorstellbar.
Zorniger bleibt seinem Spielstil treu
Seinem Stil ist der Trainer treu geblieben. Bröndby, bislang eher auf Ballbesitz ausgerichtet, soll typischen Zorniger-Fußball spielen, mit Mut zum Risiko und aggressivem Pressing. „Ich werde nichts anders machen, nur weil es in einer Stadt nicht geklappt hat“, sagt er.
Bislang geht sein Konzept auf. Fünf Pflichtspiele, fünf Siege – Tabellenplatz zwei und nur ein Gegentor. In der zweiten Qualifikationsrunde der Europa League gegen den schottischen Zweitligisten Hibernian Edinburgh (1:0, 5:4 n.E.) taten sich die Dänen allerdings schwer. Selbst Zorniger sagt: „Ich glaube, wir wären momentan noch kein Team für die Bundesliga.“
Ausgerechnet ein früherer Herthaner soll nun helfen, das zu ändern. Hany Mukhtar (21), der ab 2002 die gesamte Jugendabteilung der Berliner durchlief, wechselte vorige Woche auf Leihbasis von Benfica Lissabon nach Kopenhagen. „Ich kenne ihn noch aus dem Nachwuchs“, sagt Herthas Cheftrainer Pal Dardai, der dem Spielmacher schon damals zu Geduld riet. Mukhtar aber hatte andere Pläne. Bröndby ist bereits seine vierte Station.
Ex-Herthaner Mukhtar als Hoffnungsträger
„Hany gilt schon lange als Talent“, sagt Zorniger, „aber jetzt wird es Zeit, dass er mehr daraus macht.“ In Kopenhagen könne sich der U19-Europameister von 2014 voll auf Fußball konzentrieren, und Bröndby erhalte einen Spieler, der eigentlich außer Reichweite liege. Am Sonntag kam Mukhtar zu seinem ersten Kurzeinsatz. Gegen Hertha wird er zumindest im Kader stehen.
Vorerst aber scheinen die Hauptrollen für andere vorgesehen. Für Ibisevic, den Stürmer alter Schule, der bei Hertha bewiesen hat, dass er noch immer ein guter Bundesligaspieler ist (zehn Tore, vier Vorlagen). Und auch für Zorniger, der den zehnmaligen dänischen Meister (zuletzt 2005) in die Fußball-Moderne führen soll.


