Solche Termine sind meist für Spieler reserviert, die im Moment nicht unbedingt in der ersten Reihe stehen. Tolga Cigerci saß am Sonnabend auf der Internationalen Tourismus-Börse Berlin (ITB) und schrieb Autogramme am Stand eines Sponsors seines Arbeitgebers Hertha BSC, während seine Kollegen das freie Wochenende genossen. Konnte ja keiner ahnen, wie das laufen würde. Dass Cigerci am Abend zuvor plötzlich in die erste Reihe aufrücken würde.
Es gibt nur wenige Spieler bei Hertha, die Technik und Ausdauer so verbinden, die also genau das Anforderungsprofil erfüllen, das Trainer Pal Dardai an seine Profis stellt, wie dieser Cigerci. Aber es gibt auch nur wenige, bei denen die Spanne zwischen Leistungsvermögen und abgerufener Leistung in dieser Saison bisher so weit auseinanderklaffte. Das hatte viele Gründe: Verletzungen wie die in der Wade kurz vor dem Rückrundenstart. Und eben der Erfolg.
Keiner hatte mehr Ballkontakte und bessere Passwerte
Wer gewinnt, ändert nicht gern etwas. Cigerci kam bis Freitagabend nur auf sieben Startelf-Einsätze und wusste selbst um die Diskrepanz: „Eigentlich ist unser Stil in dieser Saison genau mein Spiel“, sagte er. Beim 2:0 gegen Schalke hat der 23-Jährige mal wieder eine Chance von Beginn an bekommen, weil der Erfolg abgewandert war – Hertha verlor zuvor 0:2 in Hamburg.
Aber anders als zum Beispiel in Stuttgart vor ein paar Wochen (0:2) nutzte Cigerci sie diesmal. Seine Präsenz auf dem Rasen strahlte bis zu den Bedienungen in den Bierständen im Olympiastadion hinauf. 82 Ballkontakte hatte er – mit Abstand die meisten aller Berliner. 92 Prozent seiner Pässe kamen an – keiner war besser. Sieben Torschüsse gab er als zentraler Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive ab – mehr als jeder andere auf dem Feld. „Er hat eine große Leistung gezeigt“, lobt Dardai. Dem Ungarn war deshalb ein großer Stein vom Herzen gefallen.
Die Tiefe im Kader hatte bisher gefehlt
Denn Cigercis Berufung hatte Dardai viel Überwindung gekostet: „Für mich war es schwer, Lusti rauszunehmen. Er ist unser Kapitän“, sagt Dardai. Aber Fabian Lustenberger sucht seit Rückrundenbeginn nach seiner starken Form der Hinrunde und musste trotzdem weiterspielen, weil sich die Alternativen im eigenen Kader nicht aufdrängten.
Tabellarisch mag es in diesem Jahr keine Unterschiede zwischen den überraschend drittplatzierten Berlinern und echten Spitzenteams geben. Aber was die Tiefe des Kaders angeht, war Hertha der Konkurrenz um die Europapokalplätze wie Gladbach, Schalke und Leverkusen bisher nicht gewachsen.
Cigercis Auftritt vom Freitag lässt Dardai hoffen, dass sich das nun ändert: „Wir haben jetzt Konkurrenzkampf. Keiner kann bei uns einschlafen. Jeder hat Druck. Und das ist gut für uns“, sagt der 39-Jährige.
Kapitän Lustenberger hat seinen Stammplatz vorerst verloren
Zu jenen neuerlichen Druckerzeugern aus der zweiten Reihe zählt Dardai neben Cigerci auch Niklas Stark, der sich in Abwesenheit von Abwehrchef Sebastian Langkamp mehr und mehr behauptet, aber auch Peter Pekarik als Alternative für rechts hinten. „Diese Konkurrenzsituation kann uns weiterbringen für den Rest der Saison. Vielleicht bringt sie uns die letzte Konzentration auf unserem Weg“, sagt Dardai. Lustenberger jedenfalls hat seien Platz erst einmal an Cigerci verloren. „Er muss jetzt Druck auf Tolga machen“, sagt der Cheftrainer.
Druck aus der zweiten Reihe aber hat sich Dardai nicht nur von seinen Reservisten erhofft. Auch auf dem Feld hatte er zuletzt das Gefühl, dass seiner Elf mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld gut täte. „Tolga kann das. Er bringt Dampf nach vorn und viele Abschlüsse“, sagt Dardai. Bei einem seiner sieben Torschüsse gegen Schalke scheiterte Cigerci nur an der Latte.
Den Vertrag des 23-Jährigen wollen die Berliner verlängern
Cigerci selbst sagt, er habe sich vorgenommen, der Mannschaft wieder helfen zu können. „Und ich glaube, das ist mir gelungen.“ Dass er sich in der langen Wartezeit nicht hat hängen lassen, spreche für ihn, findet Dardai. „Das ist wie bei mir früher: Als ich zu Hertha kam, saß ich auch erst einmal draußen. Dann bekam ich meine Chance, und wir haben gewonnen. Dann konnten sie mich gar nicht mehr rausnehmen“, erzählt Dardai und will das als Aufforderung verstanden wissen: „Tolga muss jetzt so weitermachen.“
Hertha würde gern den Vertrag mit Cigerci über 2017 hinaus verlängern, was bisher auch daran scheiterte, dass er mit seiner Rolle als Ergänzungsspieler nicht zufrieden war. Das allerdings kann sich in den letzten acht Spielen der Saison noch ändern.





