Als Pal Dardai anfängt, über den Saisonstart zu sprechen, bricht ihm der Schweiß aus. Mit einem Anflug von Panik haben die kleinen Perlen auf seiner Stirn allerdings nichts zu tun, vielmehr mit den subtropischen Temperaturen im Medienraum von Hertha BSC.

Doch selbst die scheint der Trainer des Berliner Bundesligisten gelassen zu ertragen, und in Bezug auf seine Mannschaft habe er ohnehin „kein schlechtes Gewissen. Ich habe etwas aufgebaut, geplant und durchgezogen“, sagte Dardai vor dem ersten Saisonspiel beim FC Augsburg am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky). Und: „Wir fahren nach Augsburg, um zu gewinnen.“

An Selbstvertrauen hat es dem Ungarn noch nie gemangelt. Seit er Anfang Februar den Posten des Cheftrainers übernommen hat, ist er auch zum Chefoptimisten des Klubs geworden. Anders als Manager Michael Preetz, der seit Jahren sachlich über die „Etablierung in der Bundesliga“ predigt, stimuliert der Gefühlsmensch Dardai die Fantasie der Fans. Endlich einmal ins Pokalfinale einziehen oder eben ein Sieg beim Vorjahresfünften in Augsburg – Herthas Rekordspieler hat keine Lust, sich zu verstecken.

Dass er sich damit angreifbar macht, mitunter sogar belächelt wird, nimmt Dardai in Kauf. Er will Emotionen wecken, bei seinen Spielern, im Verein, bei den Fans. Er, der mit Hertha einst in Europa spielte, kennt die Sehnsucht nach dem Mehr nur allzu gut, und es zählt zu Dardais Wesenszügen, dass er mehr Chancen als Risiken sieht.

Gestärkt durch den Abstiegskampf

Eine dieser Chancen hat er in der vergangenen Saison erkannt. Zur Erinnerung: Hertha zitterte sich am letzten Spieltag nur aufgrund des besseren Torverhältnisses zum Klassenerhalt. Dardais Interpretation: „Wir müssen die guten Sachen mitnehmen. Wir haben zusammen etwas geschafft und wissen, wie schwierig das war. Das bringt uns als Team zusammen.“

Bislang haben die Berliner keinen Spieler abgegeben, den sie nicht abgeben wollten. Auch das lässt sich positiv auslegen. Die Mannschaft ist eingespielt, kennt sich. Einzig Eigengewächs Nico Schulz forciert derzeit einen Abgang. Dessen Wechsel würde Dardai zwar bedauern, hinterherweinen wird er dem 22-Jährigen aber nicht. Spieler, die aus Herthas Jugend kommen, hätten noch nichts anderes gesehen“, sagt der Trainer. Dass sie in anderen Vereinen bessere Bedingungen vorfinden würden, sei jedoch ein Irrtum.

Die Bedingungen in Dardais Kader haben sich jedenfalls verbessert, wenn auch nicht gravierend. Während mit dem momentan verletzten Mitchell Weiser ein „perspektivisch hochspannenden Spieler“ (Preetz) verpflichtet wurde, verspricht der zweite Zugang, Vladimir Darida, eine Sofortlösung. Bei seinem Pflichtspieldebüt gegen Arminia Bielefeld verlieh er den Offensivbemühungen auf Anhieb mehr Struktur und traf zudem zum 2:0-Endstand.

Ein Aufbruch ohne Umbruch

Noch aber steht Hertha vor einem Aufbruch ohne Umbruch. Auf der Habenseite der noch laufenden Transferperiode stehen erst zwei Zugänge sowie der nach seiner Ausleihe aus Mainz zurückgekehrte Sami Allagui. Herthas Ausgaben belaufen sich bislang auf gut 3,5 Millionen Euro – nur die Aufsteiger aus Darmstadt (950.000) und Ingolstadt (3,2 Millionen) gaben weniger aus.

Konkurrenten wie Hannover (6 Zugänge/13,3 Millionen Euro), Stuttgart (7/7,75) oder Hamburger (8/17,25) waren auf dem Transfermarkt deutlich aktiver. Preetz sagt zwar, er sei „nicht unzufrieden“ mit dieser „spannenden Transferperiode“, verweist aber auch darauf, dass er noch „die ein oder andere Idee“ hat. Hertha wird wohl bis zum Ende der Transferperiode am 31. August zocken. Ein Risiko.

Bislang ist der Kader nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite zu dünn besetzt. Nach den Verletzungen von Weiser und Allagui kann von Konkurrenzkampf in der Offensive keine Rede mehr sein, zudem verfügen die Berliner lediglich über zwei gelernte Innenverteidiger.

Rückkehrer machen Hoffnung

Immerhin: Mit Alexander Baumjohann (Kreuzbandriss) und Tolga Cigerci (Ermüdungsbruch) nähern sich zwei Langzeitverletzte ihrem Comeback. Beide nähren die Hoffnung auf mehr Spielkultur. Noch so eine Sehnsucht.

Druck, sagt Dardai, verspüre er vor seiner ersten kompletten Saison als Cheftrainer genauso wenig wie bei seinem Dienstantritt vor gut sechs Monaten. Damals hatte er einem verunsicherten Team auf Anhieb defensive Stabilität eingeimpft. Nun, befreit von der Last des Abstiegskampfes und ohne Zweitjob als ungarischer Nationaltrainer, strebt er nach mehr. Der 39-Jährige möchte Ballbesitz und Spielkontrolle, will agieren statt reagieren.

Dardai ist heiß. „Endlich geht’s los“, sagte er auf der Pressekonferenz am Donnerstag. Der Schweiß auf seiner Stirn war bald darauf verdunstet.