Geheimklausel

Wie Hertha Dardai als Nationaltrainer auslösen kann

Im Fall des Klassenerhaltes bekommt Pal Dardai einen Cheftrainer-Vertrag. Hertha hat eine Option mit dem ungarischen Fußball-Verband vereinbart, wonach Dardai sein Amt als Nationaltrainer aufgibt.

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Man kann sagen, dass die vergangenen sechseinhalb Wochen das Leben von Pal Dardai ziemlich auf den Kopf gestellt haben. Davor gefiel dem 39-Jährigen sein Job in der Entwicklungshilfe. Die U15 von Hertha BSC trainierte Dardai gern. Dazu übernahm der Ungar die Nationalelf seines Heimatlandes in der EM-Qualifikation, was letztlich auch unter Entwicklungshilfe laufen kann, weil die einst ruhmreiche Fußballnation in der Bedeutungslosigkeit versank und wieder ein Turnier zu verpassen drohte.

Doch Anfang Februar kriselte es heftig bei Dardais Herzensklub. Hertha warf Trainer Jos Luhukay hinaus und stellte Dardai "bis auf Weiteres" ein. Nach dem 1:0 gegen den HSV am Freitagabend, das die Punkte neun, zehn und elf im siebten Spiel unter seiner Leitung bedeutete, muss man sagen, dass in diesem Fall die Entwicklungshilfe Dardais zu fruchten begonnen hat. Hertha macht mit 29 Punkten einen Schritt Richtung Klassenerhalt, und der Trainer bekommt jede Menge Lob.

Da dürfte es ihm an diesem Sonntag wie eine Reise zurück in der Zeit vorkommen – eine Zeit, in der er noch nicht Bundesliga- sondern "nur" Nationaltrainer Ungarns war. Weil Dardai in einer Woche bei der EM-Qualifikationspartie gegen Griechenland für Ungarn auf der Trainerbank sitzen wird, beobachtet er am Sonntag seinen Nationaltorwart. Am Montag trifft er den Rest des Teams. Doch weil eben in den vergangenen sechseinhalb Wochen vieles in der Karriere des Pal Dardai passiert ist, könnte es sein, dass jenes Spiel gegen Griechenland sein vorletztes als ungarischer Nationaltrainer wird.

Bei Klassenerhalt winkt ein Cheftrainer-Vertrag

Es ist ja ohnehin selten, dass ein Vereinstrainer gleichzeitig auch eine Nationalmannschaft betreut. Bei Hertha wussten die Verantwortlichen, dass diese Konstellation nicht ideal ist. Man nahm es in Kauf, weil die Not groß und die Identifikation der Fans mit Dardai und Dardais mit dem Klub ebenso groß war.

Dardais Vertrag in Ungarn läuft noch bis November. Weil sich aber andeutet, dass das Experiment mit dem Rekordspieler des Klubs funktionieren könnte, ist es wahrscheinlich, dass für Dardai schon im Sommer beim ungarischen Verband Schluss sein wird. Nach der Partie gegen Griechenland steht Ende Juni die nächste gegen Finnland an und könnte die letzte sein.

Nach Morgenpost-Informationen hat Hertha die Option, den Vertrag Dardais in Ungarn nach dem Finnland-Spiel beenden zu können, wenn man sich entscheidet, mit ihm als Cheftrainer auch in die kommende Bundesligasaison zu gehen. Nach Exklusiv-Informationen der Morgenpost wird Hertha Dardai im Fall des Klassenerhaltes ab 1. Juli als neuen Cheftrainer verpflichten. Bislang hat er nur einen Nachwuchstrainer-Kontrakt.

Die Frage ist nur: Warum? Stecken die Verantwortlichen beim Erreichen des Klassenziels in einer Dankbarkeitsfalle, weil Dardai den Klub vor einem dritten Abstieg binnen weniger Jahre gerettet hat? Dass er eine Mannschaft dauerhaft weiterentwickeln und auch bei der Zusammenstellen mitgestalten kann, konnte Dardai in der Kürze der Zeit natürlich noch nicht beweisen.

Lockerheit und Strenge zugleich

Vereinsintern trauen sie ihm dies zu. Die Entwicklung der Mannschaft in den vergangenen sechseinhalb Wochen gehe in die richtige Richtung, heißt es. Bis Dato muss konstatiert werden, dass es Dardai gelungen ist, Hertha zu stabilisieren. Vier Spiele lang sind die Blau-Weißen nun ungeschlagen, dreimal blieben sie dabei ohne Gegentor.

Fragt man die Spieler nach dem, was sich unter Dardai verändert hat, hört man Sätze wie diese: "Wir haben jetzt endlich wieder Struktur in der Mannschaft", sagt Valentin Stocker. "Wir stehen kompakter, sind griffiger, wirken fitter", sagt Torwart Thomas Kraft. Und: "Wir haben einen großen Schritt nach vorn gemacht", sagt Sebastian Langkamp.

Es ist ja verwunderlich, dass dieselben Spieler in demselben System und derselben Spielauffassung unter Dardai Punkte holen, die es unter Luhukay nicht schafften. Dass sie plötzlich eine Konstanz entwickeln, deren Ausbleiben Luhukay fast in den Wahnsinn getrieben hat. Und es sind ja auch keine anderen Anforderungen als sein Vorgänger, die Dardai stellt: völlige Hingabe und Zusammenhalt. Aber im Gegensatz zu Luhukay hat Dardai eine Mischung aus Lockerheit und Strenge gefunden, die der Mannschaft die Ängste nimmt.

Erfolg in Hamburg kommt zum günstigen Zeitpunkt

Am Donnerstag vor dem Sieg gegen den HSV saß das Team nach dem Essen abends noch im Hotel zusammen, und Dardai ging von einem zum anderen, machte Witze und klopfte auf Schultern. Bevor er kam, verzogen sich die Spieler meist auf ihre Zimmer. Dass er, wenn es sein muss, auch anders kann, merken die Profis spätestens, sobald sie sich auf dem Feld falsch verhalten. Dann tigert Dardai an der Seitenlinie entlang und mault.

Mit dieser beidseitigen Art hat Dardai einen Zugang zu seinen wankelmütigen Spielern gefunden, und nun agieren sie so, wie Luhukay es immer wollte: In jeder der sieben Partien unter Dardai ist Hertha mehr gelaufen als der Gegner, und die Zweikampfquote hat sich deutlich verbessert.

"Die Mannschaft hat sich als Team gefunden", sagt Dardai. Und er habe sich bei ihr bedankt, "weil jetzt die Presse ruhig ist". Denn der Erfolg in Hamburg kam zum strategisch günstigen Zeitpunkt: Bei einer Pleite hätte es Diskussionen über Dardais Doppelrolle für Hertha und Ungarn gegeben. Die bleiben nun aus, und es deutet sich an, dass es bei fortwährend positiver Entwicklung in Berlin bald auch keine Doppelrolle mehr geben wird.

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