Als die Sprache auf den VfL Wolfsburg kommt, wandern die Mundwinkel sofort nach oben. Salomon Kalou hat gute Erinnerungen an die Niedersachsen. „Damals habe ich mein erstes Tor für Hertha erzielt“, sagt der Hertha-Angreifer. Tatsächlich war es ein denkwürdiger Auftritt, den der Stareinkauf des Berliner Fußball-Bundesligisten im vergangenen September hinlegte. Erstes Spiel von Beginn an, erstes Tor, erster Saisonsieg – ein Dreiklang, der den blau-weißen Anhang im Olympiastadion frohlocken ließ. Nicht wenige Hertha-Fans waren sich sicher, der Geburtsstunde eines künftigen Klubhelden beigewohnt zu haben.
Wenige Minuten nach dem Abpfiff diktierte Kalou seine Glücksgefühle in die Blöcke der Journalisten. Auch damals garnierte er seine Statements mit seinem ansteckenden Lächeln. Davon mal abgesehen hat sich in den 151 Tagen zwischen Kalous erstem Wolfsburg-Erlebnis und dem anstehenden Zweitkontakt am Sonntag (17.30 Uhr) allerdings vieles verändert. Als der Ivorer bei der jüngsten 0:2-Niederlage gegen den SC Freiburg am Sonntag ausgewechselt wurde, war von Heldenverehrung nichts mehr zu spüren. Stattdessen: Enttäuschung, Frust und Pfiffe.
Potenzial versus Wirklichkeit
Dass Kalou überhaupt noch lächeln kann, liegt vor allem an Pal Dardai. Seit der Ungar Anfang Februar den entlassenen Jos Luhukay als Trainer beerbte, fühlt sich Kalou wieder wertgeschätzt. Luhukay hatte den 29-Jährigen in den letzten sieben Spielen der Hinrunde zum Reservisten degradiert. Dardai beförderte ihn auf Anhieb wieder in die Startformation.
Obwohl Kalou die Vorbereitung verpasst hatte, weil er mit der Elfenbeinküste beim Afrika-Cup weilte und dort den Titel gewann. Obwohl er im Laufe des Turniers kaum Spielpraxis sammelte. Obwohl er von den Feierlichkeiten in Abidjan mit Verspätung zurückkehrte. Und obwohl er in Berlin nur zwei Tage mit der Mannschaft trainieren konnte.
Schon vor Kalous Rückkehr redete Dardai seinen Stürmer stark. Aber der Ivorer steht auch sinnbildlich für Herthas Lücke zwischen vielversprechendem Potenzial und ernüchternder Wirklichkeit. Zwar traf Kalou fünf Mal in 14 Partien. Eine ordentliche Quote. Doch zwei seiner Treffer resultierten aus Strafstößen. Zudem fällt er mit schwachen Zweikampfwerten auf – 29 Prozent, kein Spieler im Team ist schlechter. Der Angreifer hat unbestrittene Qualitäten. Allerdings scheinen es nicht die zu sein, die Hertha im Abstiegskampf benötigt.
Gelobt, dass sich die Torpfosten biegen
Trotzdem schenkt ihm Dardai weiterhin das Vertrauen. Seine Spieler dürften Fehler machen, sagt der 38-Jährige. So wie John Brooks und Jens Hegeler bekommt auch Kalou gegen Wolfsburg seine nächste Chance. „Es tut gut, wieder zu spielen“, sagt der einstige Champions-League-Gewinner. „Je mehr Vertrauen ich vom Trainer bekommt, desto besser kann ich spielen.“
Seinen Schützlingen endlich wieder Selbstsicherheit einzuhauchen, ist eines der Hauptanliegen von Dardai. Auf dem Schenckendorffplatz wird derzeit gelobt, dass sich die Torpfosten biegen. Kalou bildet da keine Ausnahme. „Klasse, Kalou, very good!“ Daumen hoch.
Was genau seine neuen Chefs von ihm sehen wollen, weiß Kalou allerdings selbst noch nicht so richtig. Gegen Freiburg startete er auf dem rechten Flügel, wurde nach der Umstellung auf ein 4-4-2-System aber an die vorderste Front beordert. Dort stürmte er gemeinsam mit Julian Schieber, blieb aber genauso blass wie zuvor auf der Außenbahn. „In den letzten Jahren habe ich meistens als Stürmer gespielt, dort fühle ich mich am wohlsten“, sagt Kalou. Auf den Flügel zu rücken, sei aber auch kein Problem. Viel wichtiger ist ihm etwas anderes: „Im Training haben wir endlich wieder Spaß .“
Im Sturm oder rechts außen
Dort ließ Dardai am Donnerstag vor allem das schnelle Umschaltspiel nach eigenem Ballgewinn üben. Kalou und Schieber agierten dabei jeweils als einzige Spitze vor einer offensiven Dreierreihe. Auf eine taktische Formation festlegen will sich der Hertha-Coach jedoch nicht. Eine gute Mannschaft müsse zwischen zwei Systemen hin und herwechseln können.
Mit welcher Formation Hertha in Wolfsburg bestehen will, wird sich Sonntag zeigen. Fest steht: Anspruchsvoller könnte die Aufgabe kaum sein. Spätestens mit dem 4:1 zum Rückrundenstart gegen den FC Bayern hat sich der VfL als zweite Kraft der Liga etabliert. 13 Tore in vier Spielen, sieben davon durch Stürmer Bas Dost – Zahlen, die bei Hertha-Fans für ein flaues Gefühl in der Magengegend sorgen. „Mit Schürrle haben sie noch mehr Power“, sagt Kalou, „aber sie kassieren auch viele Gegentore.“ Leverkusen überlistete die VfL-Abwehr zuletzt vier Mal.
Nur allzu gerne würde auch Kalou wieder treffen. Endlich wieder Hoffnungsträger sein, so wie im Hinspiel. „Das wäre großartig“, sagt er. Kalou lächelt dabei, doch anderes als sonst verrät sein Gesicht diesmal mehr Zweifel als Zuversicht. Er weiß, dass er den Vertrauensvorschuss zurückzahlen muss. Für Kalou ist es nun Zeit zu liefen. Am besten schon in Wolfsburg.





