Bundesliga

Herthas Saisonbilanz – Schwacher Angriff, starke Abwehr

Die Berliner haben eine Spielzeit mit Höhen und Tiefen erlebt. Der Grund dafür liegt in der Offensive: In der Rückrunde ging die Effizienz verloren. Dagegen blieb die Defensive stabil. Eine Bilanz.

Um die komplette Saison zu bewerten, die Hertha mit einem 0:4 gegen Dortmund beendet hat, hilft ein Bild: Stellen Sie sich ein Fußballspiel vor! Vor Anpfiff regt sich so ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bei den Berlinern, ob das auch alles gut gehen wird. Doch Hertha beginnt wie die Feuerwehr und geht mit 4:0 in die Halbzeitpause.

Das flaue Magengefühl ist verschwunden. Die zweite Halbzeit geht los, und plötzlich klappt all das nicht mehr, was eben noch wunderbar funktionierte. Der Gegner schießt ein erstes, ein zweites und dann auch ein drittes Tor. Abpfiff. 4:3 heißt es am Ende. Noch einmal gut gegangen, und der Magen meldet sich zurück. Wird auch die nächste Partie gut gehen? Mit so einer zweiten Halbzeit?

Die Bilanz zeigt, dass diese 51. Bundesligasaison ein geteiltes Hertha BSC erlebt hat: eine formidable Hinrunde mit 28 Punkten und Platz sechs und eine Rückrunde, die mit nur 13 Zählern auf den Magen schlug. Der Hauptgrund für jenen Absturz vom Überraschungsteam zu einem Aufsteiger mit Problemen lag im Angriffsspiel.

Nur 44 Prozent der Großchancen genutzt

Denn in der zweiten Saisonhälfte ging Hertha die Effizienz verloren. Nutzte das Team von Trainer Jos Luhukay bis zur Winterpause noch 58 Prozent seiner Großchancen und lag damit auf Platz vier im Ligavergleich, schrumpfte dieser Wert am Ende auf 44 Prozent zusammen. Nur drei Teams hatten eine schlechtere Chancenverwertung. Nur zwei Mannschaften haben seltener aufs Tor geschossen als Hertha (383 Schüsse), nur drei erzielten weniger Treffer (40).

Zudem war Hertha zu abhängig von Adrian Ramos (16 Tore): Keine Mannschaft hatte so wenige unterschiedliche Torschützen wie die Blau-Weißen (9). Traf der Kolumbianer nicht, der in seinen letzten zwölf Spielen nur zwei Treffer erzielte, war Hertha oft ratlos.

Aus dem Mittelfeld kam zu wenig Torgefahr: Nur 17 von 40 Toren erzielten Mittelfeldspieler (nur drei Teams waren schlechter). Aus der Defensive kam diesbezüglich fast nichts: Lediglich sieben Scorerpunkte trugen Abwehrspieler bei – Minuswert in der Liga.

Warten auf Stocker vom FC Basel

In der Offensive wird Hertha für die kommende Spielzeit nachrüsten müssen. Ramos muss ersetzt werden. Das steht lange fest. Aber für Luhukay und Manager Michael Preetz ist das die Gelegenheit, das Spielsystem weg vom einzig abschlussstarken Zielspieler hin zu einer kollektiven Torgefahr zu modifizieren.

Durch die Mitte erzielte Hertha nach Braunschweig die zweitwenigsten Tore der Liga (17). Aber auch bei Flanken hatte Luhukays Elf Schwächen: 59 Hereingaben brauchte es durchschnittlich für ein Tor (Platz 13). Über rechts sorgten Sami Allagui und Peter Pekarik für mehr Torgefahr (13 Treffer über diese Seite) als über links Änis Ben-Hatira beziehungsweise Nico Schulz und Johannes van den Bergh (10).

Für die Außen werden Neue gesucht. Mit Jens Hegeler (Leverkusen) wurde bereits ein vielseitiger Mittelfeldspieler für die rechte Seite geholt. Mit Valentin Stocker soll aus Basel ein Mann für das linke Mittelfeld kommen. Hertha wartet derzeit auf eine Antwort des 25-Jährigen, der allerdings nicht billig werden dürfte.

Wenig Ballbesitz, schnelles Umkehrspiel

Doch Luhukays Mannschaft hat in dieser Saison auch vieles richtig gemacht: Bei Standards waren die Berliner gefährlich – 15 Treffer nach ruhenden Bällen (Platz sieben). Umgekehrt aber erzielten sie aus dem Spiel heraus nur 25 Tore – nur Braunschweig war schlechter.

Wenn man so will, hat Hertha einen typischen Aufsteiger-Fußball gespielt: Wenig Ballbesitz (47 Prozent, nur Braunschweig hatte seltener den Ball) dafür aber ein schnelles Umschaltspiel nach vorn: Acht Tore wurden nach Kontern erzielt (Platz sechs).

Geteilt muss Herthas Saisonbilanz nicht nur deshalb ausfallen, weil nach einer fulminanten Hinserie eine ernüchternde Rückrunde folgte. Der schwachen Offensive stand nämlich eine überdurchschnittlich starke Defensive gegenüber. Nur zwei Mannschaften ließen weniger Torschüsse zu (373), nur sechs Teams kassierten weniger Gegentreffer (48). Ein erstaunlicher Wert für einen Aufsteiger. Keine Elf erlaubte seltener Flanken als die Herthaner (246), und nur vier Mannschaften ließen weniger Konter-Gegentore zu (6). Weniger Torschüsse nach Gegenstößen gestattete allein der BVB.

Saisonabschluss-Grillen mit Spielern und ihren Familien

Aber auch hier wird ein Gefälle zwischen rechts und links sichtbar: Über die rechte Seite von Pekarik kassierte Hertha lediglich acht Gegentore (Platz drei), über die linke Seite von van den Bergh dagegen 13, was allerdings immer noch Platz sieben bedeutet. Verstärkung für links hinten wird dennoch gesucht.

Nach dem 0:4 gegen Dortmund trafen sich Herthas Spieler, Verantwortliche, ihre Familien und Gäste am Sonnabend zum Saisonabschluss-Grillen im Olympiastadion. Die Bilanz zeigt, dass es viel Gründe zum Feiern gegeben hat, aber auch einige zum Nachdenken.

Ob die richtigen Schlüsse gezogen werden, entscheidet darüber, ob die neue Spielzeit für Hertha mit einem mulmigen Gefühl beginnen wird oder nicht.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter