16.04.14

Hertha BSC

Erstmals ist Trainer Luhukay als Krisenmanager gefordert

Der Trainer von Hertha BSC braucht rasche Lösungen, um den Negativlauf seiner Mannschaft, der schlechtesten der Rückrunde, zu stoppen. Die Vereinsführung errichtet eine Wohlfühlzone um Jos Luhukay.

Von Uwe Bremer und Jörn Meyn
Foto: Bongarts/Getty Images

Der Baumeister Jos Luhukay ist seit Juni 2012 Trainer bei Hertha BSC. Sein Vertrag läuft bis 2016
Der Baumeister Jos Luhukay ist seit Juni 2012 Trainer bei Hertha BSC. Sein Vertrag läuft bis 2016

Tattoos sind speziell. Sind sie frisch gestochen, bedarf es besonderer Vorsicht: Die betroffene Hautregion sollte nicht berührt werden. Extreme Bewegungen sind zu unterlassen, ebenso Stöße auf die tätowierte Stelle, Stürze ohnehin. In den ersten Tagen ist auch starkes Schwitzen zu vermeiden.

Manchmal staunt ein Trainer, was für Probleme im Liga-Alltag auftauchen können. So sucht Jos Luhukay seit der Verletzung von Kapitän Fabian Lustenberger nach einem Ersatz für die Innenverteidigung.

Eigentlich eine goldumrandete Einladung für John Brooks. Der ist 21 Jahre jung, Manndecker aus dem Hertha-Nachwuchs, frisch gebackener US-Nationalspieler. Bei regelmäßigen Einsätzen in der Bundesliga winkt Brooks im Sommer die WM-Teilnahme unter US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann. Doch vergangenen Sonntag gegen Leverkusen (1:2) stand Brooks nicht mal im Aufgebot.

Offiziell spricht bei Hertha niemand über das Warum. Man darf aber vermuten, dass Trainer Luhukay die Nase voll hatte. Genervt von einem Mangel an Professionalität. Weil, so wird es erzählt, Brooks sich gerade ein umfangreiches Tattoo auf dem Rücken stechen lässt. Vor dem Training wird sein Rücken seither von einem Physiotherapeuten mit einer Spezialcreme versehen, so dass der Schweiß nicht auf den empfindlichen Stellen landete.

Damit nicht genug: Eine Sitzung reicht nicht, um ein großes Tattoo anzufertigen. Folge: Ein Spieler mit einem frischen Tattoo kann nicht annähernd in Bestform agieren, weil eben Körperkontakt, unter Umständen auch Stürze zum Fußball gehören.

Ärger über Brooks wegen Tattoo

Um gerecht zu sein: John Brooks ist nicht der Grund für die missratene Rückrunde von Hertha. Aber Brooks ist ein Beispiel dafür, dass ein Trainer im Laufe einer Saison neben erwartbaren Hürden manchmal überraschende Probleme bekommt. Oder käme jemand vorab auf die Idee, dass ein Youngster mit Potenzial die Chance, sich in der Liga zu etablieren und eine WM spielen zu können, sausen lässt – um im Sommer am Strand "bella figura" zu machen?

Was Luhukay jedoch fehlt, ist die Option, Brooks einsetzen zu können. Wie sich überhaupt in der Rückrunde eine Hinrunden-Qualität von Hertha, viele Möglichkeiten im Kader zu haben, in ihr Gegenteil verkehrt hat. Und, klar, ebenso wie die Aufstiegssaison und der überragende Bundesliga-Start das Verdienst von Jos Luhukay ist, hat der Trainer auch seinen Anteil am Abschneiden der Rückserie. Dort ist Hertha das schwächste Team der Liga.

Zum ersten Mal in seiner Trainer-Karriere gibt es den umgekehrten Luhukay-Effekt. Den Luhukay-Effekt hat Manager Michael Preetz bei der Vorstellung des Niederländers im Juni 2012 beschrieben: Dass es dem Trainer mehrfach mit seinen Vereinen gelungen ist, trotz eines holprigen Starts die Stellschrauben im laufenden Wettbewerb so zu verändern, dass seine Teams jeweils besser als erwartet abschnitten.

Verletzungen, Formschwankungen, Sperren

In Berlin fuhr die Rolltreppe über anderthalb Jahre nur aufwärts. Liga zwei gewann Hertha mit Rekordpunktzahl. Im Oberhaus stellte der Aufsteiger zu Weihnachten als Sechster die Überraschung der Saison. Dann geriet die Entwicklung ins Stocken. Hertha ist seit acht Spielen ohne Sieg.

Einige Gründe liegen auf der Hand: Kapitän Lustenberger und seine Spieleröffnung fehlen. Bei den Vertretern des verletzten Spielmachers Baumjohann wie Änis Ben-Hatira, Ronny oder Per Skjelbred zeigte die Formkurve nach unten. Dazu kamen Leistungsschwankungen etwa bei Linksverteidiger Johannes van den Bergh. Kleinere Verletzungen oder Gelb-Sperren, etwa bei Tolga Cigerci, taten ein Übriges.

Ernüchternde Reaktion der Mannschaft

Luhukay blieb lange sehr ruhig. Er verwies darauf, dass Hertha trotz der schwachen Bilanz in 2014 immer noch beruhigende zehn Punkte Abstand auf Relegationsrang 16 hat. Was Luhukay nicht so registriert: Im Umfeld, bei den Fans, gibt es eine enorm hohe Sensibilität gegenüber Negativspiralen. Weil so jeweils die Hertha-Abstiege in 2010 und 2012 begonnen hatten.

Luhukay hat lange den Charakter seiner Mannschaft gelobt. Dennoch griff nicht jede seiner Maßnahmen. Als der Trainer öffentlich formulierte, dass abgesehen von Torjäger Adrian Ramos alle andere Spieler froh sein müssten, wenn sie bei Hertha im Aufgebot stehen, war das nicht als Fundamentalkritik gemeint. Sondern als Herausforderung an die Mannschaft, dem Trainer das Gegenteil zu beweisen. Was folgte, war ein Punkt aus den drei Spielen seither – ernüchternd. Die Rotation in der englischen Woche waren Gelegenheit für den einen oder anderen Profi, um sich positiv bemerkbar zu machen. Allein, so richtig überzeugend nutzte das niemand.

Luhukay pflegt ein distanziertes Verhältnis zu den Spielern

Luhukay ist kein Trainer vom Typus Spieler-Freund, er pflegt grundsätzlich ein eher distanziertes Verhältnis zu seinen Profis. Er fordert und fördert, die Rollen sind aber jeweils klar. Dieser Abstand ist in den vergangenen Wochen vielleicht noch ein kleines Stück größer geworden. In der Mannschaft wird registriert, was Luhukay mehrfach angesprochen hat: Ihn wurmt, dass der FC Augsburg – sein Ex-Klub und Sonnabend nächster Gegner – vor Hertha rangiert.

Im Verein genießt Luhukay weiter volle Unterstützung. Die Planungen für die kommende Saison mit Manager Preetz laufen. Hertha hat sich grundsätzlich informiert, was Luhukay nicht leiden kann. In Augsburg und Gladbach musste er regelmäßig beim Vorstand zum Rapport. Das gibt es in Berlin nicht. Luhukay hasst es, wenn der Präsident oder der Manager Aufstellungstipps abgeben ("Vielleicht sollten Spieler xy spielen, damit wir ihn verkaufen können.") Solche Ratschläge gibt es in Berlin nicht, Hertha versucht eine Wohlfühlzone für den Trainer zu errichten.

Vier Spiele bleiben, um für den Umschwung zu sorgen

Gleichwohl nervt Luhukay ein Mangel an Professionalität wie etwa bei Brooks. Die größte Strafe für das Talent ist es, nicht zu spielen. Weil damit der WM -Start in Brasilien für Brooks ein Traum bleiben wird.

Der Trainer verlangt mehr Fokussierung, mehr Mentalität. Aber Luhukay weiß, dass von seinen Maßnahmen abhängt, mit welchen Resultaten Hertha aus den verbleibenden vier Saison-Spielen geht (Augsburg, Braunschweig, Bremen, Dortmund). Und mit welcher Stimmung der Verein und seine Fans ins neue Spieljahr gehen.

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