Es ist keine vier Wochen her: Deutschland verliert ein Vorbereitungsspiel zur Europameisterschaft in der Schweiz mit 3:5. Mats Hummels enttäuscht wieder einmal in der Nationalmannschaft und gehört zu den Verlierern. In den Medien wird ihm eine Hauptschuld am enttäuschenden Ergebnis gegeben, zu langsam, zu fehlerhaft, zu schwach in der Spieleröffnung, heißt es. Ein Stammplatz bei der EM? Der ist in diesem Moment meilenweit entfernt. Doch längst haben sich die Vorzeichen zugunsten des 23-Jährigen gedreht – der Innenverteidiger von Borussia Dortmund hat sich bei der EM in der Gruppenphase überraschend zum großen Stabilisator der DFB-Auswahl entwickelt.
Eine Leistung, die dem BVB-Star wohl niemand so recht zugetraut hatte. Auch bei ihm selbst schwang einige Skepsis mit, als er nach seinem ersten EM-Auftritt noch vorsichtig anmerkte, „dass die Geschichte noch nicht geschrieben ist“. Die bisherigen Kapitel sind aber bereits äußerst lesenswert, selbst Ikone Zinedine Zidane hat an der Lektüre inzwischen großen Gefallen gefunden.
Mertesacker lange erste Wahl
„Es gibt bei der EM einige gute Spieler, aber einer, der mich überrascht hat, ist der deutsche Verteidiger Hummels. Der ist sehr gut“, sagte der ehemalige Weltfußballer aus Frankreich, der 1998 Welt- und 2000 Europameister wurde, vor dem deutschen Viertelfinale gestern Abend (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) in Danzig gegen Griechenland, in einem Interview mit dem spanischen Radiosender Cope.
Auch bei Bundestrainer Joachim Löw sind die längere Zeit vorherrschenden Zweifel an den Qualitäten von Hummels verflogen. Denn bisher hielt sich die Ansicht, dass der Borusse mit seiner Spielweise nicht so recht ins Spiel der DFB-Auswahl passe. Deswegen hatte der Bundestrainer lange Zeit dem früheren Bremer Per Mertesacker, jetzt beim FC Arsenal, den Vorzug gegeben. Hummels bevorzugt im Verein eher die hohen, diagonalen Bälle. Löw will aber flache, vertikale Pässe von seinen Defensivspielern sehen. Eine Umstellung, mit der Hummels lange Zeit seine Probleme hatte. Agierte er beim BVB stets souverän, so wackelte er in der Nationalelf bei seinen Einsätzen doch einige Male bedenklich.
Dennoch schenkte ihm Joachim Löw bei der Europameisterschaft das Vertrauen – zunächst wohl eher aus der Not heraus, weil Routinier und Konkurrent Mertesacker nach langer Verletzungspause noch nicht über die nötige Praxis verfügte und alles andere als Sicherheit ausstrahlte. Eine Entscheidung, die sich für den Bundestrainer bis zum Viertelfinale aber voll ausgezahlt hat. „Er hat bisher überragend gut gespielt. Er macht das, was ein Innenverteidiger machen muss. Er gewinnt Bälle, er ist im Zweikampf extrem stark. Und er hat sich in den letzten Wochen im Spiel nach vorne auf unsere Spielweise eingestellt“, sagte Löw und stellte den hochgewachsenen Verteidiger (1,92 Meter) vor dem Griechenland-Spiel besonders heraus.
Hummels nutze jetzt den Raum auch nach vorne, sagte der DFB-Coach zufrieden: „Er spielt flache Bälle.“ Das „Lange-Bälle-Thema“ sei eines seiner „liebsten, aber längst gegessen“, fügte Hummels mit einem Schmunzeln an: „Die kommen kaum noch, ich achte besonders darauf. Ich weiß, wie ich spielen muss und soll.“ Er spielt nun im Verbund mit Holger Badstuber so, dass Löw nichts mehr zu mäkeln hat. Der Bundestrainer ist voll des Lobes: „Das war bislang eine sehr, sehr starke Leistung von ihm. Er gibt unserer Abwehr viel, viel Halt.“
Der sympathische und eloquente Hummels, Sohn einer Journalistin, der unlängst seinen Vertrag beim Double-Gewinner bis 2017 verlängerte und damit klarstellte, dass die interessierten Bayern vorläufig keine Chance bei ihm bekommen, will die Entwicklung aber nicht überbewerten. Es sei schön, dass er seinen Teil dazu beitragen könne, „aber wie es weitergeht, wird man sehen“. Derartige Leistungen müsse man „öfter bestätigen“. Es sei allerdings auch schön zu sehen, „dass einem der Bundestrainer das Vertrauen schenkt und man gebraucht wird, auch wenn alle an Bord sind“. Mit seiner bescheidenen Art ist Hummels bisher sehr gut gefahren. Löw setzt nicht auf Lautsprecher.
Selbstzweifel sind ihm fremd
Bleibt für manchen die Frage, wer denn nun der Chef der deutschen Abwehr ist: der Dortmunder Hummels oder der Münchner Holger Badstuber, beide in der Jugend beim FC Bayern groß geworden? Für die befreundeten Spieler existiert dieses Thema jedoch „nur in der Öffentlichkeit, nicht in der Mannschaft. Wir reden beide viel und dirigieren unsere Vorderleute“, betonte Badstuber. Immerhin war in der Gruppenphase nicht zu übersehen, dass Hummels wie in Dortmund nun auch im DFB-Trikot dominant und ohne Selbstzweifel auftritt. Und ebenso ist unverkennbar, dass Badstuber und Hummels hervorragend harmonieren, jeder die wenigen Unachtsamkeiten des anderen sofort ausbügelt, wenn einmal Not am Mann ist.
Selbstzweifel will der Dortmunder Nationalspieler aber auch vorher nicht gekannt haben. Selbst nach dem Schweiz-Spiel nicht. Das habe ihn „nicht tief erschüttert. Jeder Fußballer auf der Welt hat mal gute und mal schlechte Spiele“. Auch Zinedine Zidane ist es früher schließlich so gegangen.
Entdeckung Kaum jemand hätte damit gerechnet, dass Mats Hummels bei der Europameisterschaft zu einer der Stützen der deutschen Mannschaft werden könnte. Doch nach der Vorrunde bekam der Dortmunder von allen Seiten Applaus.

