Das Coubertin-Gymnasium in Prenzlauer Berg, Klassenraum 1060. An der blassgelben Wand neben der Tür hängt ein Plakat mit jüdischen Feiertagen, darunter wird die Geschichte von Anne Frank erzählt. Am Eingang stapeln sich in Klarsichtfolie eingeschlagene Lehrbücher, über der Tafel prangt der Aphorismus von Johann Wolfgang von Goethe „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut!“
Und direkt davor am Lehrerpult sitzt sie, die Zukunft von den Füchsen Berlin. Paul Drux, 19, Fabian Wiede, 20, Willy Weyhrauch, 20, und Torhüter Angelo Grunz, 20. Dann hebt Geschäftsführer Bob Hanning an. „Paul und Fabian erhalten jeweils Fünfjahresverträge, zudem rücken Willy und Angelo in den Profikader“, sagt der Manager und lächelt: „Das ist für mich heute einer der schönsten Tage, seit ich 2005 meine Arbeit bei den Füchsen Berlin aufgenommen habe.“
Olympiagold 2020 im Visier
Der Ort für die Bekanntgabe der weitreichenden Personalentscheidungen war von den Füchsen freilich mit Bedacht gewählt. Seiner Bodenständigkeit wolle man damit Ausdruck verleihen, „und dass wir ohne die großartige Unterstützung durch das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin hier gar nicht sitzen würden“, sagte Hanning. Drux und Wiede stecken gerade in ihren Abitur-Prüfungen, bewohnen das Sport-Internat – und greifen am kommenden Wochenende nach dem Gewinn des nationalen Pokals nun beim Final Four um den EHF-Cup nach dem zweiten Titel ihrer ersten Profisaison. „Es ist für uns eine Grundsatz-Entscheidung, junge deutsche Spieler zu entwickeln und sie an die Profis heranzuführen“, sagte Hanning. „Wir wollen den Verein weiter oben etablieren, dabei spielen die Personalien Drux und Wiede natürlich eine wesentliche Rolle. Gepaart mit den Stars von heute haben wir damit eine zukunftsfähige Mannschaft zusammen.“
Dort, wo sie demnächst ihre letzten Klausuren schreiben, freuten sich Drux und Wiede über ihre neuen Verträge. „Die Füchse sind ein Top-Verein, und ich bin glücklich, auch die nächsten fünf Jahre hier zu spielen“, so Wiede. Auch Drux strahlte: „Unfassbar, dass ich beim Pokalsieg so viel spielen durfte, wir noch den EHF-Cup gewinnen können und ich einen Vertrag bis 2019 habe.“ Beide Spieler werden zeitnah aus dem Internat ausziehen und dann „endlich selbstständig werden“ (Drux).
Eine neue Dimension erreicht
Seit jeher setzen die Füchse auf eine intensive Nachwuchsarbeit, sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Klubs. Mit Wiede und Drux habe man zwei Gesichter, so Hanning, die sich über die Jugendarbeit hochgearbeitet hätten und nun integraler Bestandteil des Bundesligateams seien. „Es ist ein wunderbares Gefühl, sie langfristig an den Verein gebunden zu haben.“ Hanning weiter: „Paul und Fabian können als die größten Talente im deutschen Handball die Gesichter bei den Olympischen Spielen 2020 werden.“ Und da soll laut Hanning, zugleich auch Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), bekanntlich die Goldmedaille errungen werden. Angst, dass die Konkurrenz die beiden Juwelen hätte wegschnappen können, hatte der Manager nicht, „weil wir uns gegenseitig vertrauen. Wir haben extrem viel Zeit, Arbeit und Liebe in die Jungs gesteckt und haben diese Investitionen zu jeder Zeit wiederbekommen.“
Erst im vergangenen Jahr war Linkshänder Wiede mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet worden. Schneller als erwartet hat sich der 20-Jährige im Bundesligateam etabliert, er erhielt hinter Rückraumstar Konstantin Igropulo immer mehr Einsatzzeiten und rechtfertigte das Vertrauen von Trainer Dagur Sigurdsson. „Einige Spieler hätten, sobald sie einen Dreijahresvertrag kommen hätten, die Beine hochgelegt, aber Fabian hat weiter hart an sich gearbeitet und ist immer besser geworden“, sagte Coach Sigurdsson, der es liebt, junge Spieler weiterzuentwickeln. Mit den Personalentscheidungen vom Dienstag seien die Füchse nun in eine neue Dimension vorgestoßen. Sigurdsson: „Ab jetzt sind wir das Ajax Amsterdam des Handballs. Ich sehe nicht, dass irgendwo auf der Welt bessere Jugendarbeit geleistet wird als bei uns.“ Die Ajax-Talentschmiede gilt weltweit im Fußball als die beste Jugend-Ausbildung der Welt. Mit der Weichenstellung für die kommende Saison erhöhen die Füchse die Anzahl von Spielern, die aus der eigenen Nachwuchsschule kommen, auf sechs. Damit steht auf sechs von insgesamt sieben Positionen ein eigenes Talent im Kader für die Beletage des deutschen Handballs.
Ziel ist das erneute Erreichen der Champions League
Zugleich mahnte der Isländer Sigurdsson aber auch Geduld und Milde an, falls es bei Drux und Wiede mal nicht so gut laufe. „Das zweite Jahr als Profi ist ja das schwerere, weil die Gegner dich nicht mehr unterschätzen und wissen, was du kannst.“ Und Bob Hanning sagte: „Die beiden Spieler werden auch mal in die Lage kommen, dass sie uns ein Spiel verlieren.“ Aber das nehme man in Kauf. „Unser Motto heißt Motivation durch Identifikation, und wir trauen den beiden extrem viel zu.“
Die Füchse Berlin, die sich als Familien-Verein verstehen, verfolgen bei Verträgen eine für den Profisport nicht ganz alltägliche Linie. So statten sie ihre Spieler, die eben viel Identifikation bei den Anhängern hervorrufen, mit langfristigen Kontrakten aus. Denis Spoljaric, Pavel Horak, Colja Löffler und Petr Stochl sind bis 2016 an den Hauptstadtklub gebunden, Bartlomiej Jaszka, Mattias Zachrisson, Jesper Nielsen bis 2017, Silvio Heinevetter bis 2018 – und jetzt eben Wiede und Drux bis 2019.
Mittelfristig wollen die Füchse, die in dieser Bundesligasaison Platz fünf sicher haben, auch wieder um die Champions-League-Plätze mitspielen. Für diesen nächsten Schritt will Hanning dem Trainer auch noch ein bis zwei erfahrene Spieler an die Hand geben. „Denn ich kann Dagur ja nicht die Beine zusammenbinden und dabei von ihm verlangen, dass er den 100-m-Lauf gewinnt.“ Um weitere Stars zu verpflichten, müssen die Füchse aber erst noch die wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen. Mit Wiede und Drux ist die Zukunft des deutschen Handballs immerhin schon langfristig an die Berliner gebunden.





