Am Freitag steigt wieder das Istaf Indoor in der Mercedes-Benz Arena (ab 18 Uhr). Einer der Stars ist Diskuswerfer Christoph Harting (25), der erstmals seit seinem Olympiasieg in Rio de Janeiro einen Wettkampf bestreitet.

Im Vorjahr waren Sie Zweiter beim Istaf Indoor mit 64,34 Metern. Welche Weite trauen Sie sich dieses Mal zu?

Christoph Harting: Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, was ich aktuell draufhabe. Wir befinden uns momentan fast ausschließlich im Kraftraum. Den Diskus habe ich in diesem Winter bisher kaum in der Hand gehabt. Das ist immer der Nervenkitzel beim Istaf Indoor. Diesmal kommt hinzu, dass ich zwei Tage vor dem Wettkampf noch eine Klausur im Fach Entwicklungspsychologie geschrieben habe. Das ist eine zusätzliche Belastung. Aber ich wollte trotzdem unbedingt starten.

Das Hallen-Istaf ist eine Show-Veranstaltung, mit Pyrotechnik, Laser und Livemusik. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Das ist genau das, was die Leichtathletik braucht. Unsere Sportart ist doch aufgrund ihres komplexen Regelwerks und ihrer Disziplinvielfalt uninteressant für den normalen Zuschauer. Der setzt sich nicht neben den Wurfkäfig und merkt sich über sechs Durchgänge, wer gerade in Führung liegt. Mit diesen Show-Elementen gibt man dem Ganzen einen ganz neuen Charakter. Dadurch wird das Sportfest zum Event. Aber es fehlt der Leichtathletik momentan noch an anderen Dingen. Es braucht neue Vorbilder: Sportler, die jeder kennt und die vielleicht auch mal anecken. Nennen Sie mir fünf deutsche Leichtathleten aus den letzten 25 Jahren, auf die das zutrifft – die gibt es nicht! So wird das Interesse weiter abnehmen. Wäre ich nicht selbst aktiver Leistungssportler, würde ich mich auch nicht dafür interessieren.

Sie haben ein distanziertes Verhältnis zu Ihrem Sport. Hat Ihre olympische Goldmedaille trotzdem einen prominenten Platz in Ihrer Wohnung bekommen?

Nein, die liegt im Keller mit allen anderen Urkunden und Medaillen.

Nach Ihrem Olympiasieg haben Sie während der Nationalhymne ein Tänzchen auf dem Siegertreppchen hingelegt und dafür viel Kritik geerntet. Würden Sie es wieder machen?

Thomas Edison hat einmal gesagt: „Erfahrung nennt man die Summe all unserer Irrtümer“. Die ganze Angelegenheit ist für mich ein Reifeprozess gewesen. Eine Auseinandersetzung mit den Medien, aber auch mit mir selbst. Es war ein hoch emotionaler Moment, der nicht kontrollierbar war. Wichtig ist nur, dass man aus seinen Erfahrungen lernt – und dieser Prozess ist eingetreten.

Werden Sie als Olympiasieger öfter auf der Straße angesprochen?

Ein bisschen, aber es hält sich in Grenzen. So viel hat sich nicht verändert. Ich habe ein paar neue Sponsoren dazugewonnen. Das ist ein schönes Gefühl, schließlich habe ich bis 2014 immer nur in den Sport investiert und nie etwas zurückbekommen. Ich habe immer Minus gemacht. Zum Glück haben mich meine Eltern unterstützt. Als Sportler darf man sich nicht nur auf die Fördersysteme verlassen. Um ganz nach oben zu kommen, ist sehr viel Eigeninitiative gefragt. Der Leistungssport fordert seinen Tribut. An meinem 18. Geburtstag etwa habe ich nicht groß gefeiert – stattdessen war ich im Trainingslager und war zweimal stundenlang im Kraftraum. Abends haben wir kurz angestoßen, um 21 Uhr bin ich ins Bett gegangen. Das war das größte Armutszeugnis meines Lebens.

Im vorigen Sommer hätte es dieses Interview nicht gegeben. Vor den Olympischen Spielen hatten Sie sämtliche Presseanfragen abgelehnt. Inzwischen sprechen Sie wieder mit den Medien, zuletzt nahmen Sie sogar an einem Prominenten-Quiz teil. Ist der Medienboykott Geschichte?

Vorerst. In diesem Sommer findet ja „nur“ eine Weltmeisterschaft in London statt. Aus meiner Sicht gibt es nur einen sportlichen Höhepunkt, und das sind die Olympischen Spiele. In drei Jahren, wenn ich mich auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereite, werde ich es deshalb wieder so handhaben und in dieser Saison auch nicht mit den Medien reden. In einer Olympiasaison brauche ich all meine Energie und Zeit ausschließlich für den Sport.

Robert Harting und seine Frau Julia haben die Trainingsgruppe von Torsten Lönnfors im Herbst verlassen und werden seither von Marko Badura betreut. Haben Sie Ihren Bruder vergrault?

Ich weiß nicht genau, was seine Beweggründe waren, aber ich kann sie nachvollziehen. Ich erkläre es mal am Beispiel eines Flugzeugs – das ist der deutsche Diskuswurf. Das rechte Triebwerk ist Robert, das linke bin ich, beide Triebwerke brennen. Torsten Lönnfors ist der Mechaniker an Bord, er muss abwechselnd beide Triebwerke reparieren. Doch immer, wenn er sich um das eine kümmert, fängt das andere gerade wieder an zu brennen, so dass die ganze Maschine ständig kurz vorm Absturz steht. Mit Marko Badura wurde nun ein zweiter Mechaniker eingestellt. Nun kann sich jeweils ein Mechaniker um ein Triebwerk kümmern und das Flugzeug kommt sicher an sein Ziel.

Vor zwei Jahren haben Sie Ihre Wurftechnik komplett umgestellt. Was können Sie im Training jetzt noch verändern, um noch weiter zu werfen?

Je sauberer die Bewegung ausgeführt wird, desto weiter fliegt der Diskus. In diesem Bereich habe ich viel Potenzial, ebenso in den Trainingsumfängen. Ich habe kein Problem damit, noch mehr zu trainieren. Ich brauche das: sich nach einer Einheit elend zu fühlen, weil man bis ans Äußerste gegangen ist. Das ist genau meine Welt. Ich will so gut werden, wie noch keiner war. Ich will eine Weite hinterlassen, welche für die Ewigkeit bestehen wird.

Sie wollen 80 Meter werfen – sechs Meter weiter als der Weltrekord. Manch einer wird da womöglich argwöhnisch, wie Sie das mit sauberen Mitteln erreichen wollen.

Die 80 Meter sind in erster Linie als Motivation gemeint. Es ist ein Ziel, das weit genug entfernt liegt, dass man sich nicht vorschnell zufriedengibt – das aber trotzdem nicht unerreichbar ist. Wenn es nur mit unlauteren Mitteln erreichbar ist, dann werde ich nie so weit werfen.

Die Leichtathletik hat ein Dopingproblem. Gerade erst hat der Weltverband IAAF die Sperre gegen russische Athleten verlängert, sie werden auch bei der WM in London fehlen. Die richtige Entscheidung?

Russland darf aus meiner Sicht bei der WM nicht starten. Es kann nicht sein, dass dem dortigen Verband klare Auflagen gemacht werden und dieser sich dann überhaupt nicht daran hält. Wenn jemand nachweislich vorsätzlich gedopt hat, sollte er lebenslang gesperrt werden. Zudem sollten alle Sportler, die dadurch benachteiligt wurden, vor einem Internationalen Sportgerichtshof Schadensersatzklage einreichen können. Ich würde allerdings all jenen eine zweite Chance geben, die nachweislich fahrlässig ohne ihr Wissen und ungewollt positiv getestet wurden, zum Beispiel aufgrund verunreinigter Nahrungsmittel. Man muss es differenziert betrachten.

Ihr Bruder Robert Harting forderte 2016 den Rücktritt von IOC-Präsident Thomas Bach, weil dieser zu nachsichtig mit Russland gewesen sei. Wie ist Ihre Meinung?

Thomas Bach sollte zurücktreten, damit das IOC wieder ein Gesicht bekommt, das für sauberen Sport und konsequentes Handeln steht. Der olympische Gedanke hat im vergangenen Jahr großen Schaden genommen und an Glanz und Glaubwürdigkeit verloren. Es braucht nun Reformen, die transparent, nachvollziehbar, konsequent und nachhaltig sind. Ansonsten sehe ich Olympia bis 2040 langsam sterben.