So sind Sportler eben, fast alle. Sie müssen sich immer was beweisen. Härter trainieren, um noch besser zu werden, ist dabei die eine Seite. Herausforderungen lassen sich aber auch anders gestalten, mit einer großen Pause zum Beispiel. Andreas Kuffner hat Pause gemacht, ein Jahr setzte er mit dem Wettkampfrudern aus. Irgendwann kommt da automatisch der Punkt, an dem man überlegt. Wirklich noch mal den ganzen Stress durchmachen oder die Auszeit endgültig werden lassen? Kuffner wählte den Stress: „Auch um der Frage nachzugehen, ob ich nach einer Pause wieder zu den Besten in Deutschland gehören kann.“
Er kann. Am Sonntag rudert der Berliner in Amsterdam mit dem Deutschland-Achter in das Finale der Weltmeisterschaften. Zwei Jahre nach dem Olympiasieg mit dem deutschen Flaggschiff in London kämpft der 27-Jährige wieder um Gold.
Selbstverständlich ist so ein Comeback nicht. Gerade im Achter herrscht generell eine relativ hohe Fluktuation; wer raus ist, hat es schwer, wieder in das Boot zu kommen. Bei vollem Training. Das absolvierte Kuffner aber gar nicht, seine Hürde lag also noch höher. „Das Jahr Pause war natürlich gerade physisch und rudertechnisch ein Rückschlag“, erzählt der Athlet vom BRC. Deswegen ist er ziemlich stolz, dass er es gepackt hat.
Dafür musste er leiden, Ruderer trainieren unerbittlich, bis über die Grenzen der Erschöpfung hinaus. „Hinter mir liegt eine sehr, sehr schwierige Saison, psychisch wie physisch. Es gab viele Rückschläge, vor allem gesundheitlich“, sagt Kuffner. Um dieses Selbstbewusstsein zurückzuerlangen, mit dem er zum Olympiagold ruderte, brauchte es eine ganze Weile.
Abstand von Dortmund
Damals in London waren Kuffner und der Achter auf dem Höhepunkt. Trotzdem ging es für ihn nicht weiter, eine Alternative zum temporären Wettkampfverzicht eröffnete sich dem Sportler nicht. Er erwog sogar den nächsten Schritt. „Nach Olympia war ich zuerst drauf und dran, komplett mit dem Sport aufzuhören“, so der gebürtige Bayer. Ganz loslassen konnte er dann doch noch nicht, aber Abstand musste auf jeden Fall her. Weniger vom Achter, mehr von Dortmund.
Dort ist die Kaderschmiede des Bootes beheimatet. Wer nicht in Dortmund trainiert, hat keine Chance auf den Achter. Kuffner studiert aber in Berlin, Wirtschaftsingenieurwesen an der Beuth Hochschule, er musste zwei Praktika absolvieren und seine Bachelorarbeit schreiben. Dem ständigen Pendeln zu entfliehen reizte ihn genauso, wie mehr Zeit für Privates zu haben. Im Olympiajahr etwa verbrachte er gerade einmal 25 Tage in Berlin.
Teilweise Herzrasen
Anfangs zweifelte er ein bisschen, ob er den gesuchten Abstand finden würde. „Aber ich habe relativ schnell den Schalter umgelegt und mich auf mein Studium und mein Privatleben konzentriert“, erzählt er. Es hat sich gelohnt, die Bachelorarbeit wurde mit 1,0 benotet. Trotzdem musste er sich zunächst an die neue Situation gewöhnen. Vorgenommen hatte sich Kuffner, fünfmal die Woche zu trainieren. Als hochgezüchteter Leistungssportler braucht er die Belastung ganz einfach. Und für den Wiedereinstieg musste schließlich auch eine gewisse Basis vorhanden sein. Nur ließ ihm das Praktikum erst mal gar nicht so viel Zeit. „Da habe ich schnell gemerkt, dass das nicht gut ist für den Körper. Teilweise hatte ich schon Herzrasen“, sagt er. Alles musste sich einpendeln.
Auf dem Weg zurück ins Boot genauso. Nach dem Bachelor- begann Kuffner mit dem Masterstudium. Wieder Berlin-Dortmund, Dortmund-Berlin. Er weiß ja, wie das ist: Doppelbelastung mit Sport und Studium, extrem hartes Üben, kaum Zeit für andere Dinge. „Das hat die Entscheidung auf jeden Fall erschwert, wieder zurückzukehren. Vor allem, wenn man mal ein Jahr ein Leben geführt hat, das ich vorher so nicht unbedingt gehabt habe“, sagt der Ruderer, der 2011 schon Weltmeister mit dem Achter war. Spontan sein, freie Wochenenden. Es kommt einiges zusammen, worauf Leistungssportler so verzichten müssen.
Noch fünf Olympiasieger im Boot
Mit dem speziellen Ehrgeiz, der ihnen eigen ist, schaffen sie das. Olympiasieg, erster Studienabschluss, Wiedereinstieg – alle Ziele erreicht, Kuffner könnte nicht glücklicher sein: „Am Ende war es die richtige Entscheidung für mich.“ Vor ihm liegt nun die Chance auf seinen zweiten WM-Titel. Bei der EM und beim Weltcup in Luzern siegte das Boot. „Wir haben jetzt einen sehr guten Achter. Trotzdem war der Olympiaachter schon noch etwas leistungsstärker“, sagt der Berliner, der einer von fünf Olympiasiegern in der mit dem Steuermann neun Athleten starken Crew ist. Ohne Kuffner riss im vergangenen Jahr die Erfolgsserie des Achters, der zuvor drei WM-Titel in Folge gewonnen hatte. Titelverteidiger Großbritannien ist jetzt in Amsterdam einer der Hauptgegner.
Die nächste Etappe soll den Ruderer nach Rio de Janeiro führen, den Olympiaerfolg würde er dort in zwei Jahren gern wiederholen. Was danach kommt, weiß er auch schon. „Für mich ist es dann wichtig, beruflich Fuß zu fassen“, erzählt Andreas Kuffner. Das klingt, als würde er sich dann sportlich nichts mehr beweisen wollen. Das klingt mehr nach Abschied als nach Auszeit.


