Hätte er doch nur auf sie gehört, denkt Annemarie Großhans öfter. Aber Fußballer sind manchmal wie kleine Kinder: Wenn der Ball rollt, setzt ringsherum alles aus. Gern auch die Vernunft. Die hätte Serhat Akin, 32, nach toller Karriere und zuletzt vielen Verletzungen ebenso wie Großhans dazu geraten, dem Fußball zunächst den Rücken zu kehren und sich die Angebote der Arbeitsagentur anzuschauen.

Jetzt funktioniert das erst einmal nicht, denn Akin besitzt einen gültigen Arbeitsvertrag. Vordergründig klingt das ziemlich gut, offiziell ist er angestellt beim Berliner AK 07, einem Berliner Viertligisten. Im August 2013 unterschrieb er dort für eine Saison, obwohl das Karriereende vorgesehen war. Annemarie Großhans, die den Profi seit 2004 anwaltlich begleitet, gefiel das damals nicht. Inzwischen bestätigen sich viele ihrer Ahnungen: Akin wurde wohl unregelmäßig bezahlt, jetzt will der Verein ihn nicht mehr, und auf Kommunikationsversuche reagiert der Klub kaum.

„Das ist schlechter Stil vom BAK“, sagt Großhans. Die Expertin für Vertragsrecht will schlichten. Doch seit dem 4. Dezember 2013 herrschte zunächst Funkstille seitens des Vereins. Damals legte der Klub seinen Standpunkt durch Geschäftsführer Mehmet Ayik dar. „Mir wurde erzählt, dass der Vorstand beschlossen habe, dass Herr Akin nicht mehr spielen soll. Außerdem sei man ein Amateurverein und habe kein Geld“, erzählt Großhans. Für den Regionalligisten schien die Angelegenheit damit erledigt. Gegenüber der Morgenpost erklärte Ayik: „Die Wege haben sich getrennt, aber in Frieden. Wir können uns in die Augen schauen.“ Das findet Akin nicht.

BAK hatte einen riesigen Coup gelandet

Vor ein paar Monaten sah alles danach aus, als hätte der BAK einen riesigen Coup gelandet. Der kleine Verein, der sich gerade zur dritten Kraft im Berliner Fußball hinter Hertha BSC und dem 1. FC Union hoch gearbeitet hat, bringt es fertig, einen Spieler mit Starformat an sich zu binden. Serhat Akin, der in Bretten bei Karlsruhe geborene Deutsch-Türke, nahm 2002 für die Türkei an der WM teil, gewann Meistertitel mit Fenerbahce Istanbul und dem RSC Anderlecht, spielte Champions League. Verletzungen behinderten ihn zuletzt, Top-Niveau war nicht mehr drin – vierte Liga schon.

Über Hertha-Profi Sami Allagui entstand der Kontakt. Beide spielten gemeinsam in Anderlecht. „Er ist wie ein Bruder für mich“, sagt Akin. Später wohnte er sogar bei Allagui, nachdem er den Lockrufen des BAK und seines Präsidenten Mehmet Ali Han nicht mehr hatte widerstehen können: „Die haben mich ständig angerufen und wollten unbedingt, dass ich für sie spiele.“ Als er endlich da war, erlebte der BAK einen medialen Schub. Akin in der Regionalliga – das sorgte selbst in der Türkei für Aufsehen, Kamerateams kamen vorbei. Akin wurde zur Werbefigur, er wurde präsentiert, sogar in Shisha-Bars.

Auf dem Platz fand er sich gut zurecht, in sieben Ligaspielen traf er zweimal. Der Klub stand lange auf Platz eins. Irgendwann aber kamen die Niederlagen, Platz eins geriet in weite Ferne. Bei einem Training wurde Akin von einem Assistenten plötzlich zugerufen, er solle Bälle einsammeln. Was er angesichts seiner Karriere als schlechten Scherz empfand und verweigerte. Kurz darauf hieß es Ende November, er und die im Sommer verpflichteten Ugurtan Cepni und Omid Saberdest wären suspendiert. Geschäftsführer Ayik sagte, zwischen den jungen Spielern und Akin habe es nicht gepasst, deshalb erfolge die Trennung. Die anderen sollten nur ihr Verhalten ändern, sie gehören nun wieder zum Kader. Akin weist diese Vorwürfe zurück.

Eine ordentliche Kündigung liegt bisher nicht vor. „Der Vertrag besteht weiter“, sagt die Anwältin. Genau genommen sind es zwei Kontrakte. Einmal verfügt Akin über einen Arbeitsvertrag als Spieler nach DFB-Vorlage über 460 Euro monatlich. Zudem bestehe ein Übungsleiterverhältnis, welches ihm jeden Monat 200 Euro Aufwandsentschädigung zuspricht. Geschäftsführer Ayik: „Geld hat keine Rolle gespielt. Was er gemacht hat, war fast eine ehrenamtliche Tätigkeit.“ Gezahlt wurde wohl trotzdem lediglich zweimal das Spielergehalt.

Mangel an Professionalität

Auch die großzügigen mündlichen Zahlungsversprechen über die fixierten Verträge hinaus, die Han gemacht haben soll, seien nicht eingehalten worden. „Für die Versprechen gibt es laut Akin Zeugen“, so die Juristin. Ungereimtheiten gab es wohl noch mehr. Als Akin sich ärztlich behandeln ließ, verweigerte die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) zunächst die Zahlung, da das vorgeschriebene Versicherungsverhältnis fehlte. Laut VBG sei Akin erst nach einem Sportunfall nachversichert worden. Bei der Deutschen Rentenversicherung war er zwar gemeldet, bis zum 16. Januar 2014 seien nach seiner Information Beiträge jedoch nicht eingegangen.

Anwältin Großhans bot schriftlich an, dass Akin seinen Vertrag erfüllt. Gleichzeitig schlug sie alternativ eine Aufhebung vor, verbunden mit der Abgeltung sämtlicher Ansprüche gegen eine Abfindung von 20.000 Euro. Auf Fristsetzungen reagierte der Klub nicht. Erst am 16. Januar meldete sich Han, Akin könne für 400 Euro in der zweiten Mannschaft spielen, teilte er mit. Und er werde beweisen, dass Akin keine Ansprüche habe. „Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als eine Klage beim zuständigen Arbeitsgericht in Berlin einzureichen. Ein sachliches Gespräch mit Herrn Han war nicht möglich“, so die Anwältin aus Stuttgart. Die Klage soll in Kürze eingehen.

Akin sitzt derweil in seiner Heimat. Eine Spieleragentur würde er gern aufbauen. Sollte das klappen, wird er kaum je Geschäfte mit dem BAK machen. Der Klub betont gern seine soziale Verantwortung, stellt sich als Multikulti-Verein mit Vorbildfunktion dar. In puncto Professionalität gibt es noch viel aufzuarbeiten. Weil er nicht auf seine Anwältin hören wollte, muss Akin das nun ausbaden.