Das Prozedere, stare down genannt, gehört untrennbar zum Profiboxen. Die beiden Kämpfer stehen sich im Rahmen der Wiegezeremonie Nase an Nase gegenüber, starren sich an. Es gilt nervenstark zu sein, den Blick nicht zu senken. Eine durchaus archaische Form von Imponiergehabe. Oder doch eher der Ausdruck für ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, wohl wissend, was man Gutes zu bieten hat?

Das Berliner Profiboxteam Sauerland tritt Anfang 2014 zum stare down an. Im Blickfeld die ARD, besser all jene Personen und Gremien, die über die Verlängerung des 2014 auslaufenden Vertrages zwischen den Faustkämpfern und dem Ersten zu entscheiden haben.

Es ist nicht verbürgt, ob sich Englands wohl größter Dichter William Shakespeare (1564 bis 1616) für das Berufsboxen interessiert hätte, aber mit seinem Satz aus dem Hamlet, „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, hat er die momentane Situation des Sauerland Teams ziemlich präzise beschrieben.

Mit der ARD als TV-Partner läuft der Betrieb weiter, ohne bestenfalls in deutlich abgespeckter Form. Es gibt keinen Spielraum zum Taktieren, der nächste Schlag muss, um im Boxjargon zu bleiben, treffen.

Starke Fraktion gegen das Boxen

Also heißt es, die Nerven zu bewahren beim stare down. Teamgründer Wilfried Sauerland sieht die Angelegenheit pragmatisch. „Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren mit der ARD zusammen. Wir haben dem Sender in dieser Zeit gute Quoten beschert. Unser Produkt stimmt. Natürlich muss man bei Gesprächen die immer wieder wechselnden wirtschaftlichen Bedingungen berücksichtigen, aber deswegen setzt man sich ja zusammen“, so der 73-Jährige, der sicher ist, dass sein Team die von der ARD gezahlten Beträge zwischen 900.000 und 1,5 Millionen Euro pro Kampftag wert ist.

Dieser Sichtweise will sich Ruth Hieronymi, Vorsitzende der Rundfunkrates beim WDR, nicht anschließen. Sie sieht eher eine Abkehr der ARD vom Boxgeschäft. Schon die Verlängerung des momentan noch gültigen Vertrages, der in seiner Laufzeit und Dotierung wesentlich beschnitten wurde (zwei Jahre statt drei und etwa 26 Millionen Euro statt zuvor 54 Millionen für die jeweilige Laufzeit), sei eine Art Einstieg zum Ausstieg, sagte sie bei der „Sport-Bild“.

Die Schlacht von Wetzlar

„Ohne die ARD können wir die von uns gewohnte gute Arbeit nicht abliefern“, sagt Kalle Sauerland. Der 36-Jährige hat in den vergangenen Jahren große Teile des operativen Geschäfts von seinem Vater übernommen. Dennoch setzt er auf einen neuen TV-Deal. „Wir gehen jetzt mit vier Top-Kämpfen in die Offensive. Hernandez, Brähmer, Huck und Abraham kämpfen um WM-Titel. Arthurs drittes Duell mit Robert Stieglitz wird definitiv ein Knaller. Wir müssen ganz einfach die Kämpfe anbieten, die sonst keiner anbietet.“

Abraham, vom einstigen Schlumpf-Boxer zu „König Arthur“ aufgestiegen, ist aller berechtigter Kritik an seinen mäßigen letzten Kämpfen zum Trotz das Alphatier im Berliner Boxstall. Der 33-Jährige begründete seinen Ruf mit dem Sieg in Wetzlar 2008, als er dem gebürtigen Kolumbianer Edison Miranda acht Runden lang mit einem gebrochenen Unterkiefer die Stirn bot und am Ende siegte.

Die Marktanteile für die ARD sind, nicht zuletzt durch Abraham, der als einziger die Sechs-Millionen-Zuschauergrenze durchbrechen konnte, an Boxabenden jedenfalls gut. 21,3 Prozent waren es zur fraglichen Sendezeit im Verlauf des Jahres 2013 (18 Prozent Marktanteil sind Grundlage des Vertrages). Für ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky sind die erreichten Zahlen „absolut in Ordnung. Aus Sicht des Sports gibt es keine Beanstandungen. Wir werden deshalb auch miteinander reden.“ Die ARD sitzt seit Dezember 2000 beim Profiboxen in der ersten Reihe. Zehn bis zwölf Boxabende gab es im Schnitt pro Jahr.

Für den 29 Jahre alten Kubaner Yoan Pqablo Hernandez ist „Boxen die Chance meines Lebens. Ich habe bei meiner Flucht 2005 aus Kuba alles auf eine Karte gesetzt. Ich habe einen Job bei Sauerland bekommen. Den will ich behalten. Also werde ich dem Team helfen, indem ich gut boxe.“

Zusammenbruch miterlebt

Jürgen Brähmer, mit 34 der Senior unter den Sauerland-Boxern, ist ein gebranntes Kind. Der Familienvater aus Schwerin erlebte den Rückzug des ZDF 2010 aus dem Hamburger Universum-Team mit anschließender Insolvenz hautnah mit. „Das war der Hammer. Alles ging den Bach runter. Ich habe als alter Sack jetzt wieder eine Perspektive. Wenn wir Titel gewinnen, steigt das Interesse der Fans. Und Fans sind als Zuschauer auch für das Fernsehen wichtig“

Marco Huck, 29 Jahre alt und Vater eines Sohnes, geht entgegen seiner Gewohnheiten im Ring bei seiner Beurteilung der Lage zurückhaltend zu Werke. „Ich kenne die Gründe nicht, warum Boxen verschwinden könnte. Aber es gibt auch Leute, die sich für uns nicht interessieren. Das muss man akzeptieren. Unser Job ist es zu gewinnen. Das habe ich und auch die anderen bisher fast immer geschafft, und die Quoten waren gut. Ich glaube an einen neuen Vertrag.“

„Ich hätte ja noch Glück, weil ich schon viele Jahre dabei bin und mit 33 ja auch nicht mehr ewig im Ring stehe“, sagt Arthur Abraham. „Aber wenn es kein Fernsehen gäbe, wäre es das Ende für viele junge Kämpfer. Das würde mir echt leid tun.“

Die kommenden Monate werden richtungsweisend für das hiesige Berufsboxen. Steigt die ARD aus, blieben nur RTL mit den Klitschko-Brüdern und Sat.1 mit Felix Sturm und Robert Stieglitz übrig. Sie könnten dann die quotenträchtigsten Sauerland-Kämpfer abwerben. Das wäre wohl das Ende des Berliner Teams.