Die meisten aus der internationalen Kollegenschar packten zu Hause noch die Koffer für die Weltmeisterschaft, da war Ole Einar Björndalen schon vor Ort. Gemeinsam mit seiner skijägernden Gattin Darja Domratschewa traf der 43-jährige Norweger bereits am Wochenende in Hochfilzen ein, bei miserablem Wetter drehte er dann am Montag erste Runden auf der WM-Strecke. An keinem anderen Ort feierte der Evergreen unter den Biathleten mehr Erfolge, fünf seiner 20 WM-Goldmedaillen räumte Björndalen bei den Titelkämpfen 1998 und 2005 im Pillerseetal ab. „Dass die Zuschauer hier fast am Schießstand stehen, ist sehr schön“, sagte er nun. „Da kriegst du wirklich Gänsehaut.“

Ein wohliger Schauer – ganz im Gegensatz zur gruseligen Nachricht, die ihn und die versammelte Skijäger-Gemeinde im Dezember ereilte. Beim Weltcup in Nove Mesto wurde bekannt, dass im zweiten McLaren-Report Dopingverdächtigungen gegen 31 russische Skijäger ausgesprochen worden waren. Die Branche war in Aufruhr – und weil der Doppelwettkampf mit Ski und Gewehr eine gewaltige Dopingvergangenheit hat, wollten sich die Athleten diesmal nicht mit dem zögerlichen Vorgehen ihres Weltverbandes IBU abfinden.

Trainer Pichler ist für Startverbot von Nationen

Deshalb unterschrieben 170 von ihnen Mitte Januar einen Brief an die Internationale Biathlon-Union, in dem sie längere Sperren für Dopingsünder, die Streichung von Startplätzen beteiligter Nationen und deutlich härtere finanzielle Strafen fordern. Die IBU spielte daraufhin auf Zeit – doch auf massiven Druck der Sportler hin, Athletensprecher Björndalen vorneweg, stimmen ihre 51 Mitgliedsverbände über die Vorschläge schon jetzt ab. Bei einem Außenordentlichen Kongress in Fieberbrunn. An diesem Mittwoch, dem Tag der WM-Eröffnungsfeier im sieben Kilometer entfernten Hochfilzen.

Die Spannung unter den Biathleten ist enorm – und noch größer ihre Hoffnung, dass sich endlich etwas bewegt. „Im Weltcup waren wir ja schon kurz vor einem Boykott der Sportler. Der Druck ist groß genug, dass jetzt etwas unternommen wird“, betont Schwedens deutscher Trainer Wolfgang Pichler im Gespräch mit der Morgenpost: „Ich denke, dass die IBU nun zum Handeln gezwungen wird.“

Von den 31 anfangs verdächtigten russischen Skijägern wurden zwei vorläufig suspendiert. Die übrigen Fälle werden, abgesehen von sieben noch offenen Ausnahmen, mangels Beweisen nicht mehr weiter verfolgt. Auch deshalb warnt Ricco Groß, seit August 2015 Coach der russischen Skijäger, vor einer Vorverurteilung seiner Athleten. Zumal er das Lehrgangsprogramm mit seiner Mannschaft in den letzten eineinhalb Jahren bewusst nach Mitteleuropa verlegt hat. „Wir wollten dadurch ein Stück weit ein Zeichen gegenüber der Welt-Antidoping-Agentur setzen. Zeigen, dass wir kontrollierbar sind“, betont der viermalige Staffel-Olympiasieger. „Denn es war ja immer die Krux, dass alle sagten: Die Russen kann man ja gar nicht kontrollieren, wenn sie irgendwo in ihrem riesigen Land trainieren.“

Doch der Argwohn bleibt – zumal die Skijägerei, in vielen Ländern Wintersportart Nummer eins, unter besonders scharfer Beobachtung steht. „Es muss eine spürbare Strafe sein“, fordert Groß. „Wie will man denn sonst den Hochleistungssport mal endgültig sauber kriegen?“

Diese Frage stellt sich Wolfgang Pichler schon lange. Der 62-jährige Ruhpoldinger, vor und während der Winterspiele in Sotschi für die russischen Biathletinnen verantwortlich, gilt als scharfer Dopingkritiker – und setzt nun auf den großen Wurf am Vorabend der WM. „Die IBU unterstützt unheimlich viele Länder finanziell. Deshalb habe ich wirklich die Hoffnung, dass jetzt richtig durchgegriffen wird. Mit einem entsprechenden Reglement – bei dem sich jeder gut überlegt, ob er noch mal dopt“, sagt er.

Nicht zimperlich ist Pichler, der beim Kongress in Fieberbrunn für eine öffentliche Abstimmung plädiert, mit seinen Forderungen. Zu den bisherigen Sperren von zwei Jahren für überführte Betrüger etwa sagt er: „Die bringen überhaupt nichts. Wer zum Beispiel mit EPO dopt, sollte lebenslang gesperrt werden.“ Den Wunsch der Biathleten, bei Verbänden mit schummelnden Sportlern Startplätze einzukassieren, treibt er noch weiter. „Ein Dopingfall – ein Quotenplatz weg. Zwei oder drei Dopingfälle – ein Jahr lang Startverbot für die komplette Nation“, schlägt Pichler vor und erklärt mit Blick aufs große Ganze: „Wenn alles stimmt, was im McLaren-Report steht, war es der russische Staat, der bei den Spielen in Sotschi in allen Sportarten die Dopingproben manipuliert hat. In dem Fall sehe ich nur eine Lösung: Dass die Russen einen Denkzettel bekommen und für ein Jahr, für die Winterspiele 2018, suspendiert werden.“

Vor den Spielen in Rio reichte das Internationale Olympische Komitee das Thema an die Fachverbände weiter. Was Wolfgang Pichler noch heute in Rage bringt. „Genau das ist der Saustall des IOC“, zürnt er. „Solche Entscheidungen müssen nicht die Verbände treffen. Da ist das IOC in der Verantwortung.“ Dasselbe gilt aber auch für die IBU – am Mittwoch, im Pillerseetal.