Luke Schlemm starb nach dem erfüllendsten Moment, den ein Spieler im American Football erleben kann. Der Star der Wallace County High School in Sharon Springs im US-Bundesstaat Kansas schaffte im Endspiel gegen Otis-Bison den entscheidenden Touchdown. Nach dem Jubel-Lauf in die Arme seine Team-Kollegen brach Schlemm an der Seitenlinie zusammen. Im Krankenhaus stellten die Ärzte den Hirntod fest.
Die Tragödie des 17-Jährigen ist kein Einzelfall. Tyrell Cameron. Roddrick Williams. Ben Hamm. Kenny Bui. Evan Murray – die Liste junger Highschool-Spieler, die seit Beginn der Saison im August gestorben sind, ist mit zwölf Opfern bereits länger als die des gesamten Vorjahres. Amerikas beliebtester Nachwuchssport gerät unter Zugzwang. Und jetzt kommt auch noch Dr. Bennet Omalu.
Profis bekommen bis zu 200.000 Schläge auf den Kopf
Der gebürtige Nigerianer ist Universitäts-Professor in Kalifornien. Er hat 2002 im Hirn des ehemaligen Pittsburgh-Steelers-Star Mike Webster erstmals „chronisch traumatische Enzephalopathie“ nachgewiesen; ein klassischer Kollateralschaden des beinharten Sports. Gemessen an der langen Karriere des Profis ging Omalu davon aus, dass Webster über 200.000 Schläge auf den Kopf bekommen hat. Die Erkenntnisse des Arztes wurden von der National Football League (NFL) lange verdrängt. Inzwischen gehört das Thema zum nationalen Selbstgespräch. Im Frühjahr einigte sich die NFL mit 5000 ehemaligen Spielern auf Entschädigungszahlungen in Höhe von rund einer Milliarde Dollar. Damit sollte kompensiert werden, dass die NFL die Langzeitschäden nach Gehirn-Erschütterungen verharmlost hat. Studien wie die von Dr. Omalu belegen zweifelsfrei, dass Krankheiten wie Demenz und Depression darauf zurückgehen.
Am 1. Weihnachtstag kam Omalu in Gestalt von Hollywood-Star Will Smith in „Concussion“ in die amerikanischen Kinos. Der beeindruckende Streifen, in Deutschland ab Februar unter dem Titel „Erschütternde Wahrheit“ zu sehen, hat die Kontroverse um American Football als Jugendsport weiter angeheizt. Danach befragt, ob er seinen sechsjährigen Sohn auf den Platz lassen würde, sagte Dr. Omalu dem „Time-Magazin“: „Niemals. Und wenn ihn ein Trainer ansprechen sollte, würde ich die Schule verklagen.“ Die Gründe wiegen schwer.
Ärzte und Politiker fordern einen besseren Schutz
Im vergangenen Jahrzehnt bezahlten nach Statistiken des „Nationalen Zentrums für schwere Sportverletzungen“ in North Carolina 100 Teenager ihre Liebe zum Football mit dem Leben. Im Kongress in Washington will der Abgeordnete Cedrick Richmond dem Phänomen nicht länger zusehen. Per Gesetz soll die staatliche Gesundheitsbehörde CDC verpflichtet werden, weitere Schutzmaßnahmen zu entwickeln. „Unsere Kinder sind unser größter nationale Schatz“, sagte der Demokrat bei einer Ansprache in Washington, „wir müssen das Spiel für die Jugend so sicher wie möglich machen.“
Trauma-Spezialisten wie Dr. David Klossner von der Universität von Maryland zählen neben einer ausgewogenen athletischen Ausbildung junger Spieler und strikter Regelauslegung bei überharten Einsätzen vor allem die Schulung der Trainerstäbe im Umgang mit Schädel- und Halsverletzungen zu den wichtigsten Punkten aktiver Vorbeugung. „Vor einem Spiel muss verpflichtend abgeklärt werden, ob ein Spieler den Strapazen gewachsen ist.“
Die Zahl der Nachwuchsspieler geht sukzessive zurück
Klossners Initiative trifft den Zeitgeist. Obwohl American Football mit knapp einer Million Spieler der gefragteste Jugendsport ist, gingen die Nachwuchszahlen zwischen 2010 und 2012 um fast zehn Prozent zurück. „Viele Eltern wollen ihre Söhne nicht mehr dem Risiko aussetzen“, sagte ein Talente-Scout der Washington Redskins dieser Zeitung.
Ärzte wie Dr. Bennet Omalu warnen, dass die Auswirkungen von Zusammenstößen bei jungen Spielen verheerend sein können. „Helme schützen zwar die Knochen“, sagt der Mediziner, „aber nicht das Gewebe.“ Werde eine Verletzung nicht rechtzeitig erkannt und in den ersten Minuten nicht präzise behandelt, könne es schnell zur „Katastrophe“ kommen. Wie bei Andre Smith. Ende Oktober wurde der 17-Jährige im letzten Spiel seiner Mannschaft in Chicago hart getackelt. Am Tag darauf war er tot. Concussion. Gehirnerschütterung.




