Roman Weidenfeller sagt, er fühle sich in keiner Weise zu alt für den Job. 35 Jahre ist der Torhüter von Borussia Dortmund – und dies ist nicht nur seiner Ansicht nach vielleicht sogar das beste Alter für einen Schlussmann. Jens Lehmann, sein Vorgänger beim BVB, vertritt diese Ansicht ebenfalls. Bereits im März, als sich abzeichnete, dass Weidenfeller seinen Status als unumstrittener Stammkeeper in Dortmund verlieren wird, hatte er ihm deshalb geraten, den Verein zu verlassen.
Weidenfeller hat sich jedoch anders entschieden. Er ist in Dortmund geblieben, obwohl er davon ausgehen konnte, dass er zumindest nicht immer spielen wird. Es kam, wie es kommen musste: In Roman Bürki wurde ein neuer Torhüter (mit mehr fußballerischen Qualitäten) verpflichtet, und nachdem Thomas Thuchel beide in der Vorbereitung ausgiebig getestet hatte, entschied er sich für Bürki als Nummer eins. Allerdings, so betonte der neue Trainer, sei ihm diese Festlegung ausgesprochen schwer gefallen. Es sei eine Entscheidung gewesen, die sich „fachlich nicht bis ins letzte Detail erklären“ lasse.
Weidenfeller hätte schließlich „sechs außergewöhnliche Wochen hingelegt“, die er so nicht erwartet hätte, sagte Tuchel: „Er hat sich nicht ausgeruht auf seiner Erfahrung, die er hier über viele, viele Jahre gesammelt hat. Er hat sich nicht auf seinem Status und seinem Weltmeistertitel ausgeruht.“ Und weil sich Weidenfeller eben nicht in die Schmollecke zurückgezogen habe, belohnte Tuchel ihn auf ungewöhnliche Weise: Bürki sei zwar die Nummer eins, doch Weidenfeller schenkte er die beiden Play-off-Spiele zur Qualifikation für die Gruppenphase in der Europa League. Trotz der fünf Gegentore gegen den norwegischen Erstligisten Odds BK darf er auf weitere Pflichtspieleinsätze hoffen – sei es in der Europa League oder im DFB-Pokal.
Es war dennoch eine Grundsatzentscheidung, die Weidenfeller für sich hatte treffen müssen. Wollte er alles der Prämisse unterordnen, einen Status als uneingeschränkte Nummer eins zu pflegen? Dann hätte er nach 13 Jahren den Verein wechseln, in eine andere Stadt ziehen müssen. Eintracht Frankfurt war interessiert, es gab auch Interessenten aus dem Ausland. Doch Weidenfeller ist in Dortmund heimisch geworden, hat im vergangenen Jahr seine Lebensgefährtin Lisa geheiratet. Im Übrigen besitzt er noch einen bis Juni 2016 laufenden Vertrag mit dem BVB.
Bei einem Vereinswechsel wäre die Wahrscheinlichkeit groß gewesen, dass er Gehaltseinbußen hätte in Kauf nehmen müssen. Für sich traf Weidenfeller deshalb still und leise die Entscheidung zu bleiben. Und all die berufsmäßigen Kritiker, die spekuliert hatten, dass er Tuchels Entscheidung nicht akzeptieren würde, wurden enttäuscht. Der Grund lag auf der Hand: Weidenfeller hatte nichts anderes erwartet. Er ist erfahren genug, um zu wissen, dass er bei einer normalen Entwicklung kaum Chancen haben wird, an Bürki vorbeizukommen. Ein neuer Trainer dürfte schließlich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Torwart setzen, für dessen Verpflichtung er sich starkgemacht hat.
Die Tatsache, bereits mehr erreicht zu haben, als ihm seine Kritiker zugetraut hatten, mag eine gewisse Gelassenheit zur Folge haben. Mit 35 geht ein erfahrener Profi nicht mehr auf die Barrikaden. Weidenfeller betonte, dass Tuchel ihm gegenüber seine Entscheidung offen dargelegt hätte. „Ich werde mich auch künftig weiter unterstützend in die Mannschaft einbringen“, erklärte er. Nun ist plötzlich sogar vorstellbar, dass Weidenfellers professionelle Art, mit seiner neuen Situation umzugehen, auch längerfristig honoriert werden wird. So ist es nicht ausgeschlossen, dass der BVB Weidenfellers auslaufenden Vertrag sogar noch einmal verlängern wird.
OM

