Ein Skandal, dass am Mittwochmorgen ein paar Fifa-Funktionäre in Zürich festgenommen wurden? Aber nein. Der Skandal ist vielmehr, dass jene Herrschaften so lange frei herumliefen, die sich offenbar fast ein Vierteljahrhundert lang an einer Droge bereicherten, auf die alle scharf sind, ob im Kanzleramt oder in der Eckkneipe, bei Bildungsbürgers oder Bushido: Fußball. Während sich die Welt berauschte, verwandelte Joseph Blatter den Weltfußballverband Fifa in eine mafiöse Vereinigung, die den Sport ausplünderte. Dabei folgt Blatter, der sich selbst den „Paten“ nennt, treu den Glaubenssätzen von Don Corleone, dem Paten aller Paten.

„Irgendwann werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen.“*

Die Basis für ein mafiöses System sind Abhängigkeiten. Bis zu 1,5 Millionen Dollar ist die WM-Stimme eines Fifa-Funktionärs wert. Wer großzügige Beute ermöglicht, wird eines Tages Gefallen zurückfordern, etwa bei Wahlen. Und wenn es Katar ist. Oder Blatter. (Vgl auch: „Geld ist eine Waffe. Politik ist zu wissen, wann man abdrückt.“*)

„Frage mich niemals nach meinen Geschäften.“*

Kaum wird Blatter nach dunklen Machenschaften gefragt, empört er sich zunächst über die Unverschämtheit, um dann vorwurfsvoll zu schweigen. Dabei gäbe es viel zu sagen: "Den Angeklagten wird eine ungezügelte und systemische Korruption vorgeworfen", sagt US-Justizministerin Loretta Lynch. Zwei Generationen Funktionäre hätten mehr als 150 Millionen Dollar kassiert. Leider haben sich auch Topspieler daran gehalten, nicht zu fragen. Statt alberner Gesten nach dem Treffer hätten Messi, Müller und Robben lieber mal ein mutiges „Bye Bye, Blatter“-T-Shirt in die Kameras der Welt gehalten.

„Halte deine Freunde nahe bei dir, aber deine Feinde noch näher.“

Die Verdächtigen saßen kaum im Polizeitransporter, da schlug sich der Fifa-Chef auf die Seite der Ermittler. Leichtfüßig wie beim Tikitaka schlawinert sich Blatter immer dorthin, wo es gerade nicht so streng nach Korruption riecht.

„Du darfst nie einen Menschen, der nicht zur Familie gehört, merken lassen, was du denkst.“*

Nach außen strotzen Blatters Reden vor Gefühligkeiten wie „Familie“ und „Solidarität“ und „Sportsgeist“. Hinter dem Vorhang taucht dagegen ein Netz von Mitspielern auf, die „Solidarität“ sehr eigenwillig interpretieren: Fifa-Funktionäre, Manager von Sportmarketing-Unternehmen und schließlich Experten für Geldwäsche hätten zügellose und systemische Korruption betrieben, sagt die US-Justiz.

„Der reichste Mann ist immer der, der die mächtigsten Freunde hat.“

Blatter ist letzter Vertreter einer Generation von macht- und geldhungrigen Sportführern, die ins Größenwahnsinnige abdriften. Und viele Firmenbosse und Regierungschefs sind so einfältig, den Irrsinn zu bedienen. Blatters Geld stammt ja nicht aus dunklen Kanälen, sondern von öffentlich-rechtlichen TV-Sendern, Dax-Unternehmen oder aus Steuertöpfen. Darauf einen Staatsempfang für Blatter.

„Ehrliche Leute leben gefährlich!“*

Schon als Fifa-Generalsekretär erfuhr Blatter offenbar viel Hilfreiches über die Machenschaften seines Vorgängers Havelange, die ihn wiederum auf den Chefsessel klettern halfen. 2002 wurden erste Strafanzeigen gegen Blatter gestellt wegen Korruption und Amtsmissbrauch. Aber 17 Jahre ist nichts passiert. Blatter lebt wohl nicht gefährlich.

"Was soll das für einen Sinn haben zu beichten, wenn man nichts bereut?"*

Psychologisch interessante Frage: Trägt Blatter einen Hauch Schuldbewusstsein in sich oder ist er, wie manche Herrscher, dem Wahn erlegen, der Welt Gutes zu tun?

„Ich glaube an die USA.“*

Könnte sein, dass dies der einzige falsche Glaubenssatz ist. Denn während Europa den Fifa-Machenschaften empörend gleichmütig zuschaut, durchleuchtet das FBI seit vier Jahren die schmutzigen Geschäfte des früheren Fifa-Offiziellen Chuck Blazer und robbt dabei immer dichter an den Chef heran. Dass Blatters Kronprinz und Finanzminister Jeffrey Webb von den Cayman-Inseln unter den Festgenommenen ist, dürfte seinen Glauben in die USA erschüttern. Leider gehören die Vereinigten Staaten zu den wenigen Gegenden der Welt, die nicht an der Droge Fußball hängen. Vielleicht macht das FBI ja schon bald ein Angebot, das Blatter nicht ablehnen kann, in Alcatraz zum Beispiel.

* Zitate aus dem Film „Der Pate“