Sie ist die große Konstante im deutschen Eisschnelllauf, und selbst mit 42 Jahren noch die Hoffnungsträgerin der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG). Vor zwei Monaten bei den Olympischen Spielen in Sotschi erlief die Berlinerin Claudia Pechstein mit den Plätzen vier und fünf über 3000 und 5000 Meter die besten deutschen Resultate. Erstmals aber seit 50 Jahren blieb die DESG ohne Olympiamedaillen. Das stieß auch dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bitter auf, es wurden ernste Gespräche mit den Verantwortlichen angekündigt. In der nächsten Woche trifft sich die DESG-Führung in der Nähe von Berlin zur Auswertung der Saison. In der Morgenpost zieht Claudia Pechstein bereits vorher Bilanz und fordert harte Maßnahmen.
Berliner Morgenpost: Frau Pechstein, Sie haben den Start bei der Mehrkampf-WM am Ende der vergangenen Saison abgesagt. Sie haben das damit erklärt, dass Sie den Kopf nicht frei gehabt hätten. Was erwidern Sie den Stimmen, die der Meinung waren, Sie hätten wohl eher vor der niederländischen Übermacht resigniert?
Claudia Pechstein: Das ist lächerlich. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich keinen Wettkampf scheue. Aber im Sport ist vieles Kopfsache. Wenn ich mich nicht auf das Wesentliche konzentrieren kann, macht es keinen Sinn, mich an den Start zu stellen.
Was hat Ihre Konzentration denn gestört?
Die Ungewissheit, wie es weitergehen soll. Ich liebe meinen Sport, mir macht es immer noch riesigen Spaß, auf Kufen übers Eis zu flitzen. Aber nach Olympia scheint sich ein großes schwarzes Loch aufzutun, das alles verschlingt.
Das klingt nach Untergangsstimmung.
Übertreibung macht ja bekanntlich anschaulich. Und es nutzt nichts, jetzt noch irgendetwas schön zu reden. Wir waren mal die Eisschnelllaufnation Nummer eins, jetzt laufen wir häufig nur noch hinterher. Das hat sich über Jahre abgezeichnet, doch niemand hat gehandelt. Die sportliche Führung des Verbandes gibt ein Trauerspiel ab, das sorgt für eine große persönliche Unzufriedenheit. Nicht nur bei mir, sondern auch bei den anderen Athleten.
Was konkret beklagen Sie?
So viel Platz haben Sie nicht, um das alles aufzuschreiben. Aber ich versuche gerne, ein paar Beispiele anzuführen. Das Wichtigste im Sport ist es, den Wettkampf zu suchen. Nur so kommt man voran und zum Erfolg. Das habe ich in meiner langen Karriere gelernt und oft genug bewiesen. Und was machen wir? Wir streichen bei den Deutschen Meisterschaften kurzfristig Rennen, weil nicht genügend Läufer an den Start gehen. Da sagen die Trainer, du läufst den Massenstart nicht mit, um Kräfte für die lange Saison zu sparen. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die Sportler wollen laufen, und die Trainer lassen sie nicht. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir uns zurückentwickeln. Oder nehmen wir die verschenkte Medaillenchance im Teamrennen bei Olympia. Alle anderen Nationen trainieren das, bis jeder Schritt sitzt. Bei uns ist professionelles und regelmäßiges Teamtraining ein Fremdwort. Und am Ende wundern sich alle, dass wir uns nicht mal für Olympia qualifizieren. Da könnte ich jetzt noch heulen vor Wut, wenn ich daran nur denke.
Und wieso können diese Probleme nicht gelöst werden?
Dazu braucht es eine starke sportliche Führung auf Verbandsseite. Wenn ich jetzt sagen würde, wir haben eine schwache, dann wäre das gelogen. Wir haben überhaupt keine. Bei uns können die Stützpunkte und vor allem die dortigen Trainer schalten und walten, wie sie wollen. Jeder macht seins, aber keiner macht was zusammen. Früher haben die Stützpunktkämpfe die Athleten beflügelt. Heute ist dieses Konkurrenzdenken eher kontraproduktiv. Uns fehlt dafür einfach die Masse an Spitzenathleten.
Heißt das, Sie machen Sportdirektor Günter Schumacher für die Misere verantwortlich?
Niemand ist allein Schuld am Niedergang einer ganzen Sportart. Aber letztlich trägt einer die Verantwortung. Das ist in einem Sportverband nicht anders als in der Politik oder in der Wirtschaft. Und unser Verantwortlicher heißt nun einmal Günter Schumacher. Er hätte uns auf Kurs halten und Ideen entwickeln müssen. Aber er ist schon seit Jahren viel zu weit weg vom Team. Wie soll jemand wissen, was uns Sportler bewegt, wenn er nur selten beim Training oder beim Wettkampf weilt und kaum das Gespräch mit uns sucht?
Was hätte Günter Schumacher denn erfahren können, wenn er die Nähe zu den Sportlern gesucht hätte?
Dass die Unzufriedenheit viel größer ist, als er es sich in seinem stillen Kämmerlein in der Geschäftsstelle in München vorstellen kann. Die Verbandsarbeit ohne Konzept und System und der damit verbundene Misserfolg bringen viele meiner Teamkollegen um die Chance auf Erfolg. Bei einigen fehlt es schon an der Grundausstattung. Einziger DESG-Ausrüster ist Mizuno. Einen Großteil unseres Trainings absolvieren wir aber auf dem Rad. Hier muss sich jeder von uns um sein Zeug kümmern, weil Mizuno damit nichts am Hut hat. Jeder in meinem vor Olympia ins Leben gerufenen „Team Mission Sochi“ ist zum Beispiel vom Rennradhersteller Stevens ausgerüstet worden. Warum gelingt uns so etwas, dem Verband aber nicht? Da wird in vielen Punkten viel zu klein gedacht. Oberstes Prinzip scheint es, den knappen Besitzstand zu schützen. Hauptsache, der Sportdirektor oder ein längst ausgemusterter Cheftrainer bekommen ihr fettes Gehalt, während einigen Mitgliedern der Nationalmannschaft nicht mal das Benzingeld für die Fahrt ins Trainingslager erstattet werden kann. Das ist die traurige Wahrheit.
Da klingt viel Frust mit. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit das deutsche Eisschnelllaufen wieder an bessere Zeiten anknüpfen kann?
So gut wie alles. Zunächst einmal brauchen wir eine neue sportliche Führung. Da sind jetzt unser Präsidium und der DOSB in der Pflicht. Wir benötigen jemand, der in der Lage ist, anzupacken und sich durchsetzen kann. Jemand, der über den Tellerrand hinausschaut. Wir brauchen neue Ideen und Konzepte in der Trainings- und Wettkampfgestaltung, in der Sponsorenansprache und vor allem in der Nachwuchsgewinnung und -förderung. Wir brauchen einen konkreten Plan für die nächsten acht, wenn nicht sogar zwölf Jahre, um uns sportlich wieder neu aufzustellen.
Sie fordern ziemlich unverblümt den Rücktritt oder auch den Rauswurf des Sportdirektors, auch ansonsten gehen Sie selten einem Streit aus dem Weg. Haben Sie keine Sorge, dass Sie irgendwann als Meckertante vom Dienst gelten?
Wie heißt es so schön: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert. Aber im Ernst, wenn ich gefragt werde, mache ich auch den Mund auf. Ich liefere seit mehr als 20 Jahren Weltklasseleistungen ab. Damit habe ich mir das Recht erarbeitet, öffentlich zu meiner Meinung zu stehen. Wer damit ein Problem hat, kann ja gerne weghören.
Sie sind nicht die einzige Athletin, die offenbar Sorge hat um ihre Sportart und die Arbeit der DESG kritisch sieht. Einige Ihrer Kollegen haben sich vor ein paar Wochen mit einem Strategiepapier an das Präsidium gewandt. Was halten Sie davon?
Dass es aus Kreisen der Athleten eine Manöverkritik gibt, ist gut und richtig. Dazu gehört es, Defizite und auch Visionen aufzuzeigen. Allerdings finde ich es erstaunlich, dass hier im Namen aller Athleten gesprochen wird, ohne dass wir zuvor überhaupt einmal an einem Tisch gesessen und uns darüber ausgetauscht haben, was wir wie erreichen wollen. Denn nicht nur die Funktionäre und Trainer müssen ranklotzen, sondern auch die Athleten. Ich habe schon öfter mal die nötige Leidensfähigkeit und den bei manchen fehlenden Biss bemängelt. Jeder muss sich bestmöglich einbringen.
Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus? Wollen Sie tatsächlich bei Olympia 2018 noch auf dem Eis stehen oder würden Sie auch im Verband Verantwortung übernehmen?
Das eine schließt das andere ja nicht aus. Man kann auch Verantwortung übernehmen, ohne offizieller Funktionsträger zu sein. Ich bin bereit, meine Erfahrung einzubringen. In den Bereichen Trainingsfleiß, Einsatzbereitschaft, Ehrgeiz und Erfolge bin ich für viele ein Vorbild. Das möchte und werde ich auch gerne noch ein paar Jahre sein. Aber zunächst einmal ist jetzt der Verband am Zug. Er muss Ideen entwickeln und Strukturen schaffen, mit denen wir international konkurrenzfähig bleiben, oder besser gesagt, es wieder werden.





