Ein wenig wirkt es so, als würden sich die Boote direkt vom Steg losreißen wollen – ungeduldig und ungestüm, so als könnten sie den Start der kommenden Saison nicht erwarten. Sie bäumen sich auf wie Rennpferde in einer Box. Dabei sind es nur Wind und Wellen, die die Schiffe so stark auf- und abspringen lassen. Der Saisonstart in diesem Jahr für die Berliner Segler beim Berliner Yacht-Club – er ist ein wenig sturmumtost. Am Himmel wechseln Sonnenschein und Wolken ab. Flauten folgen auf starke Böen. Bei dem Klub am Wannsee sind trotz dieser wechselhaften Bedingungen rund 1500 Menschen zusammengekommen, um die neue Saison zu eröffnen.

Das große Jahr der Jubiläen in der Berliner Segelszene

Im Grunde ist es jedes Jahr das gleiche Ritual. Aus allen Himmelsrichtungen reisen die Berliner Segler an, viele davon auf eigenem Kiel, und ankern dann vor dem Klub, in dem das Ansegeln stattfindet – mittags werden ein paar Reden gehalten, Wünsche für die kommenden Sommermonate formuliert, es werden Flaggen gehisst – nach gut einer halben Stunde ist das Zeremoniell vorbei. Doch dieses Jahr ist außergewöhnlich. Dieses Jahr ist das große Jahr der Jubiläen in der Berliner Seglerszene.

So wird der Berliner Yacht-Club in diesem Jahr 150 Jahre alt, der Verein Seglerhaus am Wannsee ebenso. Beide Klubs veranstalten das große Ansegeln des Berliner Segler-Verbandes daher gemeinsam. Jürgen Kahl, Vorsitzender des Berliner Yacht-Clubs, sagt: „Der Berliner Yacht-Club ist die Wiege des sportlichen Freizeitsegelns in Deutschland. Berlin ist damit der Ort, an dem das Freizeitsegeln erfunden wurde.“ Der Berliner Yacht-Club stehe mit seinem Namen damit seit nunmehr 150 Jahren stellvertretend für den Segelsport in Deutschland. Dies zeigt: Berlin spielt eine herausragende Rolle im nationalen wie internationalen Segelsport. Es ist somit ein Jahr der Rückschau, aber auch eines des Blickes nach vorn. Das sieht man etwa im Berliner Yacht-Club ganz besonders: „Der Klub hat sich immer wieder angepasst und verändert“, sagt Kahl. „Wir befinden uns heute jedoch an dem Punkt, an dem es nötig ist, den Berliner Yacht-Club neu zu denken.“ Es ist eine Aussage, die nicht nur für diesen Traditionsverein gilt.

Früher identifizierten sich die Segler schließlich über Jahrzehnte mit ihren Klubs. Die Vereinsmitglieder waren diejenigen, die ihre Klubs nach und nach wachsen ließen, sie bauten die Stege, päppelten die Jugendabteilungen, zogen die Klubhäuser hoch. Daraus resultierte, dass die Vereine für viele ein Stück Heimat wurden, in denen die Segler neben der reinen Ausübung ihres Segelsports einen Großteil ihrer Freizeit verbrachten, in denen sie sich persönlich engagierten.

Gleichwohl: „Die Erwartungen der Segelsportler an ihren Verein haben sich grundlegend gewandelt. Veränderte Bedürfnisse der Menschen erfordern zukünftig neue Sport- und Freizeitangebote mit neuen Konzepten“, sagt Kahl. So würden die Klubs heute mehr denn je als Plattform für die Ausübung des Segelsports gesehen, als Dienstleister. „Die Angebote der verschiedenen Vereine werden miteinander verglichen, die Liegeplätze, die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten. Es wird gefragt: Welches Angebot passt optimal zu mir? In welchem Klub kann ich von den Erfahrungen der Mitglieder am meisten profitieren?“, so Kahl. Das ist eine völlig andere Denkweise als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig schränken langjährige Mitglieder ihre seglerischen Aktivitäten altersbedingt ein. Und bei jungen Erwachsenen stehe das eigene Boot oft nicht mehr an vorderster Stelle auf der Prioritätenliste, denn es binde zu viele Ressourcen. Kurzum: Der Segelsport ändert sich.

Ein Testlabor für Entwicklungen

Und doch ist dies nichts Neues, denn Berlin ist seit jeher ein Testlabor für neue Entwicklungen im Segelsport gewesen. „Segeln ist der drittälteste Sport in Berlin, nach Schießen und Turnen“, ergänzt Rolf Bähr, Ehrenvorsitzender des Berliner Segler-Verbandes und von 2005 bis 2013 Präsident des Deutschen Segler-Verbandes. „In Berlin haben wir auf relativ wenig Raum ein sehr großes Seglerpotenzial. Das ist etwas Besonderes“, sagt Bähr. So ist der Verein Seglerhaus am Wannsee etwa immer wieder vorn mit dran, wenn es um neue Ideen geht. Der zweitälteste deutsche Segel-Verein nach dem Königsberger SC Rhe wurde 1867 als „Gesellschaft der vereinigten Segler der Unterhavel“ gegründet. Der Klub war etwa Mitinitiator der deutschen America’s-Cup-Kampagne im Jahr 2004 oder fünf Jahre später Mitbegründer des „Sailing Team Germany“, wie auch der Berliner Yacht-Club. Dieser hatte im Jahr 1868 mit der „Regatta von Berlin“ übrigens eine der ersten großen Segelregatten Deutschlands ausgerichtet.

„Bildeten früher die einzelnen Ressorts für sich eigene kleine Vereine im Klub, denen man sich meist nach Alter zugehörig fühlte, so steht heute die Zusammenarbeit der Ressorts als großes Team im Vordergrund“, ergänzt Kahl. Alle Angebote aus den einzelnen Ressorts werden auf der Klub-Plattform zu einem gemeinsamen und vielfältigen Angebot gebündelt und aufeinander abgestimmt. Das erfordere ein völlig neues Denken bei den Verantwortlichen und eine große Offenheit für Synergien im gemeinsamen Miteinander. „Das Denken in Ressorts wird ersetzt durch das gemeinsame Segeln in Formaten über alle Lebensphasen hinweg.“

Segelvereine stehen vor großen Herausforderungen

So schwankt die Szene immer wieder zwischen Tradition und Moderne. Schon seit Jahrzehnten existiert beim Berliner Yacht-Club etwa die „Mittwochregatta“, die regelmäßig alle sportbegeisterten Mitglieder zusammenführt, um nach erfolgreicher Wettfahrt am Abend den Sonnenuntergang gemeinsam auf der Terrasse zu genießen. Gleichzeitig herrscht immer auch ein wenig Aufbruchstimmung, etwa durch die Teilnahme an der Segel-Bundesliga, wenn es darum geht, startklar zu sein, wenn der nächste Wettkampf vor der Tür steht an den verschiedensten Orten in der Republik.

„Alle großen Segelvereine in Berlin stehen vor großen Herausforderungen. Bei den Vereinen untereinander wird sich zukünftig ein neuer Teamgeist herausbilden. Mit arbeitsteiligen Strukturen werden sich die Vereine gegenseitig ergänzen und ihre Angebote aufeinander abstimmen. Nur so wird es möglich sein, die Attraktivität des Segelsports auf den Berliner Gewässern in der Breite zu erhalten“, so Kahl. Diese Art der Zusammenarbeit ist jedoch nicht selbstverständlich und erfordert gleichermaßen ein neues Denken bei den Mitgliedern aller Vereine. Die Anfänge hierfür seien jedoch gemacht: So verantwortet der Berliner Yacht-Club etwa die Ausbildung für die 29er-Klasse an Wannsee und Unterhavel.