Sie müssen entschuldigen, aber ich schlachte gerade meine Enten", die Frau hinterm Gartenzaun zupft sich feine, weiße Entendauen von der Fliesjacke. "Ich schlachte die nur wegen der Vogelgrippe. Das haben die uns nun eingebrockt, die da oben." 50 Enten habe sie gehabt, zu viele, um sie, wie neuerdings vorgeschrieben, in den kleinen Stall zu sperren. Jetzt sind die Enten tot. "Ich frier die ein", sagt die Frau, "zum Glück waren alle vorbestellt. " Früher habe auch Angela Merkel Geflügel oder Eier bei ihr gekauft. "Aber in letzter Zeit sieht man sie nur noch beim Joggen."
Als Nachbarin sei die CDU-Politikerin "absolut in Ordnung", die Entenfrau zupft die letzte Daune weg. "Aber an Deutschland wird die auch nichts ändern können". - "Deutschland", das klingt hier in Hohenwalde verächtlich, nach Vogelgrippe, Arbeitslosigkeit und sinnlosen Gesetzen, hier, 100 Kilometer nördlich von Berlin, wo Angela Merkel ihr Wochenendhaus hat. "Die da oben", sagt die Frau, "die haben doch keine Ahnung, wie es uns geht." Frau Merkel wohnt höchstens zehn Häuser weiter.
Fast jedes Wochenende sei Frau Merkel mit ihrem Ehemann, dem Chemiker Joachim Sauer, in Hohenwalde in der Uckermark "angemeldet", wie die Dörfler es nennen. Es klingt fast, als erhebe das Dorf Anspruch darauf, daß die vielleicht künftige Kanzlerin sich bei ihnen persönlich anmeldet, beim Volk. Aber so ist es nicht. Die Entenfrau wirft sich in die Brust. "Nein, sie melden sich natürlich bei der Polizei an. Und bei mir. Ich mache nämlich bei ihnen sauber."
Frau Merkel werde oft in zwei schwarzen Autos gebracht, erzählen die Dörfler. Die Autos kämen erst wieder, wenn die Politikerin abgeholt würde. "Was sollen auch die Personenschützer hier, wenn Frau Merkel dann doch mutterseelenallein joggen geht?", fragt eine Frau. Die Nachbarn erzählen von Hubschraubern, die im Sommer über ihren Gemüsebeeten kreisten. "Wenn Frau Merkel da ist, kommt die Polizei einmal pro Stunde und guckt, ob alles in Ordnung ist, das ist alles", sagt einer.
Ist alles in Ordnung in Hohenwalde, diesem winzigen Dorf in der Uckermark, wo nur etwa 40 Menschen leben, davon ein Drittel "Wochenend-Berliner" und nur noch drei Kinder? Wo, wer nicht selbständig ist oder weit fährt zur Arbeit, von Hartz IV leben muß oder vom Ersparten der Verwandten? Wo es keinen Laden gibt, keine Kneipe - aber dafür die vielleicht bald mächtigste Frau Deutschlands, wenigstens am Wochenende? "Frau Merkel ist eine ganz normale Hohenwalderin", sagt der Bürgermeister Klaus-Christian Arndt. "Ich hoffe, daß sich daran nichts ändert". Es liegt nichts Drohendes in diesem Satz, eher Vorsicht.
Sommers sehe man Frau Merkel manchmal im See baden, sagen die Leute. "Ganz normal eben", erzählt einer, "früher war sie auch bei uns mit im Angelverein. Aber jetzt kommt sie nicht mehr", sagt der Mann. Es klingt irgendwie endgültig, als wollte sie mit diesem Leben nichts mehr zu tun haben. Das Pressefoto, auf dem man Merkel neulich mit einem kapitalen Hecht in der Uckermark sah, soll nicht mehr gedruckt werden. Kürzlich hat das Fernsehen den Hohenwalder Bootsanleger gefilmt. "Aber das war mein Kahn, den sie da gezeigt haben", empört sich der Nachbar von gegenüber, "Frau Merkel und Herr Sauer haben doch ihr Boot da gar nicht mehr liegen". Der Bootsanleger ist eine sumpfige Stelle am See. Wenn man dort sitzt, kann man Enten vor sich aus dem Schilf krachen hören. Manchmal ziehen See-, Kreisch- oder Fischadler vorbei. Auch Wendehälse solle es geben. Hohenwalde liegt im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.
Es ist vielleicht 20 Jahre her, daß Angela Merkel und Joachim Sauer hierher kamen. Genau weiß es keiner. Sie waren einfach irgendwann da, sagen die Leute, als handele es sich bei den prominenten Nachbarn um eine bisher nicht dokumentierte, endemische Art. Damals arbeitete Angela Merkel am Institut für Physikalische Chemie der Berliner Akademie der Wissenschaften. Sauer gilt in der akademischen Welt als einer der besten Quantenchemiker des Landes. Im Dorf mosern sie über ihn, weil er nie etwas sagt. Selbst beim letzten Dorffest habe er schweigend neben seiner Frau gesessen. Das Fest ist schon ein paar Jahre her. Irgendwie hatte wohl seitdem keiner mehr Lust zu feiern.
Das Gebäude, das Frau Merkel und Herr Sauer herrichten ließen, ist ein typisches Einfamilienhaus. Heute hat das Haus weißen West-Putz, braune Holzfenster, rote Dachziegel. Aus dem Stall daneben wurde eine Garage. Es soll eine Sauna geben, heißt es. Auch Neid ist ein fester Bewohner in Dörfern wie diesem. Bloß auf was? Auf den Jägerzaun, den Plastikscheinwerfer mit Bewegungsmelder aus dem Baumarkt unter der Traufe? Sonst ist da nichts, kein Halloween-Kürbis-Kitsch, keine schicksalhafte Jahreszahl über der Tür. Das gesamtdeutsche Nachwendehaus, so sieht es aus - nüchtern, geschichtslos. Das Fundament aus Feldsteinen unterm weißen Verputz erinnert als einziges daran, wo es steht. Die runden Steine der Endmoräne sind der einzige Überfluß, den die Uckermark hat. Ihr einziger Reichtum ist die Natur.
Auch hinter Merkels Fenstern sieht man nichts. "Die hat nicht mal Gardinen", meckert eine Anwohnerin, "abends kann man sie in der Küche wirtschaften sehen, aber der Herr Professor sitzt immer nur am Tisch." Sie schüttelt den Kopf, es ist nicht ganz klar, ob ihr das Verhalten der Nachbarn oder ihre eigene Teilhabe daran mißfällt. "Neulich wurde Panzerglas in die Fenster eingebaut", behauptet ein weiterer Nachbar, als sei schußsicheres Glas die notwendige Fortsetzung der deutschen Gardine mit anderen Mitteln. "Und die Jäger mußten ihre Kanzeln mit Blick auf Merkels Garten abbauen", fügt er dann hinzu. Später am Abend knallen Schüsse, ganz in der Nähe. Es ist Jagdsaison. Das Nachbarrevier mit seinem Rot- und Damwild war erst Hermann Görings, später Erich Mielkes Lieblingsjagdgrund.
Es gibt vielleicht 20 Häuser in Hohenwalde, wenn überhaupt. Würde man all ihre Geschichten erzählen, es würde sich anhören wie ein Abzählreim: ene, mene muh... Zu steinig war der Boden und sumpfig, als daß jemand mit Landwirtschaft reich geworden wäre. Adlige Gutsbesitzer, Siedler und Umsiedler kamen und gingen, um einen Ortskern zu hinterlassen oder wenigstens ein Kirchlein. Wie viele Besitzer Hohenwalde hatte, ob es einst Gut oder nur Vorwerk war - unbekannt. "Ende des 19 Jahrhunderts war die Siedlung wohl praktisch entvölkert", sagt Bürgermeister Arndt. Geblieben sind drei malerische Feldstein-Ställe, die wahrscheinlich einer derer von Arnim baute. Dazu ein "Siedlerhaus" von 1912, heute leben Künstler darin und Zugezogene aus dem nahen Milmersdorf. Ein langes Ziegelgebäude am Ortsende könnte vor vielleicht 100 Jahren für Saisonarbeiter gedacht gewesen sein.
In den 80er Jahren und auch nach der Wende, als viele der grauen Häuschen der Uckermark leer standen, kamen Künstler und Träumer und Leute auf der Suche nach Ruhe und Freiheit. Viele sind längst wieder weg. Manchen wurde es zu voll. Andere scheiterten, wie der Mann, der in Hohenwalde eine "Ökodomäne" aufzog mit selbst vermarkteter Butter und Milch. Heute gehören die Ställe zum benachbarten Gut Temmen, wo jemand auf gigantischen 2500 Hektar Mutterkuhhaltung betreibt - und immerhin 22 Leute fest angestellt hat. Die schönen Ställe von Hohenwalde sollen zu Wohnungen mit Seeblick werden. Es gibt Leute in Hohenwalde, die auch darüber meckern.
Die Uckermark, die Endmoräne, hat über die Jahre viele Geschichten hervorgebracht und andere verschluckt. Es gibt kaum Sagen und Märchen, nicht mal einen richtigen Dialekt. Bei schönem Wetter kann man die Dörfler und Gäste die Straße von Hohenwalde entlangziehen sehen, vorbei am Merkelschen Haus, und die neueste Story erzählen: die von der Vielleicht-Kanzlerin aus dem eigenen Dorf. "Da, Annalisa, guck's dir gut an", sagt ein älterer Herr zu einem kleinen Mädchen. "Ich heiß' Luisa", antwortet das Kind. Unbeeindruckt.
Hohenwalde ist eine Sackgasse. Nicht nur im übertragenen Sinn. Drei Minuten braucht man von Ortsschild zu Ortsschild, dann mündet die Dorfstraße in einen Feldweg neben weiten Weiden am Krinertsee. Im Ortskern hält jemand Pferde. Ein Schild verkündet unter EU-Sternen, bei dem Weg handele es sich um den "Ferienreit- und Kutschweg Berlin-Usedom", EU-finanziert.
Merkels Terrasse und der große Garten liegen mit Blick Richtung See. Es ist still. Ein hellgrüner Gartenschlauch schreibt ein letztes Satzzeichen des Sommers auf den Rasen, ein leerer Laubkorb wartet auf den Herbst. Bei Merkels ist niemand zu Hause.

