Seine blauen Augen haben wieder diesen Glanz, der mich bereits bei meinem Treffen mit Eike von Stuckenbrok im Jahr 2009 fasziniert hat. Damals galt er als Shootingstar der Varieté-Szene. Sein Markenzeichen war der Handstand. Aus dem spektakulären Akrobaten ist ein erfolgreicher Regisseur geworden, wie die Show „Dummy lab“ im Chamäleon Theater beweist. Eine Wandlung wider Willen. Was den Ausschlag gab, verrät der heute 26-Jährige im Gespräch.

Berliner Morgenpost:

Eike, ich habe Sie als Menschen voller Optimismus und Lebensfreude in Erinnerung ...

Eike von Stuckenbrok:

Ich bin immer noch sehr optimistisch. Das hat sich nicht geändert.

Was hat sich geändert?

Sonst eigentlich alles. Ich hatte Anfang 2014 einen Unfall in Kambodscha. Ich war zu Fuß unterwegs und ein Taxi raste mir mit voller Wucht in die Seite. Bei dem Aufprall wurde ich so unglücklich verletzt, dass mein Knie gebrochen und die Nerven in meiner Schulter zertrennt wurden. Das ist, als ob man den Stecker zieht. Eine superbescheuerte Verletzung. Gehirn, Nerven und Rückenmark regenerieren sich nicht. Man hat mir die Nerven aus dem Fuß transplantiert. Nun habe ich wenigstens die Chance einer Heilung. Das letzte Jahr war schräg für mich.

Sie sagten 2009 den Satz: Alles, was gefährlich ist, ist gut. Denken Sie immer noch so?

Die gefährlichsten Sachen machen mir auf jeden Fall immer noch am meisten Spaß (grinst).

Ihr Körper war Ihr Kapital. Und jetzt?

Jetzt konzentriere ich mich auf meinen Kopf. Der geht hoffentlich nicht so schnell kaputt.

Fühlen Sie sich kaputt?

In gewisser Hinsicht schon. Ich habe einen lahmen Flügel. Ich bin traurig darüber, was ich verloren habe. Ich arbeite mehr als vorher, aber eben nur anders. Die anderen spielen die Show, und ich denke mir das aus. Ich habe meinen Ausgleich gefunden.

Im Alter von zehn Jahren brachen Sie sich einen Fuß und konnten nicht mehr skaten. Für Sie kein Problem. Sie übten den Handstand, fast bis zur Perfektion. Nun haben Sie sich die Schulter verletzt und führen Regie.

Regie ist nur ein Teil meiner Arbeit. Es fällt mir nach wie vor schwer, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Wenn man viele Sachen macht, befruchten sie sich gegenseitig. Ich spiele zum Beispiel auch Theater. Eine Umstellung. Früher habe ich auf der Bühne nie den Mund aufgemacht. Nun musste ich Texte lernen und vortragen. Eine total geile Erfahrung. Ich habe so unglaublich viel gelernt im vergangenen Jahr.

Was haben Sie noch gelernt?

Vor allen Dingen Geduld. Die innere Unruhe von früher ist weg. Das habe ich trainiert. Nach dem Unfall musste ich da liegen und mit meinem Schmerz sein. Ich konnte weder schlafen, noch mich bewegen. Ich musste bei meinem Arm bleiben. Obwohl ich das Gefühl hatte, der Arm ist ab. Ich wusste nicht wie es weitergeht. Jetzt mache ich einfach weiter. Es ist wichtig fürs Leben, dass man auch mal eine andere Seite wahrnimmt. Man lernt sich kennen und muss sich mit sich selbst auseinandersetzen.

Wie sehen Sie sich jetzt?

Ich weiß, dass ich weitermachen kann. Ich habe Freunde, die mir dabei helfen. Und meine Eltern, die mich nach wie vor unterstützen. Mein Vater ist Architekt; er baut immer noch Requisiten. Von ihm stammen auch die Standpuppen. Nicht zu vergessen meine langjährige Freundin Celeste. Sie bringt Ordnung in mein Leben.

Was macht Ihr ehemaliger Partner Rémi Martin, mit dem Sie am Double Pole begeisterten?

Rémi ist bei meiner neuen Show dabei. Ich würde gern mit ihm auftreten. Ich hoffe, dass es sich wieder richtig fügt. Aus Fiktion wird Realität, wenn man daran glaubt. Ich merke, dass mein Körper sich langsam regeneriert.

Sie haben mit der Show „Dummy lab“, der Fortsetzung von „Dummy“, technisch und gestalterisch neue Maßstäbe gesetzt. Sie gelten als Protagonist des Neuen Zirkus. Haben Sie mit der Show Ihr Erlebtes aufgearbeitet?

Ich habe ein düsteres Jahr hinter mir, das habe ich natürlich bewusst oder unbewusst in die Show gepackt. Aber es ist trotzdem eine positive Sache daraus geworden. Eine Show mit Tiefgang. Wer schafft das schon mit 26 Jahren. Mir gefällt konzeptionell der erste Teil besser. Im zweiten mache ich mehr Kompromisse. Meine wilden Ideen mussten angepasst werden.

Die Show nimmt einen mit auf die Reise in eine ungewöhnliche Welt. Der Zuschauer erlebt ein Wechselspiel der Gefühle – von Kühle bis Poesie ...

Das war der Plan. Wenn die Leute einsteigen, dann sind sie dabei. Menschen auf eine Reise mitzunehmen, die sie kennen, ist nicht spannend. Wir haben zwölf Tage geprobt. Das Resultat kann sich – glaube ich – sehen lassen.

Was Sie da zeigen, ist das Zirkus?

Zirkus ist nur ein Überbegriff. Er hat viele Facetten, bewegt sich in unterschiedliche Richtungen. Ein traditioneller Zirkus ist interessant, aber es wäre nicht authentisch, wenn ich das machen würde. Jeder Kopf macht etwas anderes daraus. Ich suche mir die Sachen heraus, die mir gefallen und füge sie neu zusammen.

Sie hielten nie viel von Oldschool, eckten bereits in der Schule an. Man attestierte ihnen Hyperaktivität. Sie setzten sie in körperliche Kreativität um. Was gibt Ihnen die Regiearbeit?

Ich habe keinen zweiten Standarm mehr, also muss ich andere Wege suchen. Ich sollte keine Show machen mit einem Arm, das reizt mich nicht.

Was reizt Sie?

Wir müssen eine Struktur schaffen, damit wir nicht weiter zwischen Kunst und Unterhaltung schweben. Wir werden ein eigenes Theater am Holzmarkt eröffnen und Base weiter ausbauen.

Base Berlin? Gibt Ihnen diese Künstlergemeinschaft Halt?

Ja, der Kreis um Markus Pabst ist meine selbst gewählte Familie geworden. Base verfolgt eine Philosophie, die sich um einen wechselnden Stamm von Leuten kümmert. Hier treffen sich Künstler und erarbeiten neue Darbietungen und Shows in Zusammenarbeit mit Choreografen, Regisseuren, Fotografen und im Austausch untereinander.

Wie halten Sie Ihren Körper fit?

Ich fahre Fahrrad, mehr nicht. Ich habe früher alles spielerisch gemacht. Es war ein automatisches Training. Ich bin im Moment überhaupt nicht motiviert. Mich in Fitness-Center zu setzen, das ist nicht mein Ding.

Verraten Sie mir Ihre Zukunftspläne?

Ich mache nicht zu viele Pläne, dann werde ich auch nicht enttäuscht. Das Gesamtkonzept muss stimmen. Dafür brauchen wir eine Struktur, die einen Sinn ergibt. Wir wollen als Gemeinschaft persönlicher, ehrlicher und transparenter sein. Geld ist mir nicht wichtig. Zuerst einmal gehen wir auf Tour. Wir zeigen unsere Show in den Niederlanden.

Als 20-Jähriger waren sie völlig angstfrei, hatte ich den Eindruck. Haben Sie heutzutage Angst?

Klar, ein wenig. Ich weigere mich aber, sie aufzubauen. Man macht Fehler, wenn man das zulässt. Ohne Spirit geht gar nichts. Aber der soll ja jetzt und hier entstehen.

Sie haben sich äußerlich verändert. Ihre Haare sind länger geworden.

Seit dem Unfall lasse ich mir eine Mähne wachsen. Erst wenn mein Arm wieder funktioniert, fallen die Haare. Die Ärzte haben mir für die Genesung sechs Jahre gegeben. Sie sehen, meinen Humor und die Hoffnung habe ich nicht verloren.

Dummy lab Vorstellungen bis 9. August im Chamäleon Theater, Rosenthaler Str. 40/41, 10178 Berlin-Mitte, www.chamaeleonberlin.de