„Er ist der Prototyp des korrupten Politikers, ein großer Manipulator, gescheit wie ein Fuchs. Fantastisch, so einen Bösewicht mit Hirn und Substanz zu spielen. In meinem Repertoire ist er etwas ganz Besonderes.“ Thomas Hampson redet sich schnell in Schwung, wenn er über Scarpia in Puccinis „Tosca“ nachdenkt. Vor allem sieht er in dem finsteren Polizeichef, den er am 18. und 22. Januar an der Deutschen Oper Berlin verkörpert, ein mächtiges Raubtier. „Was ihn so erregt, ist die Jagd, nicht die Beute. Das sagt Scarpia selbst. Er genießt den Untergang der Leute, die auf dieser Jagd nicht mithalten können. Was mich am meisten fasziniert: Er sucht und findet in Tosca eine ebenbürtige Kampfpartnerin.“

Scarpia erkennt, dass Tosca in ihrer Art ebenso schlagkräftig und zielstrebig ist wie er selbst. Deshalb will er sie erobern. Cavaradossi ist in seinem Spiel nur ein Mittel zum Zweck. Scarpia sieht ihn weder als Gefahr noch als Feind, eher als ein Dorn im Auge oder ein Mittel, um an Tosca heranzukommen. „Natürlich ist er ein bisschen pervers. Ein normales Sexleben hat er sicher nicht“, meint der amerikanische Bariton.

In Boleslaw Barlogs Inszenierung, die bald ihren 45. Geburtstag feiert, steht Thomas Hampson an der Seite von Tatiana Serjan und Marcello Giordani zum ersten Mal auf der Bühne. „Den Scarpia habe ich in Zürich und Santa Fe gesungen, aber in Deutschland noch nie.“ Überhaupt ist er erstmals seit vielen Jahren wieder an der Deutschen Oper Berlin zu Gast. „Das kommt durch Donald Runnicles, der für mich ein ganz besonderer Freund und Kollege ist“, erklärt Hampson. Die beiden „Tosca“-Abende dirigiert allerdings nicht der Generalmusikdirektor, sondern Matthias Foremny.

„Ich habe alles gelesen, was Tito Gobbi über Tosca geschrieben hat“, so Hampson über den großen Partner von Maria Callas. Er ist noch immer sein großes Vorbild als Scarpia, nicht unbedingt musikalisch – da folgt er eher Renato Bruson, aber von der Intelligenz und Statur. „Für mich geht es bei Scarpia immer um eine sehr große Selbstbeherrschung, daraus erwächst dieser dunkle Kern.“ Die Idee, dass Scarpia eigentlich ein unersättlicher Don Giovanni ist, lehnt er ab. Sein Scarpia ist viel gefährlicher.

Thomas Hampson ist berühmt für seinen unermüdlichen Einsatz für das Liedrepertoire im Allgemeinen und das amerikanische Lied im Besonderen. In dem Bereich hat sich der Bariton auch als Forscher und Lehrer einen Namen gemacht. Seine Opernrollen sind ihm allerdings ebenso wichtig. „Ich fände es gut, wenn mehr Opernsänger Lieder sängen und mehr Liedsänger ihren Weg auf die Opernbühne fänden. Beides ergänzt und befruchtet einander.“

Hampsons intensive Beschäftigung mit dem Lied hat einen großen Einfluss auf ihn als Opernsänger. Umgekehrt kann die Auseinandersetzung mit der Oper die erzählende Kraft eines Liedes nur unterstützen. „Operncharaktere erzählen uns viel über die Zeit, in der sie leben, ihre Umgebung, ihren Beruf, ihre Gedankenwelt. In der Makrowelt der Oper wird das alles ausgebreitet, während die Mikroform des Liedes viel voraussetzt und nur einen bestimmten Aspekt aufgreift.“

Seine erste Gesangslehrerin, die Nonne Schwester Marietta Coyle, weckte seine Liebe zum deutschen Lied, zu Schumann, Wolf und Mahler. In die Oper von Seattle ging er erst mit 18 oder 19 Jahren. „Die Sprache der Musik hat mich immer beschäftigt und nie losgelassen. Ich war dagegen kein geborenes Bühnentier. Ich träumte nicht davon, im Opernkostüm auf der Bühne zu stehen. Meine Liebe zum Theater hat sich nach und nach mit der Unterstützung meines zweiten Lehrers Horst Günter entwickelt.“

Vor mehr als 30 Jahren eroberte er die großen Opernhäuser und Konzertbühnen. Seitdem hatte der Amerikaner immer einen Wohnsitz im deutschsprachigen Raum und einen in den USA. Das Verdi-Wagner-Jahr war für Hampson geprägt von „Parsifal“ in Chicago, „Simon Boccanegra“ in Wien und London, „Don Carlo“ in Salzburg, „Otello“ in New York und natürlich von zahlreichen Liederabenden und Konzerten.

Nun freut er sich auf das neue Jahr, in dem die Musikwelt den 150. Geburtstag von Richard Strauss feiert; im April bringt er eine neue CD mit Strauss-Liedern heraus. Als Mandryka steht er in der Neuproduktion von „Arabella“ bei den Salzburger Osterfestspielen auf der Bühne. Davor gibt er an der New Yorker Met sein Rollendebüt als Wozzeck. „Ich freue mich auch sehr auf ein Auftragswerk an einem großen deutschen Theater“, ergänzt Hampson. „Was das genau wird, darf ich noch nicht verraten - aber es mangelt nicht an spannenden Aufgaben.“

Termine 18. und 22. Januar