11:00 Der Festplatz an der Heidestraße ist noch frei von Autos, frei von Besuchern, frei von Hektik und Aufregung. Am Abend steht die Show „Exxtrem – Denn sie wissen, was sie tun“ auf dem Programm. Susanne Feldmann fährt ihren Computer hoch und öffnet das Kassenhäuschen. Die Angestellte des Zirkus reist bei den Tourneen mit rund 80 Artisten und Technikern durch Deutschland. „Den Anfang der Show verpasse ich immer, die Kasse schließt ja erst nach Beginn der Vorstellung. Den Rest der Show gucke ich mir natürlich an,“, sagt sie. Hat sie Angst um ihre Kollegen, wenn diese auf Motorrädern durch die Luft sausen oder auf einem Konstrukt namens „Todesrad“ in schwindelerregenden Höhen turnen? „Ja“, sagt sie. „Immer.“

12:20 Die Kinder der Artisten besuchen Schulen dort, wo der Zirkus gastiert. Vier oder fünf Wochen lernen sie in einem Klassenverband, dann zieht der Zirkus weiter und sie müssen die Schule wechseln. „Die ersten zwei Tage sind hart, dann wird es besser“, sagt Pawel Horbacz, der sich auf den Weg macht, seine sechsjährige Tochter von der Schule abzuholen. Bei den Shows fährt der gebürtige Pole Motorrad in einer Metallkugel mit dem Namen „Globe of Speed“ und gehört zu einer Gruppe, die mit einer klassischen Hand-auf-Hand-Akrobatik-Nummer auftritt. Außerdem trainiert er das Artisten-Team, das von einer „russischen Schaukel“ aus schwindelerregende Sprünge wagt. Mittags aber ist Zeit für das Familienleben.

13:45 Jack Fahey und Daniel Chiarelli drehen mit ihren BMX-Rädern Pirouetten zwischen den Containern. Harmlos und spielerisch sieht das aus. Ganz anders als in den Shows, in denen die beiden mit ihren Rädern Saltos springen und über eine Rampe fast in die Nähe der Zirkusdecke katapultiert werden. Acht bis elf Stunden am Tag üben die beiden Australier ihre Tricks. „Aber während der Tournee schafft man nicht ganz so viel“, sagt Jack. Berlin finden die beiden Artisten großartig, wie sie versichern. „Eine der besten Städte überhaupt.“ Dann starten sie mit ihren Rädern zum Skatepark Friedrichshain, in dem sie den Nachmittag verbringen wollen.

14:45 Sebastian Rottner hat sich bei milden Herbsttemperaturen mit seinem Laptop hinter den Kassenwagen gesetzt. Der Zirkus „FlicFlac“ wurde vor 24 Jahren von den Brüdern Benno und Lothar Kastein gegründet und hat häufig im Ruhrgebiet und im Rheinland gastiert. In Berlin wurde das schwarz-gelbe Acht-Mast-Zelt nun zum ersten Mal aufgeschlagen.

15:05 Die Artisten sprechen meist englisch miteinander, bei den Bühnentechnikern hört man eher rheinische Mundart. Requisiteur André Schlenker muss Sicherungen, Batterien und einen speziellen Schalter besorgen. Zunächst will er in einen Elektrofachhandel, anschließend in einen Baumarkt. „Die Mädels im Büro suchen mir immer die Adressen heraus“, sagt Schlenker und geht zu seinem Auto.

15:15 Die Motorradfahrer Ondrej Zaruba und Martin Schenk fahren mit ihren Maschinen langsam über den Platz. Dann kontrollieren sie die Speichen, sowie Benzin- und Ölstand. Früher sind sie Motocross-Rennen gefahren, jetzt führen sie unter der Zirkus-Kuppel Stunts auf. „Wir machen nur sechs Sprünge pro Abend, das ist wirklich überschaubar. Eigentlich wäre das nicht nötig, dass wir die Räder jeden Tag checken“, erklärt Martin Schenk. „Aber es gehört einfach dazu.“

16:30 Jeder Zirkus braucht einen Moderator, der die Gäste durch den Abend leitet. Bei „Exxtrem“ gibt Frank Fabry einen düsteren Zeremonienmeister, der das Geschehen auf der Bühne ankündigt und kommentiert. Der Sänger, in dessen Wohnwagen ein Tonstudio installiert ist, hat auch Songs für die Show komponiert. „Wir spielen Songs von Rammstein und pfeffern sie mit unserer eigenen Musik“, sagt er.

17:10 Tatjana Kastein, Tochter des Zirkusdirektors Benno Kastein, wurde in das Artistenleben hinein geboren. „Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu trainieren, eigentlich war immer klar, dass ich Artistin werden will“, sagt die 21-Jährige, die zu den wenigen Frauen gehört, die bei der Show auftreten. Dann übt sie mit Pawel Horbacz eine klassische Hand-auf-Hand-Nummer ein, bei der sie von dem Sportakrobaten in die Luft gestemmt wird.

18:40 An den Gastronomie-Ständen bereiten sich die Mitarbeiter auf den ersten Ansturm vor. Zitronen werden geschnitten, die Popcorn-Maschine läuft warm. „Wir haben das beste Popcorn“, behauptet Kaschi Kaschinski, Chef der Gastronomie. Am liebsten trinken die Zirkus-Gäste Bier, bei den Cocktails ist die alkoholfreie „Strawberry Colada“ der Renner.

19:35 Auf der Heidestraße staut sich der Verkehr, der Parkplatz vor dem Zelt füllt sich zusehends. Für Susanne Feldmann und ihre Kollegin beginnt jetzt die hektischste Zeit. Hinter der Bühne schnürt der Inline-Skater Brian Shima seine Rollschuhe. „Vor der Show mental zur Ruhe zu kommen, ist das Schwierigste“, sagt der gebürtige Amerikaner.

19:55 „Sehr geehrte Gäste, bitte nehmen Sie die Plätze ein. Die Show beginnt in fünf Minuten“, ertönt es aus den Lautsprechen. Fast alle der 1450 Plätze sind besetzt. Einige Gäste wundern sich, wie dunkel es im Inneren ist und dass es keine runde Manege, sondern eine lange Bühne gibt.

20:55 Nach einer knappen Stunde Nervenkitzel mit Rammstein-Untermalung und dem Sprechgesang von Frank Fabry, nach fliegenden BMX-Bikes, Trapezkünstlern, Jonglage und Sprüngen von der russischen Schaukel, wird der „Globe of Speed“ auf die Bühne gerollt. Die Metallkugel, in der neun Motorräder kreisen werden, hat einen Durchmesser von nur 6,5 Metern.

22:05 Die Show endet mit dem Auftritt der Motorrad-Stuntleute. Martin Schenk, Ondrej Zaruba und ihre Kollegen fahren auf eine Rampe und landen nach endlosen Sekunden auf einem Luftkissen. Die Zuschauer verfolgen das Geschehen gebannt, umhüllt von Motorenduft und lautem Geknatter. Der Schluss-Applaus fällt gewaltig aus. In den Augen der Zuschauer lässt sich auch Erleichterung entdecken.

22:45 Die meisten Gastrostände haben geschlossen, der Parkplatz leert sich. Eine Gruppe von Artisten zieht es jetzt in die Berliner Nacht.