Die Figürchen neben der Wohnungstür fallen sofort ins Auge. "Das sind meine Heiligen Drei Könige, die jeden Besucher willkommen heißen", erklärt Hulkar Sabirova mit einem herzlichen, einladenden Lachen. Die Weisen kommen aus dem Morgenland, genau wie die Sopranistin. Die goldenen Pantoffeln aus ihrer Heimatstadt Taschkent sehen aus, als bräuchte sie nur drei Mal die Hacken zusammenzuschlagen, wenn sie zu Gastspielen nach Essen, Rom oder Pesaro aufbrechen will. "Greifen Sie zu, das sind Somsa, eine usbekische Spezialität", sagt sie fröhlich und stellt eine duftende Schüssel auf den Tisch. Die mit Fleisch gefüllten Teigtaschen sind köstlich. Die Sängerin macht es sich und ihren Gästen gern gemütlich in der kleinen Einzimmerwohnung am Lietzensee. Mittelpunkt ist das Sofa mit dem weißen Flokati. Hier liest sie viel - und gibt dann die Bücher an Freunde weiter, weil sie keinen Platz hat. Wenn sie viele Freunde eingeladen hat, sitzen alle auf dem Fußboden.
So bescheiden lebt die Königin der Nacht? "Es ist ein wenig eng, ich weiß, aber ich wohne allein, und ich fühle mich hier geborgen", erklärt sie. Nur zehn Minuten läuft sie in die Deutsche Oper Berlin. Und dann erzählt sie von ihrer fast 100-jährigen Nachbarin, die noch so vital ist und so viele interessante Geschichten von früher kennt. Sie kann zu Hause auch singen. "Ich habe Sie gestern gehört!" rufen die Nachbarn dann ganz erfreut durch den Hausflur. Meist geht sie zum Studieren aber ins Opernhaus: "morgens früh oder abends spät, dann gibt es immer freie Räume."
Seit zweieinhalb Jahren gehört Hulkar Sabirova zum Ensemble der Deutschen Oper Berlin. Eine glückliche Zeit, in der sie viel erlebt und gelernt hat. "Ich warte immer ungeduldig auf die nächste Vorstellung", sagt sie und wirft ihre langen, braunen Haare zurück. Jetzt freut sie sich auf das "Verdi Requiem" am 2. und 4. Mai. Schon vergangene Spielzeit übernahm sie in Achim Freyers Inszenierung die Rolle des Weißen Engels. Ganz oben, sozusagen im Himmel, steht sie und betet um die Befreiung der armen Seelen von Kummer und Schmerz. "Ich liebe die Musik und die surrealistischen Bilder. In dieser Produktion zu singen, ist für mich ein ganz starkes Erlebnis. Am Ende vergesse ich, wo ich bin." In zehn verschiedenen Produktionen steht sie in dieser Spielzeit auf der Bühne. Viele kleine und mittlere Partien sind darunter, etwa Frasquita in "Carmen", Berta im "Barbier von Sevilla" oder ein Blumenmädchen im "Parsifal". "Ganz egal, ob es eine kleine oder große Rolle ist - ich möchte, dass das Publikum glücklich nach Hause geht. Ich will jeden Abend singen, als wäre es die letzte Vorstellung." Die Königin der Nacht singt sie gleich in zwei Produktionen. "Das Märchen von der Zauberflöte" für Kinder hat sie so gern wie die "große" Inszenierung. "Die Kostüme sind so unglaublich schön, ich trage einen Riesenreifrock mit Krone, und die Kinder reagieren auf alles so spontan und begeistert", findet die Sopranistin.
In dieser Saison hat sie sich zum ersten Mal intensiv mit Neuer Musik auseinandergesetzt. Die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Helmut Lachenmann in seiner Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" war für sie etwas ganz Besonderes. "Bei dieser Musik ist es wichtig, einen guten, unterstützenden Dirigenten zu haben. Die Partie ist sehr schwierig, aber bei Lothar Zagrosek hatte ich ein ganz sicheres Gefühl, ich konnte mich anlehnen und denken: Alles wird gut."
In Zukunft wird Hulkar Sabirova leidende, sterbende, verrückt werdende, an der Liebe verzweifelnde Frauen spielen. Königinnen und böse Mütter, all die tragischen Heldinnen. Mit ihrer Lehrerin, Kammersängerin Brigitte Eisenfeld, bereitet die Koloratursopranistin den Wechsel ins große Belcanto-Fach vor. Im Moment studiert sie mit Feuereifer ihre Traumrolle: die Titelpartie in Donizettis "Lucia di Lammermoor". Sie freut sich wahnsinnig auf ihr Rollendebüt an der Deutschen Oper nächstes Jahr.
Lernen kann sie am besten im Café am Lietzensee, das sie als ihr zweites Zuhause betrachtet. Im Sommer sitzt sie sehr oft mit ihren Noten am See, sieht den Enten und Schwänen zu. Zwischendurch geht sie im Park spazieren. Wenn sie aus dem Fenster guckt, sieht sie ins Grüne. Auch deshalb möchte sie nicht aus ihrer Wohnung ausziehen. Überall im Zimmer stehen Blumen, Pflanzen und ein Zimmerspringbrunnen. "Am liebsten würde ich im Blumenladen leben", lacht sie. In den Wäldern und an den Seen in der Gegend von Frohnau und Birkenwerder entspannt sie sich gern.
Sie liebt die Brandenburger Natur, obwohl - oder gerade weil - sie ganz anders ist als zu Hause in Usbekistan. "Schön ist es dort auch, wir haben Wüsten und Berge", sagt sie. "Es ist viel wärmer als hier. Im Februar ist schon die Sonne heraus gekommen, und inzwischen haben sie dort längst Sommer." Als sie klein war, ist die Familie immer gern an einen malerischen Gebirgsfluss gefahren, in dem man knietief durch eisiges Wasser waten konnte. Taschkent ist die große, moderne Hauptstadt von Usbekistan. "Nicht so orientalisch wie Samarkand oder Buchara, wo die Touristen hinfahren", meint die Sängerin. Niemand in Hulkar Sabirovas Familie war Musiker. Ihr Vater ist Jurist, ihre Mutter lehrt Philologie an der Universität. Mit ihrer Liebe zur Oper hat sie ihre Tochter aber früh angesteckt.
"Wir haben in Taschkent ein schönes Opernhaus, in dem all die Opernschlager wie 'Aida', 'Tosca' und 'Rigoletto' gespielt werden." Alles hat sie sich angehört, mit und ohne Eltern. Auf einem Gymnasium für musikalisch begabte Kinder quälte sie sich sechs Jahre lang mit der Geige. "Ich war absolut unbegabt. Das war eine harte Zeit für meine Mutter. Erst musste sie mich zum Üben zwingen - und dann musste sie sich das anhören."
An der Schule wechselte sie zum Dirigieren, bevor sie sich mit der vollen Unterstützung ihrer Mutter auf das Singen konzentrierte. Sie begann, Vinyl-Schallplatten zu sammeln, CDs waren zu teuer. Eine Serie über Verdi im russischen Fernsehen wurde zum Schlüsselerlebnis. Dann wollte die junge Usbekin zum Studieren hinaus in die weite Welt, sich weiter entwickeln, neue Kulturen kennen lernen. Sie machte eine Aufnahme von ihrer Stimme und verschickte sie an Hochschulen im Ausland.
Aus Mannheim kam eine Einladung zur Aufnahmeprüfung, also flog sie dorthin, ganz allein, mit 18 Jahren. Am Anfang wirkte alles sehr fremd, schon auf dem Flugplatz sah alles so ordentlich aus. Auch die Menschen waren nicht so offen und gastfreundlich wie in Usbekistan. Inzwischen ist sie von der deutschen Mentalität ganz begeistert: "Die Deutschen fallen einem nicht gleich um den Hals. Sie brauchen Zeit, um einen kennen zu lernen, aber dann wird die Beziehung sehr tief. Ich finde das wunderbar."
Sie musste Deutsch lernen und ihr Studium als Zimmermädchen, Küchenhilfe und Kassiererin verdienen. Ihr Debüt an der Deutschen Oper gab sie 2008, gleich nach dem Studium, als Königin der Nacht. Als das Angebot kam, Ensemblemitglied zu werden, hat sie groß gefeiert. "Das war wie ein Sechser im Lotto." Viel hat sie hier von ihren großen Sängerkollegen gelernt und auch dadurch, dass sie sich an freien Abenden all die Opern in der Bismarckstraße ansieht.
In der nächsten Spielzeit ist sie Ensemblemitglied nicht nur an der Deutschen Oper Berlin, sondern auch am Staatstheater Kassel. Da muss man die Termine schon sehr genau planen. "Sie haben mir tolle Rollen wie Rosalinde, Vitellia und Liu angeboten, mit denen ich mich weiterentwickeln kann", sagt sie. "Berlin soll aber mein Lebensmittelpunkt bleiben."
Wie das in Zukunft weiter geht? Es wird sich zeigen, von Karriereplanung hält Hulkar Sabirova nicht viel. Ihre Philosophie ist da ganz eindeutig: "Ich entwickle meine Rollen mit meinem ganzen Herzblut. Alles andere kommt dann von allein. Ich möchte es genießen, auf der Bühne zu stehen. Und wenn ich nach Hause gehe, muss ich sagen können: Das war alles, was ich geben konnte, wirklich alles."

