Ramy Raychouni hat große Ziele, der 20 Jahre alte Angreifer Tennis Borussia arbeitet an einer Zukunft im Profifußball. Seinem Berater lägen inzwischen Angebote aus der Dritten und Zweiten Liga vor, erzählt Raychouni. Nicht unwahrscheinlich, dass diese Saison für ihn die letzte ist im Trikot des in die sechste Liga abgestiegenen Traditionsklubs.

In der höchsten Spielklasse der Hauptstadt, der Berlin-Liga, zählt Raychouni zu den Attraktionen. „Ramy bringt die ganze Fußball-Moderne mit“, sagt sein Trainer Daniel Volbert. Brillante Technik, Schlitzohrigkeit, Mut zum Eins-gegen-eins-Dribbling – spätestens, wenn der Deutsch-Libanese in Stakkatoschritten die Außenbahn entlang düst, wirken seine Gegenspieler wie hüftsteife Statisten. Sieht man Raychouni in Aktion, muss man an Bayern-Star Franck Ribéry denken. Seine Leistungen haben Talentspäher aus halb Deutschland ins Mommsenstadion gelockt. Dass aber die Scouts im Heimatland seiner Eltern auf ihn aufmerksam werden, hätte der gebürtige Berliner nie für möglich gehalten. „Das kommt mir immer noch wie ein Traum vor“, sagt Raychouni. Ein Traum, der Anfang des Jahres Wirklichkeit geworden ist.

Als im vergangenen November sein Telefon klingelt, ist Raychouni auf dem Rückweg vom Friseur. Auf dem Display sieht er die Vorwahl des Libanon, als er abnimmt, vermutet er den Anruf eines Verwandten. Stattdessen meldet sich Hachem Haydar, der sich als Präsident des libanesischen Fußballverbandes ausgibt und ihn zur Nationalmannschaft einlädt.

Vor dem Training fließen Tränen

Weil es zuvor aber nicht mal den Ansatz eines Kontaktes gegeben hatte, ist Raychouni misstrauisch, glaubt an einen Scherz von Freunden. Tatsächlich fragt er Haydar, ob der ihn „verarschen will“. Eine Entgleisung, die ihm erst in dem Moment so richtig peinlich wird, als er den Namen des Verbandspräsidenten googelt – und findet. Kurz darauf ist der Fauxpas vergessen. „Mein Vater war stolz“, sagt Raychouni, „und meine Mutter hat vor Glück geweint.“

Dreieinhalb Monate und ein paar Telefonate später steigt Raychouni in den Flieger nach Beirut – umgeben von libanesischen Bürgern und mit dem Wissen, in wenigen Tagen sein Land zu repräsentieren. Zwei Länderspiele sind geplant, zunächst gegen WM-Teilnehmer Iran und in Kairo gegen Ägypten. Auf Raychouni prasselt jedoch weit mehr ein als sein anstehendes Länderspieldebüt. Sein letzter Besuch im Libanon liegt lange zurück, die rund 50 Verwandten hat er zuletzt 2010 gesehen. Er besucht seine Onkel, die kaum glauben können, dass ihr Neffe neuerdings auf Verbandskosten reist, und das Grab seiner Großeltern. Ein hochemotionaler Moment – eine Stunde vor dem ersten Training weint Raychouni wie ein Schlosshund. Er gibt zu: „Für einen 20-Jährigen war das ein bisschen viel .“

Im Kreis des Nationalteams passiert dann allerdings ziemlich wenig. Beide Partien werden kurzfristig abgesagt, stattdessen findet nur ein Trainingslager statt. „Mir war das egal“, sagt Raychouni und muss auch fünf Wochen danach noch grinsen. „Ich war mit allem zufrieden. Ich hatte die Trainingsklamotten bekommen und den Baum auf der Brust.“ Fußballerglück. Ganz reibungslos verläuft sein Einstand beim Nationalteam allerdings nicht. Dass plötzlich ein Neuling aus dem Land des Weltmeisters mitmischt, ist einigen der hiesigen Nationalspieler suspekt. Bei allem Stolz, der bei einer Berufung mitspielt, geht es auch um Geld – und Raychouni nimmt einem anderen Kandidaten den Platz weg. Er weiß: „Die Jungs bekommen hier nicht annähernd das, was ich bei TeBe verdiene.“ Für jedes Training mit dem Nationalteam bekommen die Spieler 50 US-Dollar.

Nicht das Einzige, woran er den Unterschied zwischen Berlin und Beirut merkt. Trainiert wird auf Kunstrasen, mit Bällen, die ihre besten Tage längst hinter sich haben. Der Trainer trägt dafür einen prominenten Namen. Giuseppe Giannini war als Spieler eine feste Größe beim AS Rom, Klub-Ikone Francesco Totti bezeichnet den 50-Jährigen noch heute als sein Vorbild. An Raychouni findet der Italiener auf Anhieb Gefallen. Als zum Ende des Trainingslagers ein Testspiel gegen den Erstligisten Safa absolviert wird, darf der Berliner sein inoffizielles Debüt geben. „Die Nationalhymne zu hören und dabei die vielen Fahnen zu sehen – das war überragend“, sagt Raychouni. Vor lauter Nervosität legt er seine linke Hand während der Hymne auf die rechte Brust, statt die rechte aufs Herz. Auf dem Feld ist er deutlich besser orientiert und bereitet das 1:0-Siegtor vor.

Das Niveau im Nationalteam müsse man sich wie bei einem Regionalligisten vorstellen, meint Raychouni. Er kann das beurteilen. Vergangene Saison versuchte er sein Glück beim SV Babelsberg. Von Süleyman Koc, heute Bundesligaspieler in Paderborn, gab es damals viel Lob. Auf eine Chance im Regionalligateam wartete er damals jedoch vergebens. „Oft lag ich nachts wach und hab mich gefragt, ob ich zu schlecht bin“, sagt Raychouni. Beinahe hätte er die Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Stattdessen fand er bei TeBe, in der sechsten Liga, den Spaß am Spiel zurück.

Mit Tennis Borussia in die Oberliga

Inzwischen lodert in den Augen des jungen Mannes, der noch ein wenig schneller spricht, als er auf dem Spielfeld dribbelt, wieder der Ehrgeiz. In der A-Jugend traf er auf heutige Profis wie Herthas John Brooks und Nico Schulz. „Ich hatte damals meine Szenen“, sagt Raychouni, „warum soll ich den Sprung nicht auch schaffen?“

Wenn er konstanter werde, sagt Trainer Volbert, habe Raychouni das Zeug zum Profi. Bei TeBe sind sie stolz auf ihn. Einen Nationalspieler hatten die Veilchen zuletzt vor 15 Jahren in ihren Reihen, als Sponsor Göttinger Gruppe ein Team für die Zweite Liga zusammenkaufte. Raychouni weiß die Unterstützung zu schätzen, seine Konzentration gilt dem Aufstieg. Den nächsten Schritt kann der Tabellenführer am Sonntag (12.30 Uhr, Hubertusallee) beim Berliner SC machen. „Ich will mit TeBe unbedingt in die Oberliga“, sagt Raychouni. „Danach sehen wir weiter.“