Mit witzig-unterhaltsamen Romanen wie „Mieses Karma“ und „Jesus liebt mich“ hat David Safier Millionenauflagen erzielt. Jetzt hat er erstmals ein Jugendbuch geschrieben – über ein ernstes Thema. „28 Tage lang“ erzählt die Geschichte von Mira und Amos, zwei jungen jüdischen Widerstandskämpfern, die versuchen, im Warschauer Ghetto der SS zu trotzen. 28 Morgenpost-Jugendreporter aus sechs Berliner Schulen haben David Safier in der Redaktion interviewt.

Berliner Morgenpost:

Warum haben Sie sich diesmal das ernste Thema Holocaust ausgesucht?

David Safier:

„28 Tage lang“ erzählt eine Geschichte, die ich schon lange mit mir herumtrage. Nach über 20 Jahren und fünf lustigen Büchern fand ich es an der Zeit, mich mit diesem Thema auseinander zu setzen.

Und weshalb haben Sie mit Mira ein 16-jähriges Mädchen zur Hauptperson Ihres neuen Buches gemacht?

Im Warschauer Ghetto haben damals etwa 1600 junge Juden zu den Waffen gegriffen. Darunter waren Frauen ebenso wie Männer. Ich fand ein 16-jähriges Mädchen besonders markant.

Ihr Buch erzählt auch eine Liebesgeschichte. Ist das nicht ungewöhnlich vor dem Ghetto-Hintergrund?

Ich habe die Liebesgeschichte ganz bewusst gewählt, weil es so etwas wie Liebe und Hoffnung auch im Ghetto geben kann und gab. Natürlich steht eine solche Liebe unter einem anderen Druck, unter diesen Umständen. Aber im Grunde sollte es nur zeigen, dass Menschen auch in solch ausweglos scheinenden Situationen oder gerade dann zum Lieben fähig sind. Außerdem sollen die Leser das Buch gerne lesen. Und was liegt da näher als eine Liebesgeschichte?

Wir machen an unserer Schule ein Projekt zum Thema Widerstand. Und wir haben gemerkt, dass es schwierig ist, das Thema so zu präsentieren, dass Jugendliche gerne zuhören. Wie wollen Sie die Jugendlichen erreichen, ohne sie zu langweilen?

Das kannst Du nicht beeinflussen. Wenn Du schreibst, schreibst Du erst einmal für ein Ein-Mann-Publikum, also für Dich selbst. Deshalb muss ich mich erst einmal selbst begeistern. Das ist das Wichtigste. Und dann kannst Du als Autor nur hoffen, dass es bei anderen genau so ist. Für Euch kann die Herangehensweise nur sein, dass Ihr von Euch selbst ausgeht und Euch fragt: Was finden wir spannend?

Stecken in allen Figuren des Buches Charaktereigenschaften von Ihnen?

Ja, das ist so. Das funktioniert ähnlich wie bei Schauspielern. Denkt an Leonardo di Caprio, der mal der Liebhaber in „Titanic“ ist und mal der koksende Spekulant in „Wolf of Wall Street“. Er zeigt und spielt ganz verschiedene Figuren und in jeder dieser Figuren, die er nicht ist, steckt doch ein Teil von ihm.

Gibt es eine Figur im Buch, die Ihnen besonders nah ist?

Es gibt sehr viele Figuren. Hannah ist mir nahe – die gerne Geschichten erzählt, ganz viel Fantasie hat – und sterben muss. Insgesamt sind mir die weiblichen Figuren näher.

Sie haben im Buch viele Nebencharaktere. Welcher ist für Sie am interessantesten?

Die größte Wirkung hat sicher die reale Figur des Arztes und Pädagogen Janusz Korczak (der im Ghetto die Kinder seines Waisenhauses beim Abtransport in ein KZ begleitete, obwohl das auch für ihn den Tod bedeutete, d. Red.). Das ist der größte Held in der Geschichte.

Wie lange dauert der Entstehungsprozess bei Ihren Büchern?

Das kommt sehr auf das jeweilige Buch an. „28 Tage lang“ brauchte etwas länger als meine bisherigen Bücher, vor allen Dingen natürlich wegen der Recherchearbeit, die vier bis fünf Monate gedauert hat. Dann habe ich ein Jahr lang daran geschrieben. Hinzu kommt der Korrekturprozess. Und die Zeit, in der man mit dem Buch nach Erscheinen unterwegs ist, also Interviews und Lesungen gibt.

Warum erschien das Buch sowohl als Jugend- als auch als Erwachsenenroman mit jeweils unterschiedlichem Cover?

Ich wollte einmal anders über dieses Thema schreiben. Es sollte ein generationenübergreifender Roman werden, der sowohl Jugendliche heute als auch ältere Menschen betrifft und bewegt. Daher ist der Roman nicht nur ein historisches Werk, sondern hat auch eine Spannungsebene. Natürlich spielt auch die Leitfrage „Was für ein Mensch möchte ich sein?“ eine zentrale Rolle, denn das ist etwas, über das jeder nachdenken kann. Auch oder vielleicht gerade heutzutage. Aber die Frage ist natürlich auch: „Was für ein Mensch wäre ich damals, also in dieser Situation gewesen?“. Diese Frage ist heute kaum mehr wahrheitsgemäß zu beantworten, denke ich. Und mit den verschiedenen Covern wird das Buch jeweils im Erwachsenen- und im Jugendbereich der Buchhandlungen präsentiert.

Was war denn als Jugendlicher ihr Lieblingsroman?

Ich habe auch damals schon viel gelesen. Mich hat als Zwölfjähriger das Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr ungemein beeindruckt. Mit 17 Jahren wusste ich dann, dass ich Autor werden wollte – nachdem ich den Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams gelesen hatte.

Die Fragen stellten: Melina Fahl, Melina Topp, Yvonne Schröder, Verena Peitsch, Rebecca Rogowski, Marie Dettmar, Annabel Schüler, Anna Dettmar, Cyra Lefèvre, Jonathan Groffik, Bent-Erik Scholz, Ann-Christin Baier, Jessie Wamara, Maya Oppitz, Charlotte Dammasch, Miriam Neitzel, Kyra Lesse; Alla’a Sawalha, Selin Nur Toprak, Tobias Bluhm, Douglas Düring, Hikmet Can, Valeria Garau, Juliane Fränkle, Sophia Geburtig, Antonia Freund, Lou-Anne Macfehr, Giulia Kuhnert. Eine längere Version des Interviews steht auf der Seite „www.morgenpost.de/schueler“.