Als Konsequenz aus den drastischen Kostensteigerungen bei mehreren Großprojekten lässt das Verkehrsministerium erstmals vier Projekte mit einer digitalen Planungsmethode bauen. Es handelt sich jeweils um zwei Straßen- und zwei Schienenprojekte, die zusammen mehr als 600 Millionen Euro kosten sollen. „Modernstes, digitales Bauen kann helfen, Kosten- und Zeitpläne im Griff zu behalten“, begründet Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) das Umdenken bei den Bauvorhaben.
Er erklärt: „Mit vier Pilotprojekten testen wir die Potenziale der Digitalisierung jetzt in der Praxis und werten die Erfahrungen wissenschaftlich aus.“ Große Bauprojekte würden immer komplexer, warnt Dobrindt. „Die Anforderungen an technische Qualität, Umweltschutz und Bürgerbeteiligung steigen.“
Die nun angewandte digitale Planungsmethode nennt sich Building Information Modeling (BIM). Der Unterschied dieser Methode im Vergleich zu herkömmlichen computergestützten Planungsmodellen besteht darin, dass die Datenbasis nicht nur deutlich größer ist, sondern dass auch alle Beteiligten des Projektes auf sie zugreifen können. So können Informationen zum Material, dessen Lebensdauer, zur Schalldurchlässigkeit, zum Brandschutz und zu den Kosten eingesehen und von Fall zu Fall auf einen neuen Stand gebracht werden.
Konkret handelt es sich um eine Autobrücke in Sachsen an der B 107 und eine in Mecklenburg-Vorpommern an der A19 sowie um zwei Bahnprojekte in Baden-Württemberg. Das teuerste dieser Vorhaben ist der Rastatter Eisenbahntunnel auf der Strecke von Karlsruhe nach Basel. Er kostet laut Ministerium rund 450 Millionen Euro. Der Bau soll demnächst beginnen und etwa fünf Jahre in Anspruch nehmen. Dazu soll die Filstalbrücke auf der neuen Bahnstrecke Wendlingen–Ulm mit der digitalen Planungsmethode gebaut werden.
Risiken verringern
Mit der Digitalisierung am Bau beschäftigt sich auch die Reformkommission Großprojekte, die am Montag erneut tagt. Das Expertengremium wurde nach dem Bekanntwerden der Baudesaster am Flughafen BER, der Hamburger Elbphilharmonie und des Bahnhofsneubaus Stuttgart 21 vom Verkehrsministerium ins Leben gerufen.
Allein am Flughafen BER ist die Kostensteigerung dramatisch. Für dieses Projekt sind die Kosten werden inzwischen mit 5,4 Milliarden Euro kalkuliert. Beim ersten Spatenstich 2006 war noch mit zwei Milliarden Euro geplant worden. Nach der jüngsten Prognose muss der Standort Berlin im Jahr 2016 mit mehr als 31 Millionen Fluggästen rechnen. Der neue Airport ist aber nur für bis zu 27 Millionen konzipiert. Und für die Eröffnung des neuen Gebäudekomplexes in Schönefeld steht noch immer kein Termin fest, weil Baumängel noch nicht behoben sind.
Ihren Bericht mit Handlungsempfehlungen für künftige Bauvorhaben wollen die Experten aus Politik, Wissenschaft sowie der Bau- und Verkehrsbranche voraussichtlich Ende 2015 vorlegen. Eines der bereits erkannten Hauptprobleme bei Großvorhaben sind die stets zu knapp berechneten Kosten. Würden stattdessen sogenannte Risikokosten von vornherein in den Haushalten eingeplant werden, käme die Politik so manchem Aufschrei der Öffentlichkeit zuvor. Im Verkehrsministerium verweist man in diesem Zusammenhang auf das Humboldt-Forum, bei dem im Bundeshaushalt 30 Millionen Euro tatsächlich für bestimmte Risiken baufachlich gesperrt wurden. Auch Manfred Rettig, Chef der „Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum“ warnte am Wochenende im Interview mit der Berliner Morgenpost vor einer Kostensteigerung, falls die Nutzung nachträglich noch verändert würde. „Wenn man meint, dass man zum jetzigen Zeitpunkt, wo wir mit dem Rohbau hoch sind, gravierende Nutzungsänderungen vornehmen muss, dann baut man hier den zweiten BER“, so Rettig. Wer daran etwas ändere, übernehme automatisch die politische Verantwortung für nicht mehr einzuschätzende Kosten.
Das Beispiel soll nach dem Willen Dobrindts Schule machen. „Kein Bauprojekt ist ohne Risiken“, erklärt er. Diese seien aber beherrschbar, wenn sie frühzeitig identifiziert und systematisch gemanagt würden. Der Minister kündigt entsprechende Maßnahmen an: „Durch Risikopuffer und professionelles Risikomanagement können Kosten- und Zeitpläne verlässlicher eingehalten werden. Wir werden bei größeren Projekten der Verkehrsinfrastruktur künftig moderne Risikomanagementmethoden anwenden.“

