Es duftet nach Zigarre in Gerhard Schröders Flur. Der Altbundeskanzler empfängt in seinem Büro in Hannover. Im Interview mit dieser Zeitung und dem schweizerischen „SonntagsBlick“ spricht er erstmals öffentlich über seine Geburtstagsparty mit Wladimir Putin.
Berliner Morgenpost:
„Zarengünstling“ und „Ich-AG Schröder“, „Schröders Irrfahrt“, „Schröders bizarre Kumpanei“, „Schröders hemdsärmelige Dreistigkeit“, „Charakterdefizite“, „Er ist Geschäftsmann und handelt eben auch so“, „Ist der Ruf erst ruiniert, feiert’s sich ganz ungeniert“ – Herr Schröder, was geht in Ihnen vor, wenn Sie solche Kommentare lesen?
Gerhard Schröder:
Nichts. Ich kenne das aus früheren Zeiten und deswegen beeindruckt mich das nicht. Während der Auseinandersetzungen mit den USA wegen des Irak-Kriegs haben mich die gleichen Journalisten auch so heftig attackiert. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte Deutschland im Irak gemeinsame Sache mit den Amerikanern gemacht. Ich hatte damals recht, und ich bin der Meinung, dass es heute richtig ist, mit dem russischen Präsidenten zu reden.
Viele Menschen hat Ihre Umarmung mit Putin zumindest irritiert. War das kurz nach seiner Annexion der Krim die richtige Geste? Oder haben Sie nur nicht darauf geachtet, dass Sie nicht fotografiert werden?
Natürlich war mir klar, dabei fotografiert zu werden. Aber ich habe nichts zu verbergen und ich werde mich auch nicht verbiegen. Seitdem ich Wladimir Putin kenne, seit mehr als 14 Jahren, begrüßen wir uns so. Das ändere ich auch nicht in schwierigen Zeiten.
Ohne diese Bilder wären die Schlagzeilen weniger harsch gewesen.
Wer versucht, eine differenzierte Position zum Ukraine-Problem zu äußern, muss zurzeit in den deutschen Medien mit harten, manchmal auch unfairen Kommentaren rechnen. Selbst Helmut Schmidt hat man vorgeworfen, er sei denkerisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Eine Frechheit! Die deutschen Journalisten schreiben damit übrigens an der Meinung eines großen Teils ihrer Leser vorbei.
Wie kam es zu dieser Party in Sankt Petersburg?
Ich bin Vorsitzender des Shareholder Committees der Pipeline-Gesellschaft Nord Stream, ein europäisches Joint Venture mit Anteilseignern aus Russland, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Im Herbst vergangenen Jahres haben die Anteilseigner entschieden, aus Anlass meines 70. Geburtstages einen Empfang in Sankt Petersburg zu veranstalten.
Wie kam es zu Putins Teilnahme?
Er ist eingeladen worden.
Aber Sie sind das Geburtstagskind. Hatten Sie keinen Einfluss auf die Gästeliste?
Der russische Präsident ist keine Persona non grata. Ich habe mich gefreut, dass er gekommen ist – auch weil ich wusste, dass es dann die Möglichkeit für ein Gespräch gibt.
Haben Sie angesichts der Ukraine-Krise und der Annexion der Krim eine Sekunde darüber nachgedacht, ob es der richtige Zeitpunkt für solch eine Party ist?
Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, darum zu bitten, den Empfang abzusagen.
Haben Sie darüber nachgedacht, mit Putin über die Ukraine zu sprechen?
Ja. Das habe ich getan. Es hat, was die Freilassung der OSZE-Militärbeobachter angeht, auch zu einem Erfolg geführt. Ich habe das Gespräch mit Präsident Putin dazu genutzt, ihn zu bitten, bei der Freilassung der Geiseln zu helfen.
Fand das Gespräch über die Geiseln mit Putin unter vier Augen statt?
Ich habe mit ihm unter vier Augen gesprochen. Aber bei diesem Thema waren auch andere Gesprächsteilnehmer dabei. Über einen, Herrn Mißfelder, wurde ja öffentlich gestritten.
Wie war das Klima bei diesen Gesprächen?
Freundschaftlich, auch ernst. Aber ich gebe nie Einzelheiten aus vertraulichen Gesprächen preis. Das will ich auch in diesem Fall so halten.
Hatten Sie Angela Merkel über Ihr Treffen mit Putin vorab informiert?
Nein, es ist nicht meine Art, irgendjemanden über meine Treffen vorab zu informieren.
Auch nicht Ihren Freund, Außenminister Frank-Walter Steinmeier?
Wie Frank-Walter Steinmeier selbst neulich öffentlich sagte: Wenn ich als Privatmann an einer Veranstaltung teilnehme, brauche ich niemanden in der Bundesregierung um Erlaubnis zu bitten.
Sprechen Sie mit Steinmeier über diese Krise?
Wir tauschen uns gelegentlich aus. Aber wir haben im Zusammenhang mit dieser Reise nicht miteinander geredet.
Sie stehen im Solde einer Firma, die teilweise dem russischen Staat gehört. Verstehen Sie Kritik daran?
Nein, weil Nord Stream ein europäisches Unternehmen mit Sitz in der Schweiz ist. Aktionäre sind Gazprom, die beiden deutschen Unternehmen E.on und BASF-Wintershall, aus den Niederlanden Gasunie und aus Frankreich Gaz de France-Suez. Gazprom hat zwar die Mehrheit, ich bin aber in meinen Entscheidungen absolut unabhängig.
Ist man ein reiner Privatmann, wenn man Bundeskanzler gewesen ist?
Man ist ein Privatmann, aber ich sehe mich auch weiterhin als einen politischen Menschen. Es gibt Dinge, die man als ehemaliger Bundeskanzler nicht tun sollte, etwa die deutsche Regierung im Ausland zu kritisieren. Man hat bestimmte Situationen zu nutzen, um über aktuelle politische Fragen, wie etwa über das Schicksal der OSZE-Militärbeobachter, zu reden. Und das habe ich gemacht.
Wie wichtig ist Ihnen Ihr historischer Ruf?
Das zu beurteilen wird eines Tages Aufgabe von Historikern sein. In der Regel wird man zu einer historischen Figur ja erst dann, wenn man tot ist. Ich lebe.
Was verbindet Sie mit Russland?
Der Kern meiner Beziehung zu Russland ist nicht meine Freundschaft zum dortigen Präsidenten, auch nicht die Tatsache, dass ich zwei Kinder aus Russland adoptiert habe. Meine Beziehung zu dem Land und seinen Menschen hat einen historischen Hintergrund. Wir Deutsche waren im Zweiten Weltkrieg dafür verantwortlich, dass 25 Millionen Menschen in der damaligen Sowjetunion umgekommen sind. Die Aussöhnung mit Russland grenzt für mich an ein Wunder. In Russland gibt es eine große Sympathie für uns Deutsche. Mich hat immer wieder fasziniert, wie das nach den schrecklichen Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges zustande kommen konnte. Und das ist ein hohes Gut, das wir jetzt nicht verspielen sollten.
Was schätzen Sie an Putin?
Seine Verlässlichkeit. Wenn er Ja sagt, ist Ja, wenn er Nein sagt, ist Nein. Das war etwa in der Auseinandersetzung um den Irak-Krieg so. Auch ich habe es so gehalten.

