Es könnte sein letztes Ostern als EU-Kommissar sein. Mit seinem Sohn Alexander macht Günther Oettinger einen kurzen Skiurlaub in Lech am Arlberg. Die Sonne brennt schon richtig, 1440 Meter über dem Meer. Der Schnee, der in diesem Jahr auch in Österreich spärlicher fiel als sonst, schmilzt zusehends.

Berliner Morgenpost:

Herr Oettinger, wie erklären Sie Ihrem 16-jährigen Sohn, was Sie in den vergangenen Jahren in Brüssel gemacht haben?

Günther Oettinger:

Da muss ich gar nicht so viel erklären. An den Wochenenden und in den Ferien ist mein Sohn oft mit dabei. Einmal hat sogar seine Schulklasse eine Exkursion nach Brüssel gemacht. Die Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone hat sein Interesse geweckt. Alexander kennt auch die Maßnahmen, die ich zur Europäisierung der Energiepolitik entwickelt habe.

Freut er sich schon auf Ihre Rückkehr?

Mein Mandat geht bis Ende Oktober. Und mein Sohn weiß, dass ich auf beides vorbereitet bin: eine zweite Amtszeit und einen Wechsel in die Wirtschaft. Mit 60 Jahren wäre ich gerade noch jung genug, um ein berufliches Kapitel jenseits der Politik aufzuschlagen.

Woran denken Sie dabei?

An alles, nur nicht an die Energiewirtschaft. Wir haben ja eine Abkühlphase. Der Kommissar darf in dem Sektor der Wirtschaft, in dem sein Aufgabengebiet gelegen hat, anderthalb Jahre überhaupt nicht tätig werden. Ich habe gerade zwei Gesprächsfäden in die Wirtschaft. Vermutlich würde ich eine Aufgabe im europäischen Ausland oder in den USA übernehmen. Meinem Sohn macht das aber nichts aus. Er war bisher schon sehr mobil, und wir haben uns immer getroffen, ganz gleich, wo er zur Schule gegangen ist. Alexander merkt aber auch, dass ich mich in Brüssel wohlfühle. Ich würde ein zweites Mandat annehmen, wenn die Christdemokraten die Europawahl gewinnen, Jean-Claude Juncker Kommissionspräsident wird und die Bundesregierung mich vorschlägt.

Gewinnen die Christdemokraten denn die Wahl?

Ich gehe fest von einem Sieg der Europäischen Volkspartei aus. Für Deutschland erwarte ich, dass die Union sogar einen ähnlich großen Vorsprung haben wird, wie bei der Bundestagswahl.

Im Wahlkampf setzt die CSU ganz eigene Akzente – mit Europaskepsis im Stil der AfD. Haben Sie sich mal bei Ihrer Schwesterpartei erkundigt, warum?

Es wäre völlig falsch, alles zu verteidigen, was wir in der EU beschließen. Auch wir machen Fehler. Aber wer objektiv sein will, geht nicht einfach über die positiven Seiten der EU hinweg. Der Freistaat Bayern ist vor allem deswegen wirtschaftlich so stark, weil es die EU gibt. In Ingolstadt, Dingolfing und München werden viel mehr Autos hergestellt, als der Bayer sie fahren kann. Ohne den europäischen Binnenmarkt würden die Fahrzeuge in Bayern verrosten. Die Osterweiterung der EU hat den Freistaat aus einer Randlage ins Zentrum Europas gebracht. Das ist natürlich auch Horst Seehofer und Peter Gauweiler klar. Aber die Bayern brauchen offenbar immer jemand, gegen den sie sich abgrenzen können. Früher waren es die Preußen, heute ist es die EU.

Erklärt dies auch das Vorhaben, eine Pkw-Maut für Ausländer einzuführen?

(lacht) Das weiß ich nicht. Ich fände es jedenfalls besser, die Diskussion über eine europaweit geltende Pkw-Maut zu beginnen. Deutschland liegt mitten in Europa. Wir haben längst keine Grenzkontrollen mehr. 28 verschiedene Mautsysteme wären da grotesk. Ich könnte mir eine einheitliche Straßennutzungsgebühr für den europäischen Binnenmarkt vorstellen. Der Ertrag sollte in die nationalen Kassen fließen, nicht in den Haushalt der EU.

Eigene Pfade schlägt die CSU auch in der Energiepolitik ein. Selbst der Fahrplan für den Atomausstieg wird von führenden Vertretern infrage gestellt ...

Egal, wie die Bundestagswahlen 2017 und 2021 ausgehen werden: 2022 wird das letzte Kernkraftwerk in Deutschland abgeschaltet. Die Politik kann Entscheidungen von dieser Tragweite nicht gegen eine klare Mehrheit in der Bevölkerung treffen.

Sie bedauern den Beschluss zum beschleunigten Atomausstieg.

Die Entscheidung fiel im Konsens. Sie ist unproblematisch, wenn man akzeptiert, dass Kohlekraftwerke länger laufen, das Stromnetz schneller ausgebaut wird und man Strom, auch aus Kernkraft, importieren muss.

Erfordert die Ukraine-Krise die nächste Neubewertung der deutschen Energiepolitik?

Wir müssen entscheiden, wie die Energiestrategie Europas für die nächsten Jahrzehnte aussieht. Vom Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs im Juni erwarte ich Antworten. Kurzfristig geht es darum, eine Gaskrise zu vermeiden und Versorgungssicherheit für den nächsten Winter zu gewährleisten.

Ist unsere Gasversorgung in Gefahr?

Ich habe aus vielen Gesprächen mit Gazprom den Eindruck, dass die russischen Partner vertragstreu sind und liefern wollen. Wir sind uns einig, dass bei möglichen Wirtschaftssanktionen – ob von europäischer oder von russischer Seite – der Gassektor keine Priorität haben sollte. Im Übrigen haben die Europäer in den vergangenen Jahren viel getan, um sich gegen Lieferausfälle zu wappnen. Wir haben die Mitgliedstaaten mit neuen Pipelines vernetzt, damit sie einander im Krisenfall besser helfen können. Wir haben auch die Speicherkapazitäten ausgebaut. Aber klar ist: Wenn wir Kiew nicht in die Lage versetzen, offene Gasrechnungen von mehr als zwei Milliarden Dollar zu bezahlen, besteht die Gefahr, dass Russland die Ukraine nicht mehr versorgt.

Wer könnte anstelle von Russland liefern?

Gazprom hat einen Anteil von rund 25 Prozent am europäischen Gasmarkt. Ich bin dagegen, dass wir in den nächsten Jahren die Gasbeziehungen zu Russland zurückfahren oder gar abbrechen. Wir müssen allerdings unsere Strategie der Diversifikation fortsetzen.