In der Garage seiner Residenz an der Bismarckallee in Grunewald steht ein schwarzer BMW der 7er-Reihe. Eine Sonderanfertigung zum 60. Jahrestag der Staatsgründung der Volksrepublik China. Es gibt nur hundert dieser Limousinen. Das Besondere an ihnen: Deutsche Spitzentechnik ist kombiniert mit chinesischem Design in Form von Tiersymbolen und Schriftzeichen, die rot in die beigefarbenen Ledersitze eingearbeitet sind. Eine Symbiose, so recht nach dem Geschmack von Shi Mingde, seit einem halben Jahr Botschafter der Volksrepublik in Berlin. Denn sein ganzes Leben lang ist Herr Shi, im Chinesischen steht der Familienname vor dem Rufnamen, mit Deutschland verbunden. Schon sein Vorname kündet davon. Das „de“ am Ende hat auch die Bedeutung „deutsch“. Und lächelnd ergänzt Pekings Mann in Berlin, dass „deutsch für uns Chinesen auch Tugend bedeutet, Deutschland: Land der Tugend“. Das hört man gern zur Begrüßung. Weil Zweifel erlaubt sind, ob deutsche Tugenden hierzulande tatsächlich noch gelebt werden.
Der Botschafter ist ein begehrter Gesprächspartner, sein Terminkalender gefüllt – und so haben wir uns zu einem ziemlich frühen Frühstück in der Residenz verabredet. Ein zweistöckiges, lang gestrecktes, gelbes, hochherrschaftliches Haus hinter einem hohen, schmiedeeisernen Tor und großer, gepflasterter Vorfahrt. Es lässt an ein märkisches Herrenhaus denken, hat allerdings keine Geschichte. „Wir würden es gerne kaufen, aber es gibt Schwierigkeiten mit der Erbengemeinschaft“, sagt der Botschafter in bestem Deutsch und in der Hoffnung, irgendwann doch noch das Geschäft abzuschließen.
Dass er nahezu perfekt Deutsch spricht, hat Shi dem legendären Tschou En-ai zu verdanken, ein Weggefährte Mao Tse-tungs. Weil China Diplomaten brauchte, die Fremdsprachen beherrschen, empfahl er Mao Anfang der 60er-Jahre den Aufbau von Sprachschulen. 1964 kam Mingde als Neunjähriger in eine solche Pekinger Schule. „Seitdem habe ich Deutsch gelernt. Und seitdem kenne ich auch meine Frau Xu. Wir waren in derselben Klasse und fortan unzertrennlich.“ Als zwei Jahre später Mao die Kulturevolution anzettelte und China in die Anarchie stürzte, wurde auch ihre Schule geschlossen. Mingde und Xu durften ein Jahr lang nichts lernen. Als er 17 Jahre alt war, hatte er sich zum Germanistikstudium in Ost-Berlin qualifiziert.
Die DDR galt als Avantgarde
„Die DDR galt Anfang der 70er-Jahre als das am weitesten entwickelte sozialistische Land, ein Vorbild für alle sozialistischen Länder. Weil wir aber ein kompliziertes Verhältnis zu Moskau hatten, waren auch die Beziehungen mit der DDR-Führung schwierig. Moskau kritisierte uns wegen der beginnenden Reformpolitik, warf uns Restauration des Kapitalismus vor. Unter Deng Xiaoping wurde erkannt, dass reine Planwirtschaft auf Dauer nicht funktionieren kann. Außerdem hielten wir die Teilung Deutschlands für widernatürlich. Eine Nation lässt sich nicht in eine sozialistische in der DDR und eine kapitalistische in der Bundesrepublik spalten.“ Seit 1976 im diplomatischen Dienst mit erstem Posten an Pekings Botschaft in Ost-Berlin, hat ihn die Wiedervereinigung denn auch nicht völlig überrascht. „Nach unserer Analyse war klar, dass es mit der DDR stetig bergab geht. Aber dass es am Ende so schnell ging, hat auch uns überrascht“, erinnert sich Shi Mingde, der 1989 den Fall der Mauer als Zweiter Botschaftssekretär vor Ort erlebte.
Er dürfte übrigens der einzige Botschafter der Welt sein, der etwas von Schweinen versteht. Im damals noch revolutionären China wurde er wie alle angehenden Diplomaten fast ein Jahr lang zur „proletarischen Ertüchtigung“ aufs Land geschickt. Er landete 1976 in einer Kommune, mit dem Auftrag, Schweine zu züchten. „Das war eine harte Zeit, aber eine interessante Erfahrung“, sagt er heute. Apropos Revolution. Wie denkt man heute eigentlich in China über Mao, dessen strahlendes Konterfei weiter über dem Eingangsportal zur Verbotenen Stadt an Pekings Platz des Himmlischen Friedens prangt? „Mao hat große Verdienste für China erworben. Er verdient Respekt und Anerkennung, weil er ein neues, unabhängiges China geschaffen hat. Aber er hatte wenig Erfahrung mit dem wirtschaftlichen Aufbau des Landes.“ Da habe er schwerwiegende Fehler gemacht. Deshalb sei das Urteil über ihn jetzt sehr differenziert.
Vorwärts ins Heute. Herr Shi und seine Frau haben ein formidables Frühstück aufgetischt: eine deutsch-chinesische Melange aus Marmelade, Käse und Wurst einerseits, Frühlingsrolle, Variationen von gedämpften Teigwaren mit eingelegten Eiern, Shrimps und Fleischröllchen sowie einer Maultaschensuppe andererseits. Dazu Kaffee, Tee, Milch, Orangensaft. Ich gebe zu, mich etwas zögerlich an das fernöstliche Angebot herangetastet zu haben. Dann aber schmeckte es vorzüglich. Die optimale Grundlage für die Fortsetzung eines Gesprächs, das heikle Fragen nicht unter den Teppich kehren darf.
Also zu den deutsch-chinesischen Beziehungen der Ist-Zeit. Da gibt es zwei Ebenen. Die wirtschaftliche, auf der blüht und gedeiht es. Und die politisch-moralische, auf der neben Licht auch ziemlich lange Schatten lasten.
Beginnen wir mit dem Positiven. Und da sprudelt es aus dem Botschafter nur so heraus, da präsentiert er lächelnd und mit unübersehbarem Stolz Zahlen und Ziele zum beiderseitigen Vorteil, ohne das bevölkerungsreichste Land der Erde mit seinen 1,3 Milliarden Menschen zu überschätzen. „Sie leben in Deutschland in einer etablierten Gesellschaft des Wohlstands. Wir sind ein Entwicklungsland, eine Gesellschaft, die sich bemüht, zu Wohlstand zu kommen.“ Wie bitte? China ist zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht aufgestiegen, hat die größten Devisenreserven der Welt, stützt mit ihnen den Dollar ebenso wie den Euro. „Richtig, aber nach wirtschaftlicher Leistung pro Kopf der Bevölkerung gerechnet liegt China nur auf Rang 90. In Deutschland werden pro Kopf 43.000 US-Dollar erwirtschaftet, bei uns 6000. Wir sind also noch sehr weit entfernt vom deutschen Wohlstand. Aber wir beobachten auch, dass in Deutschland die Motivation abnimmt, dass sich viele Menschen auf dem Erreichten, auf den Lorbeeren ausruhen. Bei uns wird mehr gearbeitet, werden Überstunden gemacht, um möglichst viel zu verdienen – wie bei Ihnen vor 30 Jahren. Deutschlands Verkehrssysteme beispielsweise sind bestens vernetzt, alles ist verbaut. China dagegen steht erst am Anfang. Und wir haben Platz. Pro Jahr bauen wir 20.000 Kilometer Eisenbahntrassen für Schnellzüge, mehr als zehn Flughäfen…“
Musste das nun auch noch kommen? Leicht indigniert werfe ich ein, ob der Herr Botschafter die Erwähnung des Booms beim Flughafenbau den Berlinern nicht hätte ersparen können. Kaum gesagt, brechen wir in heftiges, ja schadenfreudiges Lachen aus. Da ist er wieder, der BER-Spott. Kann er uns einen Rat zur schnellstmöglichen Eröffnung des Hauptstadtflughafens geben? Die prompte Antwort: „Sie sollten mit uns zusammenarbeiten, dann geht es schneller…“ Es folgt die nächste Lachsalve. Und dann die weit weniger lustige Bemerkung, dass auch in China über Berlins Pleiten-Pech-und-Pannen-Rohbau-Flughafen viel geredet und geschrieben wird und die Frage die Runde macht, warum die Deutschen, die doch eigentlich so tüchtig und technikaffin seien, nicht einmal einen Flughafen mehr bauen könnten?
Das Wetter in dieser frühen Morgenstunde ist alles andere als einladend zu einem Spaziergang – kalt, feucht, eben ungemütlich. Wer wollte da dem Vorschlag des Hausherrn widersprechen, den Spaziergang samt Foto-Shooting des Kollegen Martin Lengemann in den Park der Residenz zu verlegen. Der misst immerhin 3000 Quadratmeter. Also noch ein bisschen mehr Zeit, sich am deutsch-chinesischen Frühstück zu laben und über die zweite Ebene der Beziehungen unserer Länder zu sprechen, die etwas holperiger ist.
Kommen wir also zu den politischen Beziehungen einschließlich des strittigen Umgangs mit den Menschenrechten. Auf Regierungsebene, sagt der Spitzendiplomat in einer der weltweit wichtigsten Botschaften seines Landes, gebe es sehr viel Übereinstimmung und Vertrauen. Das belegten die regelmäßigen Regierungskonsultationen, übrigens die einzigen mit einem europäischen Land, ebenso wie die zahlreichen gegenseitigen Besuche der Kanzlerin und des jeweiligen chinesischen Ministerpräsidenten. Dabei sei auch die heikle Frage des Umgangs mit den Kritikern im Riesenreich der Mitte stets ein Thema. Shi Mingde weicht ihr nicht aus und bestätigt, was er gleich bei der Rückkehr ins Land seiner diplomatischen Träume versprochen hat: „Ich habe keine Angst vor kritischen Fragen.“
Maßstäbe für Menschenrechte?
Wenn man von Menschenrechten redet, müsse nach den anzulegenden Maßstäben gefragt werden. China bekenne sich zu den universellen Menschenrechten. Aber wie sie praktiziert würden, das hänge eben von der Geschichte und vom Entwicklungsstand im jeweiligen Land ab. „Die größte Herausforderung meines Landes ist, 1,3 Milliarden Chinesen mit Essen, Kleidung, Wohnung und Arbeit zu versorgen, also ihre Existenz zu sichern. Diese Sorgen haben Sie in Deutschland nicht. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren die Grundversorgung für jeden fünften Menschen auf der Erde, so viele leben in China, gesichert und weitere Verbesserungen erreicht. Einmalig in unserer Geschichte. Das ist für uns die größte Leistung zur Verbesserung der Menschenrechte. Allerdings sind mit der grundlegenden Verbesserung aller Daten auch neue Probleme aufgetaucht. Die Mehrheit lebt viel besser, aber eine Minderheit noch sehr viel besser und reicher. Diesen Unterschied auszugleichen ist eine der neuen Herausforderungen. Eine andere, dass mit wachsendem Wohlstand auch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ansprüche der Menschen wachsen. Wie kann man denen gerecht werden?“ Und dann fallen noch die Stichworte „Kampf der Umweltzerstörung“ und „Korruption“.
Jetzt spazieren wir leicht bibbernd durch den Park, und ich frage, warum die individuellen Menschenrechte so wenig Beachtung finden, wie jüngst ein Dissident aus leidvoller Erfahrung in einem anderen Sonntagsspaziergang klagte. Und hat es China wirklich nötig, dem Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo die Reise zur Preisverleihung zu verweigern oder dem Künstler Ai Weiwei Hausverbot zu erteilen? Der Botschafter bleibt ganz gelassen, als er zur Antwort anhebt. „Natürlich können wir Kritik vertragen. Aber die Frage ist doch, mit welcher Absicht ein Preis vergeben oder Kritik geübt wird. Wenn die Absicht darin liegt, die Richtung der Entwicklung in China zu bestimmen, sind wir dagegen. Wir hören gern Kritik. Aber wir lassen uns nichts mehr diktieren. Und Ai hat selbst eingeräumt, Steuern hinterzogen zu haben. Das Verfahren läuft noch.“
Aber wie steht’s um die individuelle Freiheit? „Die hat bei Ihnen einen ganz hohen Stellenwert. Bei uns soll sich das Individuum im Rahmen des Kollektivs bewegen, nicht außerhalb. Er soll das Gemeinwesen nicht beeinträchtigen.“ Da bleibt ein grundsätzlicher Dissens. Aber auch ein bisschen Verständnis, wenn der Botschafter zu bedenken gibt, dass es halt etwas anderes sei, ein 1,3-Milliarden-Volk zu regieren als ein 80-Millionen-Volk wie die Deutschen.
So sei am Schluss die Frage erlaubt, was denn die Deutschen von den Chinesen lernen könnten? „Mehr Geduld, Achtung vor den älteren Menschen, Zusammenhalt der Familie, mehr Bereitschaft, der Gemeinschaft zu dienen.“ Und umgekehrt? „Noch immer vorhandene Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß, Genauigkeit und Verlässlichkeit, Erfindergeist und gegenseitiges Vertrauen.“ Darüber nachzudenken könnte für beide Seiten nützlich sein.

