- Hals über Kopf hat Ahmed Schafik das Land verlassen. Einen Tag nach der Einleitung von Ermittlungen gegen den Verlierer der Stichwahl um das Amt des ägyptischen Präsidenten ist Schafik in die Vereinigten Arabischen Emirate gereist. Gemeinsam mit dem Großteil seiner Familie sei er am Dienstagmorgen nach Abu Dhabi geflogen, sagte ein Flughafenmitarbeiter in Kairo. Zugleich setzten ägyptische Richter eine umstrittene Befugnis für die Militärpolizei außer Kraft, Zivilisten festzunehmen.
Angaben des Flughafenmitarbeiters zufolge hatte Schafik Ägypten im Morgengrauen verlassen und wurde dabei von zweien seiner drei Kinder und drei Enkelkindern begleitet. Die Zeitung "al-Masri al-Jum" berichtete unter Berufung auf Schafiks Büro, der ehemalige Luftverkehrsminister sei nur für einen Kurzbesuch verreist und wolle eine Pilgerreise nach Saudi-Arabien unternehmen. Am Vortag hatte aber die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Vorwurfs eingeleitet, Schafik habe während seiner Zeit als Minister unter Mubarak öffentliche Mittel veruntreut.
Nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses am vergangenen Sonntag setzten der regierende Militärrat und die Muslimbruderschaft ihr Tauziehen um die Gestaltung der neuen Regierung fort. Die Generäle forderten zuletzt, dass der designierte Präsident Mohammed Mursi einen Regierungschef ernennt, der nicht der Muslimbruderschaft angehört. Mursi selbst ließ erklären, er wünsche sich eine für alle politischen Strömungen des Landes akzeptable Persönlichkeit als Regierungschef. Seine künftige Regierung solle von einem "unabhängigen" Ministerpräsidenten geführt werden. Das Kabinett solle vor allem Experten der Fachgebiete versammeln. Als möglichen Regierungschef brachte die Regierungszeitung "al-Ahram" den früheren Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei ins Gespräch. Mursi will offenbar aber auch auf Frauen und Christen zugehen. Er wolle eine Frau und einen Christen als Vizepräsidenten berufen, sagte Mursis politischer Berater Ahmed Deif dem US-Sender CNN. "Sie werden nicht bloß eine Agenda oder eine Religionsgemeinschaft vertreten, sondern Macht und Befugnisse haben", sagte er laut einem Bericht auf der CNN-Webseite. Der ehemalige Funktionär der konservativen Muslimbruderschaft wolle damit seine politische Basis erweitern, meinten Beobachter.
Ägyptische Gerichte verhandelten erneut über umstrittene politische Entscheidungen der vergangenen Wochen. Richter in Kairo hoben nach Informationen aus Gerichtskreisen eine Regierungsverordnung auf, die Militärpolizei und Geheimdienst erlaubte, Zivilisten festzunehmen.
Ein Interview der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Fars mit Mursi sorgte unterdessen für Verwirrung. In dem Interview, das die Agentur nach eigenen Angaben am Sonntag wenige Stunden vor Bekanntgabe des Ergebnisses der ägyptischen Stichwahl geführt hatte, sprach sich Mursi für engere Beziehungen zum Iran und eine Überprüfung des Friedensabkommens mit Israel aus. Ein Mitarbeiter Mursis sagte jedoch am späten Montagabend, das Interview habe gar nicht stattgefunden.

