- "Lieber Dr. Sommer", schrieb das 14-jährige Mädchen, und die Panik war schon aus den ersten Zeilen herauszuspüren, "kann es sein, dass ich von meinem Bruder schwanger bin?" Es befriedige sich regelmäßig unter der Dusche mit dem Brausekopf und sei sich sicher, dass auch der Bruder dies tue. Nun sei die Regel ausgeblieben.
Es waren die Achtzigerjahre. Die Generation Golf entdeckte die Sexualität für sich. Und während in der Gesellschaft der Eindruck erweckt wurde, die 68er hätten alle Tabus bei diesem Thema beseitigt, erlebten viele Jugendliche in ihren Familien das Gegenteil. Nein, über Bienen und Blumen wurde zwar nicht mehr gesprochen. Aber noch immer errötete die Mutter schamvoll, wenn man sie fragte, um dann zögernd zu einem "ernsten Gespräch" anzusetzen.
Sich von den Eltern über Periode, Petting und Penetration aufklären zu lassen, das war so peinlich, wie wenn der Junge aus der Nachbarklasse den Liebesbrief, den man ihm geschrieben hatte, seinen Kumpels vorlas. Blieben noch die Freunde als mögliche Experten, aber die waren oft selbst ahnungslos.
In dieser Situation war Dr. Sommer die letzte Rettung. Der Jugendzeitschrift "Bravo", die sonst eher brav auf Popsternchen, Starschnitte und Fotoromane setzte, verlieh er mit seiner Aufklärungskolumne den Ruf der Verruchtheit. Zweimal setzten die Jugendschützer die "Bravo" seinetwegen auf den Index. Dr. Sommer konnte man alles fragen. Nie musste man sich dafür schämen: Macht zu viel Petting blind? Werde ich vom Küssen schwanger? Kann mich ein Tampon entjungfern? Dr. Sommer wusste auf alles eine Antwort. Nie oberlehrerhaft, dafür immer verständnisvoll.
Das lag an Martin Goldstein. 1969 hatte der in Bielefeld geborene Psychotherapeut und evangelische Religionslehrer unter den Pseudonymen Dr. Jochen Sommer und Dr. Alexander Korff die Rubrik "Was Dich bewegt" in der "Bravo" übernommen. Unter Goldstein wurde die Kolumne ein Erfolg. In manchen Zeiten erhielt er 3000 bis 5000 Briefe monatlich.
Die Arbeit als Dr. Sommer war auch für ihn selbst eine Befreiung. Aufgewachsen als Sohn eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter, musste Goldstein mit sechs Jahren erleben, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen und Menschen wie ihn als "Mischlinge 1. Grades" diskriminierten. 1944 wurde er deshalb in ein Zwangsarbeiterlager in Sachsen-Anhalt gebracht, das er nur dank des mutigen Einsatzes seiner Mutter wieder verlassen konnte. Als er wie sein Vater im Frühjahr 1945 nach Theresienstadt deportiert werden sollte, flüchtete er und versteckte sich in den Wäldern. Unter dem Eindruck von Angst, Druck und Repression war für die sexuelle Entwicklung eines Pubertierenden kein Raum. Er habe lange keine Ahnung vom weiblichen Körper gehabt, hat Goldstein einmal erzählt. Sein erstes Mal erlebte er mit Ende 20.
Bei der "Bravo" konnte er das nachholen, was ihm selbst als Junge verwehrt geblieben war: ohne Angst und ohne Tabus über Sex sprechen. Ganze Generationen von Jugendlichen hat er dazu ermutigt, sich sexuell auf Entdeckungsreise zu begeben. Prominente wie Verona Feldbusch haben später offenherzig eingestanden, von Goldstein alias Dr. Sommer aufgeklärt worden zu sein.
Nicht alle Eltern waren ihm dafür dankbar. Als zu freizügig, zu explizit, galt die "Bravo", welche die Aufklärungstexte verkaufsfördernd gern mit - huch! - nackten Teenagern illustrierte. Martin Goldstein ließ sich davon nicht beirren. 1984 stieg er dennoch bei der "Bravo" aus. Der Kontakt zur Jugend blieb ihm weiter wichtig, er hielt Vorträge und besuchte Schulklassen, um mit ihnen über Sexualität zu sprechen. Auch deshalb, weil er seine Mission noch nicht für erfüllt hielt. Der Zwang zum sexuellen Verzicht sei bei der heutigen Jugend dem Zwang zum sexuellen Lust-Erleben gewichen", hat Goldstein 2009 in einem Interview mit der "FAZ" kritisiert. Wie Oswalt Kolle, so verdanken die Deutschen auch Martin Goldstein viel. Die letzten Jahre verbrachte er in einer Wohngemeinschaft in Kaarst bei Köln. Jetzt starb er nach langer Krankheit in einem Düsseldorfer Hospiz, im Beisein seiner Lebensgefährtin und seiner drei Kinder.

