Du Horst, wenn ich groß bin, will ich auch Spießer werden", sagt die kleine Lena. Denn die haben ein schönes Reihenhaus oder zumindest eine schicke Eigentumswohnung. Der Vater im verlotterten Wohnwagen-Camp guckt, als hätte er erzieherisch auf der ganzen Linie versagt. Sicherheitsdenken contra Unabhängigkeit? Aber ist nicht in Wirklichkeit Hippie-Horsti spießig, weil er so engstirnig an alten Denkmustern klebt? Der neue LBS-Werbespot ist witzig und bringt es auf den Punkt: Ideologisches Schubladendenken gilt heute nicht mehr. Wer Müsli ißt, muß nicht unbedingt Grün wählen.

Die Komplexität der Gesellschaft hat zugenommen. Frühere Assoziationsketten wie Kleingarten gleich Vereinsmeierei gleich Stammtisch sind aufgelöst, sagt der Berliner Kulturpsychologe und Kommunikationstrainer Markus Kuchnicak. Die Grenzen zwischen Kleinbürger und Lebenskünstler sind heute fließend: Der Anwalt spielt am Wochenende in einer Rockband, der Architekt zieht in die Laube, und hippe Trendsetter bedienen sich gerne aus dem kleinbürgerlichen Milieu und benutzen Versatzstücke als Zitate.

Der Begriff Spießer ist damit eigentlich veraltet sagt Kuchnicak, denn er stammt aus der Zeit der Drei-Klassengesellschaft. Eine Gesellschaftsstruktur, die es nicht mehr gibt. Heute sprechen Trendforscher von mehr als zehn verschiedenen sozialen Milieus, die sich zum Teil überschneiden. Lange Zeit wollte keiner Spießer sein, die 68er schon gar nicht. Heute gilt uncool sein als cool. Ob Tatort gucken, wöchentliches Autowaschen, Briefmarkensammlung oder Urlaub in Bayern mit Oma und Opa - all das hat man früher schamhaft verschwiegen, um nicht als Spießbürger verschrieen zu werden, was als Fundamentalbeleidigung schlechthin galt.

Heute outet man sich ganz locker mit seinen Marotten. Und 18jährige bestellen sich im Internet das T-Shirt mit Aufdruck 100 Prozent Spießer. Selbst Promis tragen ihre "Spießigkeit" inzwischen öffentlich zur Schau. Fritzi Haberland bekannte vor kurzem im Interview mit der Berliner Morgenpost: "Ich bin ein totaler Rentnerurlauber. Mir reicht es, an einem Ort zu sein, zu lesen und zu baden. Das langweilt mich überhaupt nicht." Popsängerin und Szenegängerin Inga Humpe erklärt Blusen zu ihrem neuesten modischen Ideal. Michael Bully Herbig hat kein Problem damit, als pingeliger Saubermann dazustehen. "Es gab Zeiten, da habe ich ständig die Duscharmaturen abgewischt, damit sich keine Kalkflecken bilden. Heute mache ich das nur noch am Waschtisch, bekennt der 36jährige, der es darüber hinaus gern hat, "wenn Leute die Schuhe ausziehen, bevor sie zu mir in die Wohnung kommen".

Der klassische Spießer, gegen den man in den 50er und 60er Jahren protestierte, war immer derselbe Typ, kleingeistig, unflexibel, rechthaberisch, überzeugt von der Richtigkeit seines Denkens und seiner Werte. So einer wie Ekel Alfred eben. Die neue Spießigkeit gilt Soziologen auch als Ausdruck eines Protests gegen den Frust der 68er Generation, die als krasse Nichtspießer gegen den Muff und Mief der Nachkriegseltern mobil machten. "Allerdings", schreibt Linus Reichlin in der "Zeit", "wurden wir älter und mit uns unsere Progressivität. Die Ansichten, die 1968 noch gefährlich und umwälzend waren, hatten jetzt alle." Genau dagegen mucken die Kids von heute auf. Soziologen sprechen von ihnen als den Neocons. Ihnen erscheint das Spießertum verführerisch, weil es sich paßgenau gegen jene in Stellung bringen läßt, die es einst vehement abschaffen wollten. Neocons sind Jugendliche, die liebend gerne konservativ sein wollen als Antwort auf 50jährige, die nicht erwachsen werden wollen. Die neue Spießigkeit hat eher experimentellen Charakter. Kuchnicak: "Dahinter steckt auch eine Wertedebatte, wie wollen wir eigentlich leben?" Man probiert Altes auf neue Weise aus, genießt den Schrebergarten als grüne Oase, ohne jeden Tag die Beete zu harken. Wer ein Haus kauft, muß nicht darin alt werden, sondern zieht, wenn die Kinder groß sind, wieder in die Stadt. Kuchnicak stellt an sich selber fest, daß er plötzlich die lange verpönte Hausmannskost seiner Mutter lobt und daß Freunde anfangen, Kindheitserinnerungen und Traditionen nicht grundsätzlich abzulehnen, sondern eher zu idyllisieren. Trendbüros berichten von einer Renaissance der Tanztees und Benimmkurse, und Schüler bitten inzwischen ihre Lehrer, sich zur Abifeier doch bitte ordentlich anzuziehen. Wirklich cool allerdings wird das Uncoolsein, behauptet Markus Kuchinacak zumindest, wenn man sich von der Ironie verabschieden kann und bewußt und voller Überzeugung zu dem steht, was man fühlt und liebt, ob Schlager, Schrebergarten oder Schrankwand. Lieber ein glücklicher Spießer sein und das Leben genießen als ein sauertöpfischer Szenegänger. Letztendlich gilt was immer galt: Spießig sind immer nur die anderen.