Wolfgang Joop sitzt am Esstisch in seiner Potsdamer Villa, der Blick auf den Heiligen See ist auch an diesem Frühlingstag beeindruckend. Von seiner Himbeertorte isst er nur den Obstbelag, den Biskuitboden rührt er nicht an. Als eine Angestellte das Geschirr in die offene Küche abräumt, scheppert es ein bisschen. „Kannst du mal aufhören, so zu klappern“, zischt Joop. Der Modedesigner will eigentlich über seine ungewohnte Rolle in Heidi Klums Castingshow „Germany’s Next Top Model“ sprechen. Am 8. Mai wird er beim Finale in Köln dabei sein, das ProSieben live überträgt. Aber das Gespräch über seine TV-Erfahrungen wird unverhofft zum Rückblick auf das eigene Leben. Und zum Ausblick auf das, was noch kommt. Sein 70. Geburtstag im November? Nicht unbedingt sein Lieblingsthema.
Berliner Morgenpost:
Sie haben Ihr Handy so demonstrativ vor sich auf den Tisch gelegt. Sind Sie Sklave dieses „Dings“?
Wolfgang Joop:
Ich habe zu diesem „Ding“ ein eher ambivalentes Verhältnis. Wir lassen uns doch alle mittlerweile von der Technik versklaven. Wir werden bedroht von ihr, ausgebeutet und abhängig gemacht. Ich weiß, wenn ich dieses Ding verliere, dann kenne ich niemanden mehr. Dann ist alles aus.
Karl Lagerfeld trägt weder Uhr, noch besitzt er ein Handy. Telefone seien etwas fürs Personal, sagt er.
Und ich beneide ihn dafür, Lagerfeld ist wirklich noch unplugged. Er hat eben, viel wichtiger, noch einen Fundus an Bildung, den er einfach so abrufen kann. Ohne zu googeln. Während die Kids heute doch nur noch vor den Tablets sitzen, durchs Netz surfen, twittern und posten und für sie gar kein Gesamtbild mehr entsteht. Das hat sich längst in alle Bereiche ausgedehnt. Designer bei Billiganbietern entwerfen nur einen Ärmel, nie eine ganze Bluse. Sie entwerfen ein Knopfloch, wissen aber nicht, welche Hose das Knopfloch bekommt. So sieht die Fashionindustrie heute aus. Das sind alles Auswüchse der neuen Form des Brutalkapitalismus. Es wird Zeit, dass das System kollabiert.
Sehen Sie das nicht ein bisschen zu düster?
Ich nenne Ihnen ein anderes Beispiel: die Supermodels. Nadja Auermann oder Claudia Schiffer beispielsweise sind oft bei uns zu Hause gewesen. Für mich war das, ja, ganz normal, dass diese Frauen so wahnsinnig langbeinig waren und so irre schön. Heute scheinen die überirdisch schönen Frauen ausgestorben zu sein. Weil wir alles wegzappen. Nichts hat mehr eine Pause, nichts kann sich mehr entwickeln. Auch schöne Gesichter nicht. Wir verbrauchen sie sozusagen, bevor sie überhaupt entstehen können. Aber ich will nicht ausschließen, dass meine Sicht auf die Dinge ein bisschen eingetrübt ist, einfach, weil sich in meinem Leben im letzten Jahr so einiges angesammelt hat. Meine Zeit schien mir wie abgelaufen zu sein.
Wie meinen Sie das?
Meine zweite Biografie war erschienen, Arte zeigte das bereits fünfte Wolfgang-Joop-Porträt, die ARD würdigte mich in der Reihe „Deutschland, deine Künstler“. Diese Ereignisse ballten sich im letzten Jahr dermaßen, dass es mir vorkam wie ein nicht enden wollender Abgesang auf mein eigenes Leben. Und dann noch der Designpreis fürs Lebenswerk der Bundesrepublik Deutschland – das war für mich dann die letzte, unmissverständliche Aufforderung: Geh mal nach Hause jetzt, Alter! Da habe ich mir gesagt: Man kann nur Neues schaffen, wenn man die alte Form zerbricht. Ich will noch mal ein ganz anderes Feld betreten. Und so dachte ich, warum nicht ein bisschen Pop-Art machen, und wurde Juror bei Heidi Klum. Das war natürlich eine Gratwanderung. Alle hätten über mich herfallen können. Auf einmal war ich nicht mehr nur Arte, sondern auch ProSieben.
Ihr Schritt war schwer nachzuvollziehen. Schließlich hatten Sie Heidi Klum mal als „den Durchschnitt in Perfektion“ gescholten, „zu grell, zu aufgepimpt, schlicht zu viel“.
Da wurde vieles über Zeiten hinweg zitiert und kolportiert, was ich nicht so gemeint, aber nie korrigiert hatte. Und ich habe mich tatsächlich geschämt, als wir uns gegenübertraten. Ich hatte lediglich mal gesagt, dass ich sie nicht in meiner Modenschau laufen lassen würde, weil ich fand, sie sei ein zu hübscher Typ. Nachträglich fand ich das sehr oberflächlich von mir. Heidi war zwar nicht Fashion-Avantgarde, aber ein Mädchentypus, der allen gefällt. Sie weiß, dass sie unter diesen Supermodels gar keine Chance gehabt hätte. Eine Linda Evangelista hat den überlangen Hals, Nadja überlange Beine und eine andere Pose. Heidi war da, wie ein Model nicht zu sein hatte.
Wie war denn das Arbeiten mit Heidi, die ja nun gewissermaßen Ihre Chefin war?
Nun … GNTM ist schon auch ein bisschen eine Brot-und-Spiele-Veranstaltung. Es können schon mal Blut und Tränen fließen.
Einer der Kritikpunkte an der Sendung ist, dass junge Frauen gnadenlos bloßgestellt werden. Können Sie das nachempfinden?
Ich kann nicht immer begreifen, warum man bestimmte Challenges von den Mädchen verlangt. Andererseits ist es schon unglaublich, was die Mädchen auch bereit sind, für eine solche Show abzuliefern!
Wo sind für Sie die Grenzen?
Als Nathalie sagte: „Ich würde alles tun. Alles!“ Da hielt ich dagegen: „Nathalie, jetzt hast du einen Satz gesagt, den hau ich dir um die Ohren. Wenn du zu einem Fotografen kommst, egal wer es ist, dann landest du mit dieser Einstellung nicht auf dem Foto, sondern auf der Couch.“
Sie haben Heidi Klum mit nackten Brüsten gezeichnet.
Ich habe ihr Gesicht ganz genau studiert und diese unbeschreibliche Regelmäßigkeit bemerkt. Ich wusste, als Zeichner wird es sehr schwer sein, diesem Gesicht als Kunstwerk Ecken und Kanten zu geben.
Deshalb haben Sie sie halb nackt gezeichnet?
Ja. Ich habe ja Malerei studiert und sieben Jahre Aktzeichnen gelehrt an der Universität der Künste, aber nach Stoppuhr. Ein schöner ebenmäßiger Mensch ist furchtbar schwer zu zeichnen. Die Dicke oder die zu Dünne sind leicht in ihrer Übertreibung darzustellen. Aber der schöne Körper sieht aus wie Kitschkunst. Was Heidi betrifft, konnte ich nur zwei Dinge tun: Ihr erstens etwas Frivolität geben. Ich habe ihre Lippen leicht geöffnet und die Augen dich so penetrant anstarren lassen, dass das schon wieder irritierend ist. Ich habe ihr etwas längere Haare gegeben. Die Freiheit nahm ich mir. Und dann habe ich mir die Nippelshow geleistet. Ich habe ihre Brüste nie gesehen, aber ich konnte sie mir anhand ihrer Augen und Haarfarbe vorstellen. So viel Erfahrung habe ich als ehemals heterosexuell agierender Mann nun weiß Gott.
Sie werden in diesem Jahr 70.
Da hilft wohl nix. 70, eine unheimliche Zahl. Leider habe ich auch keine Altersgenossen mehr, mit denen ich mich gern umgebe. Psychologisch oder philosophisch, sehr gern! Physisch? Danke, nein. Aber ich habe meine romantischen Illusionen, dass die große Liebe auf mich wartet. Und das große Glück, mich genetisch wirklich sehr wohlzufühlen.

