Alles hat seine Zeit, und das Ende dieser Zeit hat für Wowereit am 8. Mai 2012 begonnen, als 26 Tage vor der offiziellen Inbetriebnahme des BER die Eröffnungsfeier wegen der nicht erfolgten technischen Abnahme abgesagt werden musste. Der BER war sein Projekt und sollte mit seinem Namen verbunden sein. Für die Berliner SPD geht es jetzt primär um die Suche nach einem adäquaten Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Bei der dünnen Personaldecke der SPD ist zu befürchten, dass Berlin unter Wert von Provinzpolitikern regiert werden wird. Wowereit hatte das Politikgen und das Charisma, das ein erfolgreicher Vollblutpolitiker braucht. Er lebte für die Politik und nicht von der Politik. Wowereit ist dann mal weg, aber er kommt auf die politische Bühne zurück. Es würde mich nicht wundern, wenn wir ihn bald auf Bundesebene wiedersehen.
Dr. Hans-Dieter Seul, Lichterfelde
Der Lotse geht von Bord. Zum Schluss in schweres Fahrwasser geraten, vor allem durch das BER-Desaster, die Flüchtlingsproblematik, die Gefährdung der inneren Sicherheit durch Einstellungsstopp und Personalabbau bei der Polizei und letztlich auch als Bildungsschlusslicht in der Pisa-Studie. Aber Wowereit hat Berlin zu einer international bekannten Kulturmetropole gemacht, zu einem bedeutenden Standort für Mode und eine junge und angesagte Gründerszene. Dafür Respekt.
Peter Hirsch, Wilmersdorf
Diese legendäre, bräsige Wurstigkeit, mit der Klaus Wowereit alle Probleme der Stadt so lange ausgesessen hat und dabei stets der knuddelige Partybär blieb, nötigt schon einigen Respekt ab. Tatsächlich hat sich Berlin zu einem weltweit erfolgreichen Anziehungspunkt für Drei-Tage-Touristen entwickelt, es gab etliche Firmengründungen, bei denen ein paar Leute mit pfiffigen Ideen gutes Geld machten. All das wäre Berlin auch ohne Wowereit. Was bleibt, sind neben dem Milliardengrab BER eine marode Infrastruktur, Deutschlands Schlusslicht im Schulwesen, eine hohe Arbeitslosigkeit, ein Heer von Transferleistungsempfängern, riesige Integrationsprobleme, eine erschreckende Kriminalitätsrate und eine Industriepolitik ohne Fortune. Und die möglichen Nachfolger wecken nicht gerade Hoffnungen.
Klaus Jänicke, Steglitz
Klaus Wowereit war auch ein extrovertierter Bürgermeister, der mit gesundem Selbstbewusstsein gesegnet war. Genau das braucht eine Stadt wie Berlin, mehr als nur Zahlen und Statistiken, sondern ein Ganzes. Wir sind heute eine Hauptstadt, die lebendig ist und in der Welt einen einzigartigen Ruf genießt. Berlin hat Klaus Wowereit viel zu verdanken.
M. Kell, per E-Mail
Die Partei drängt jemanden aus dem Amt, ohne sich vorher Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll. Wowereit war ein guter Regierender Bürgermeister. Das mit dem Flughafen ist ein Desaster, das er zu vertreten hat. Politik kann keinen Flughafen bauen. Bloß, wer soll in Wowereits Fußstapfen treten? Jan Stöß und Raed Saleh sind dafür nicht geeignet. Der ins Spiel gebrachte Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, wäre nur eine kurzfristige Alternative. Für das junge Berlin ist er zu alt.
Siegfried Werth, Tegel
Ich verstehe nicht, dass Raed Saleh, nachdem er im April auf Zuraten darauf verzichtet hat, gegen Jan Stöß als Parteivorsitzenden zu kandidieren, jetzt wieder auf der Matte steht und Ansprüche anmeldet. Das ist ein Rückzieher vom Rückzieher, so was macht man nicht. Nach der Vorentscheidung vom April konnte sich Stöß darauf verlassen und sich darauf vorbereiten, die Nachfolge Wowereits anzutreten. Nichts gegen Raed Saleh, er hat Qualitäten. Aber der Fraktionsvorsitz ist auch ein sehr wichtiger und guter Posten, um gute Politik in Berlin zu machen. Dass jetzt ernsthaft auch wieder Michael Müller ins Gespräch kommt, bedeutet nichts Gutes für Berlin. Eigentlich wurde mit Tempelhof auch Müller versenkt. Aber in Berlin ticken die Uhren eben anders.
Annette Ahme, Kreuzberg
Mit einer Dreistigkeit bestimmt die Berliner SPD über die Nachfolge des Regierenden Bürgermeisters. Mauschler, Netzwerker, Pöstchenschieber und Günstlinge werden jetzt in Stellung gebracht. Wer fragt uns Bürger eigentlich nach unseren Befindlichkeiten und Wünschen? Die CDU täte gut daran, den Koalitionspartner auflaufen zu lassen, um Neuwahlen zu ermöglichen. Das Trauerspiel muss ein Ende haben.
Klaus Wollschläger, Kladow

