Doch wo erlebt man diesen konzentrierten Festivalcharakter, der über sechs Tage das Publikum und die immer wieder in neuen Kombinationen auftretenden Musiker zu einer Einheit zusammen schweißt? Hierbei kommen im Jüdischen Museum nicht unbedingt die glamourösen Klassikstars zusammen, aber doch so viele namhafte Kammermusiker, dass dem Kenner schon beim Lesen des Programms schwindelig wird.

Ein Beispiel: Am Montag ersetzte das international gefeierte Duo Isabelle Faust/Alexander Melnikow kurzerhand einen ausgefallenen Programmpunkt. Als „Ersatz“ spielten die beiden Kammermusikweltstars die Violinsonate Nr. 2 a-Moll von Gabriel Fauré – eine mehr als eindrucksvolle Darbietung. Die Geigerin durchlebte Faurés lange, immer wieder mit unerwarteten Wendungen dahinschießenden Linien mit gespannter körperlicher und geistiger Aufmerksamkeit, die Ökonomie und doch Lebendigkeit von Fausts Spiel war auch optisch ein Genuss. Melnikow begleitete dies in einem stets inspiriertem Kontrast zur Violine, hielt seinen Ton spielerisch in einer weichen Indirektheit.

Zur Eröffnung jedes Konzerts sollte jeweils ein Duo ein Stück aus Bachs „Kunst der Fuge“ spielen. Am Montag war es zwiespältig. Mihaela Martin begeisterte zwar mit ihrem lupenreinen, ganz auf die Befolgung der strengen Linie von Bachs vierzehntem Kanon gerichteten Musizieren, doch ihr Partner des Abends, Gary Hoffmann, überzog die Musik mit einem undifferenzierten Vibrato wie mit einer allzu gehaltvollen Portion Schlagsahne. Eine vorherige Abstimmung wäre da wohl hilfreich gewesen.

Das Streichquintett des israelischen Komponisten Noam Sheriff war ein Auftragswerk des diesjährigen Festivals. Eine Gruppe um den namhaften Bratscher Hartmut Rohde und die philharmonische Geigerin Madeleine Caruzzo präsentierte eine Musik, die in ihrem klassizistischen Stil und deren immer wieder unerwartetem Zerbröseln reizvoll war, aber doch das Bedürfnis nach einer neuen musikalischen Poetik für die zeitgenössische Streicherwelt nicht erfüllte.

Als kurzfristig eingesprungene Klarinettistin überzeugte Shirley Brill in kurzen, spitzzüngigen Gedichten, die der kürzlich verstorbene New Yorker Komponist Elliot Carter vertont hatte. Die Staatsopern-Sopranistin Anna Samuil lieferte hier mit höchst präsenter Sprache und großem Ton die kongeniale Ergänzung des Klarinettenparts. Bei diesen spitzenmäßigen „intonations“-Darbietungen wie bei dem am Schluss folgenden Brahmsschen Klarinettenquintett begeisterte das immer hörbare Gebot der Deutlichkeit. Dass Spitzenmusiker, die sich nicht als Interpreten vor die Musik stellen, sondern die Werke mit Demut durchmessen, hier so konzentriert zusammenkommen, ist eine echte Auszeichnung für das Festival.