Sie haben noch nie miteinander gespielt. Sie kannten sich bislang auch nur aus der Ferne. Doch in Christian Petzolds neuem Film „Phoenix“, der am 25. September ins Kino kommt, sind Nina Hoss, 39, und Nina Kunzendorf, 42, erstmals gemeinsam zu sehen. Nina Hoss spielt eine Jüdin, die nach dem Krieg aus dem KZ zurück nach Hause kommt, Nina Kunzendorf ihre beste Freundin, die bei der Jewish Agency die Todeslisten durcharbeiten muss und ihr rät, nach Israel auszuwandern. Wir haben die beiden Stars getroffen.

Berliner Morgenpost:

„Phoenix“ ist Ihr erster gemeinsamer Film. Sie haben auch noch nie miteinander Theater gespielt. Kannten Sie sich eigentlich schon vorher?

Nina Kunzendorf:

Nur über andere. Wir haben uns über Kollegen unsere Zuneigung, unseren Respekt zukommen lassen.

Nina Hoss:

Ich habe Nina vor Jahren einmal in einer Shakespeare-Inszenierung gesehen. Ich kannte sie damals noch nicht, aber als ich sie da sah, dachte ich, wer ist denn diese Frau! Ich fand dich dort so großartig. Seitdem kann ich ganz offen sagen: Ich bin ein Fan!

Wie war es, als Sie sich beim Dreh kennenlernten. War da sofort eine Chemie?

Hoss:

Das war genauso schön, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich hätte auch gar nichts anderes erwartet.

Kunzendorf:

So ging es mir auch. Alles andere wäre überraschend gewesen.

Frau Hoss, das ist schon Ihr sechster Film mit Christian Petzold …

Hoss:

Für mich ist es immer wieder eine neue Erfahrung und Herausforderung. Und er schreibt einfach fantastische Frauenfiguren, denen ich sofort Leben einhauchen möchte …

Er gibt zu, dass er Ihnen immer mehr abverlangt. In „Phoenix“ müssen Sie lange Zeit mit verbundenem Gesicht spielen.

Hoss:

Da ist der Schrecken aber wohl in seiner Vorstellung größer als für den Schauspieler. Mir hat das ja auch wieder ganz andere Möglichkeiten geschenkt. Ich hatte schon das Gefühl, ich kann was mit den Augen ausdrücken.

Kunzendorf:

Und wie. Ich hatte nie das Gefühl, ich spiele mit einer Schauspielerin, die zur Hälfte gar nicht da ist. Das war so präsent in den Augen! Nur in den Mittagspausen war das seltsam.

Hoss:

Weil ich die Nahrung nur mit Strohhalm aufnehmen konnte. Das war ein bisschen doof. (beide lachen)

Frau Kunzendorf, Christian Petzold und Nina Hoss sind so ein eingespieltes Team. Wie ist das, wenn man frisch dazu kommt? Ist das schwieriger, da reinzukommen?

Kunzendorf:

Ich hatte nicht das Gefühl, ich komme in eine eingeschweißte Familie, die nicht gern zu Hause Besuch bekommt. Ich fand das eher von Vorteil, weil man merkte, dass gewisse Arbeitsabläufe einfach geschmeidiger laufen. Dass eine Vertrauensbasis da ist. Und trotzdem fängt man ja mit jedem Film auf eine Weise neu an. Ich nehme an, das geht dir genauso.

Hoss:

In der Tat. Jeder Film ist wie eine neue Reise. Alles andere wäre schlimm. Dann würden wir alle stehen bleiben und uns nicht weiter entwickeln.

Was auffällt und „Phoenix“ so spannend macht: Es gibt so viele Filme über die Kriegszeit, aber kaum welche über die ersten Jahre danach. Oder gar über die Rückkehr eines Juden aus dem KZ.

Hoss:

Das hat mich auch sehr fasziniert. Wie war das, als Jude zurückzukommen? Natürlich kamen sie erst mal zurück, wo sollten sie denn auch hin, wenn nicht nach Hause. Aber was findet man dann vor? Diese Grundkonstellation fand ich sehr aufregend. Und auch sehr neu. Ich habe den Film jetzt das erste Mal bei der Premiere in Toronto gesehen. Und fand es gleich noch mal spannender, wie das im Ausland angenommen wird.

Und wie war das? Ich konnte ja leider nicht mit, ich habe ja gedreht.

Hoss:

Ich habe es als sehr offen erlebt. Ohne Vorbelastung. Sie waren ganz dran. Am Ende wurde sogar einmal gelacht. So ein erleichtertes Lachen, wenn die Spannung nachlässt. Ist vielleicht auch eine Übersprungshandlung gewesen. Ich könnte mir vorstellen, dass das beim deutschen Publikum nicht passiert.

Wir haben vorher von Chemie gesprochen. Was macht man, wenn die mal nicht stimmt bei der Arbeit? Gibt es da Tricks?

Kunzendorf:

Bei Nina und mir war das wie Pingpong. Wir haben uns gegenseitig die Bälle zugespielt. Das ist ein Geschenk. Das gibt es nicht so oft. Es kommt häufig vor, dass die Chemie nicht stimmt. Was aber nicht unbedingt heißt, dass man nicht gut arbeiten kann. Ich erlebe oft, dass Kollegen von ganz woanders herkommen, dass sie ihre Rollen anders erarbeiten, dass sie aus anderen Quellen schöpfen. Das kann eine Reibung erzeugen, einen Widerstand, aus dem etwas Tolles entsteht. Manchmal sogar etwas Besseres, als dann, wenn die Chemie stimmt. Es kann aber auch ganz fürchterlich daneben gehen. Man zielt ständig aneinander vorbei und rettet sich dann in das, was man glaubt zu können. Wenn du Glück hast, sieht das anständig aus. Aber es leuchtet nicht.

Ist das beim Theater womöglich schlimmer als beim Film? Weil man jeden Abend aufs Neue miteinander spielen muss?

Hoss:

Ich habe das Gott sei Dank so noch nie erlebt. Aber das wäre dann garantiert schlimmer. Weil man es eben nicht ablegen kann. Wenn man dann jeden Abend ins Theater kommt und denkt: Oje, schon wieder eine Vorstellung, das ist ja wie eine Hürde. Weil man keinen geraden Weg gehen kann, sondern immer Umwege machen muss. Das geht alles, aber es ist dann nicht so freudvoll. Aber wie sagte George Tabori so schön: „Benutze das alles.“ Auch so einen Zustand kann man seiner Figur zur Verfügung stellen. Oder man kann auch mal einen Schauspieler nicht so sympathisch finden, weil seine Figur im Stück einfach nicht sympathisch ist. Wobei: Sympathie ist mir auf der Bühne eigentlich unwichtig. Es geht darum, dass man sich etwas geben kann. Dass man miteinander arbeiten kann. Wenn das nicht gegeben ist, ist es hart.

Frau Hoss, Sie machen so wahnsinnig viel Theater und Film. Wie schafft man das?

Hoss:

Ach, das geht schon. Ich hab mir da vielleicht auch eine gewisse Verlässlichkeitsreputation erarbeitet. Wenn ich etwas zusage, dann mache ich das auch. Dafür kann ich vielleicht auch etwas einfordern. Wenn ich mich fürs Theater in die Bresche werfe, kann ich vielleicht mehr Freiräume fürs Kino erarbeiten. Ich komme nach so einem Film ja auch als eine andere zurück. Ich drehe allerdings viel in den Theaterferien, wenn andere Pause machen. Aber vielleicht brauche ich das auch, das treibt mich irgendwie an. Ich könnte nicht das eine für das andere aufgeben.

Sie, Frau Kunzendorf, haben seit 2009 kein Theater mehr gespielt. Haben Sie die Bühne aufgegeben?

Kunzendorf:

Klares Nein. Es war eine bewusste Entscheidung, nicht mehr fest in einem Ensemble zu arbeiten. Das ja. Das war eine sehr glückvolle Zeit, das habe ich ja gut zehn Jahre so gemacht und auch sehr genossen. Aber irgendwann kam der Moment, an dem ich gerne freier entscheiden wollte. Ich habe mich zu fest gebunden gefühlt. Das war aber nie eine grundsätzliche Entscheidung gegen das Theater.

Hoss:

Ich fände das auch sehr schade, wenn man dich da nicht mehr sehen könnte.

Kunzendorf:

Das habe ich auch gar nicht vor. Ich fühle da nach wie vor eine große Liebe. Ich drehe aber auch einfach sehr gern. Ich genieße das durchaus, dass ich am Ende eines Drehtages entlassen bin von dem, was ich gespielt habe. Klar, beim Theater kannst du viel mehr experimentieren, Umwege gehen, du hast mehr Zeit, einen längeren Atem. Das vermisse ich manchmal. Ich strecke auch gerade wieder ein bisschen die Fühler aus.

„Phoenix“ erzählt ein ziemlich unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte. Müsste es mehr solcher Filme geben, müsste der deutsche Film mehr Mut zum Experiment haben?

Hoss:

Mut ist immer gut. Ich glaube, die Stoffe sind gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist, wie du erzählst. Dass man nicht gefällig wird, weil man vielleicht nach Zuschauerzahlen gucken muss. Andererseits will man natürlich Filme machen, die wahrgenommen, die geguckt werden. Wir machen alle Filme für ein Publikum.

Kunzendorf:

Wenn Mut in diesem Fall bedeutet, dass man sich traut, genau hinzuschauen, eigene Wege zu gehen, dann ja. Zumal die Widerstände größer und die Produktionsbedingungen schlechter werden. Ich vermisse oft Sorgfalt und eine Ernsthaftigkeit, eine wirkliche Auseinandersetzung. Ich finde es nicht wichtig, immer das Rad neu erfinden zu müssen. Ich freue mich über Filme, die einen eigenen Blick haben.