In Frankreich ist Joann Sfar als Comicautor, Filmemacher und Romancier in aller Munde. In 20 Jahren hat er über 100 Alben produziert, darunter die jüdischen (Mini-)Serien „Chagall in Russland“, „Klezmer“ und „Die Katze des Rabbiners“. Zuletzt kamen in Deutschland seine Geschichten des Vampirs Ferdinand heraus. Dieser Tage erscheint der erste Sammelband der kabbalistischen Erzählung „Die Katze des Rabbiners“.

Berliner Morgenpost:

Zu Ihren bekanntesten Comics zählen die Serien „Die Katze des Rabbiners” und „Klezmer”. In der ersten erzählen Sie von der Geschichte der jüdischen Minderheit in Algerien, in der zweiten von den osteuropäischen Juden. Inwiefern sind das Geschichten Ihrer Familie?

Joann Sfar:

Letztendlich überhaupt nicht. Die osteuropäische Familie meiner Mutter hat gar keine jüdischen Traditionen an mich weitergereicht, das hat sie einfach nicht interessiert. Die Familie meines Vaters aus Nordafrika hatte sich stets bemüht, so französisch wie möglich zu sein. Ich habe also mit meinen Comics angefangen, mich durch Dinge zu wühlen, die man mir nicht gezeigt hat. Vor Ihnen sitzt ein ungläubiger Typ, der keinerlei Kenntnis über jüdisches Gemeindeleben hat, in dessen Comics aber fast alle Stimmen jüdisch sind.

Sie bedienen sich in Ihren Comics oft mythologischer oder folkloristischer Stoffe.

Ich mache das, weil ich weder an die Originalität glaube noch an die Gabe, Dinge zu erfinden. Wir kennen alle die Vampirsagen, die Erzählungen der Musketiere oder die Poesie der Märchen. Warum dieses Wissen also nicht nutzen?

Vor wenigen Monaten ist in Deutschland Ihre Geschichte des traurigen Vampirs Ferdinand erschienen, eine Figur, die Sie schon seit Mitte der 80er-Jahre begleitet.

Als ich in Nizza studiert habe, war ich jede Woche im Kino und habe die alten Ufa-Filme entdeckt. Wie für die meisten war das auch für mich ein Schock, vor allem „Nosferatu“ von Friedrich Wilhelm Murnau. Ich fing an, den Vampir zu zeichnen, ernst und düster. Irgendwann entdeckte ich die amerikanische Komödie und fing an, mit dieser Figur zu spielen. Unbewusst entwickelte sich mit den Jahren aus Murnaus Charakter mein Vampir Ferdinand, eine Mischung aus Graf Orlock und den Marx Brothers.

Es braucht eine Menge Durchhaltevermögen, eine Figur über mehr als 20 Jahre hinweg zu entwickeln.

Ich habe grundsätzlich keine Kontrolle über die Dinge, an denen ich gerade arbeite. Ich tue mich schwer damit, einen Comic abzuschließen, denn um eine Geschichte zu beenden, braucht es meines Erachtens mindestens 500 Seiten. Deshalb schreibe ich jetzt auch Romane.

Während man Sie als Romanautor in Deutschland erst in einigen Monaten entdecken kann, haben Ihnen die Kinofilme von „Gainsbourg“ und „Die Katze des Rabbiners” bereits viel Anerkennung eingebracht. Welche Erfahrungen haben Sie im Filmgeschäft gemacht?

Das französische Kino ist stark vom Naturalismus geprägt. In den meisten Filmen geht es um die kleinen Dinge des Alltags. Ich möchte aber das Imaginäre, Seltsame zeigen. In der Filmbranche ist es sehr schwer, jemanden von der Kraft des Phantastischen zu überzeugen.

Tatsächlich war „Gainsbourg“ gerade wegen der surrealen Elemente so erfolgreich – man denke nur an die Figur der „Fresse”.

Es ist ein Wunder, dass ich mit den Puppen in „Gainsbourg” einen solchen Erfolg feiern konnte. Im Comic sind diese surrealen Wechsel sehr natürlich, im Film jedoch nicht.

Haben Sie denn einen Lieblingsstil?

Mein Favorit ist der Schwarzweiß-Comic, sowohl als Autor als auch als Leser. Dieser Stil ist abstrakt und der Leser muss genauso viel arbeiten wie der Zeichner. Hinter der Farbe versteckt sich eine Passivität, die an die Kindheit erinnert, bei Schwarzweiß ist man als Leser viel aktiver.