Anderson Er hätte das Potenzial, einer der Aufregerfilme des Festivals zu sein. Der Schriftsteller Sascha Anderson war in den 1980er Jahr der Popstar der alternativen Künstlerszene im Prenzlauer Berg, keine zwei Jahre nach dem Mauerfall wird er als Stasi-Spitzel enttarnt. Seit 1975 hatte er in großem Umfang seine Freunde verpfiffen. Freiwillig, wohlgemerkt. Die Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel nähert sich dem Phänomen und hat es geschafft, Anderson selbst vor die Kamera zu holen. Zum Reden bringt sie ihn tatsächlich, nur sagt er wenig. Selbst wenn sie immer wieder nachhakt und mit ihm diskutiert.

Auch viele ehemalige Mitglieder des kreativen DDR-Untergrunds und Wegbegleiter Andersons hat Hendel vor die Kamera bekommen, vom Lyriker Bert Papenfuß bis zum Ehepaar Maaß. Sie erzählen von der Faszination, die von ihm ausging, aber auch von den Enttäuschungen und den offenen Wunden, die der Verrat noch immer hinterlässt. Bei der Malerin Cornelia Schleime sitzen sie so tief, dass sie nicht vor die Kamera wollte. Hendel nutzt eine Zürcher Vernissage Schleimes, um sie mit Anderson im Schlepptau zu befragen.

Langsam legt der Film so die Schichten frei, wie das System des DDR-Künstleruntergrunds funktionierte, mit Anderson als dessen Mittelpunkt, der mit seinem Organisationstalent und seiner charismatischen Art bald die Zügel in der Hand hielt. Er genoss Vertrauen. Immer wieder werden zwei rätselhafte Gedichtzeilen von Anderson zitiert. „Vor dem Gartenhaus stehen drei Birken, die heißen Schuld und Sühne, ich weiß, welche die Liebste mir ist“, die das Mysterium Anderson veranschaulichen soll. Am interessantesten ist die Dokumentation, wenn sie versucht, das Psychogramm einer multiplen Persönlichkeit zu zeichnen. So wirklich deutlich wird nicht, warum sich Hendel die Mühe macht, die Küche des Ehepaars Maaß, wo sich die Literaturszene traf, als Kulisse nachzubauen. Als ob Anderson Hauptdarsteller seiner eigenen Fiktion ist. Anderson schaut sich das an, es löst nichts in ihm aus. Von Reue ist auch am Küchentisch keine Spur.

Termin Heute, 20 Uhr, CineStar 7