04.01.13

Interview mit Wolfgang Petersen

"Du bist nur so gut wie dein letzter Film"

Wolfgang Petersen, deutscher Erfolgsregisseur in Hollywood, kämpft um Projekte und seinen Ruf

Gerade eben hat Wolfgang Petersen den Deutschen Regiepreis Metropolis erhalten – für sein Lebenswerk. Der Bundesverband der Film- und Fernsehregisseure ehrte ihn mit der Auszeichnung als weltweit erfolgreichsten deutschen Regisseur der letzten Jahrzehnte. Doch eigentlich kommt Petersen diese Auszeichnung ungelegen. Er will nicht zurückblicken, sondern kämpft darum, seine Karriere fortzusetzen. Leider macht es ihm Hollywood damit gerade nicht leicht. Rüdiger Sturm hat den Regisseur gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Sie erhalten einen Preis für Ihr Lebenswerk, in Hollywood haben Sie seit mehreren Jahren keinen Film mehr gemacht. Haben Sie etwa schon aus der Branche zurückgezogen?

Wolfgang Petersen:

Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe in der ganzen Zeit an zwei großen Science-Fiction-Projekten gearbeitet, aber mit den Autoren hat es nicht geklappt. Drehbuchentwicklung kann eine Hölle sein. Und ich musste dann auch realisieren, dass sich die Welt bei den Studios geändert hat. Solche Projekte werden einfach nicht mehr gemacht. Denn die Stoffe basierten nicht auf Superbestsellern, hatten kein eingebautes Publikum, waren also nach dem Konzerndenken des Managements riskant. Und vor dem Risiko haben die Studios panische Angst.

Aber Sie hatten doch vorher nie Probleme, Ihre Projekte in Hollywood durchzusetzen.

Die Krise der letzten Jahre hat die Industrie ziemlich gebeutelt. Die Luft ist rau geworden. Die Studios haben den Gürtel enger geschnallt, haben Verträge mit Produzenten und Regisseuren gekappt. Stattdessen wollen sie jetzt nur noch Produktionen machen, die auf etablierten Marken beruhen. So entstand der Trend der Comicfilme. Die Geschichten, die ich geliebt habe, von "In the Line of Fire" bis "Troja", gibt es so gut wie nicht mehr. Bei "Der Sturm" hatte der Chef des Warner-Studios noch den Mut, zu sagen, wir investieren da 135 Millionen Dollar. Das wäre inzwischen unvorstellbar. Aber ich will mich nicht auf einen Trend draufsetzen. Ich will etwas Neuartiges, Frisches, was es so noch nicht gegeben hat. Deshalb setze ich die Standards für unsere Firma hoch – mit absoluter Konsequenz – und mache nur das, was ich für einen wirklich guten Film halte.

Sie standen doch einmal kurz davor, einen "Superman vs. Batman"-Film zu drehen...

Das war aber noch vor der ganzen Welle. Der Plan war, die unschuldige Seite von Superman mit der von Batman zu konfrontieren. Aber das war für Warner Bros. damals schon zu riskant, und ich habe stattdessen "Troja" gemacht.

"Troja" war der letzte Film einer 15jährigen Erfolgsserie, die mit "Poseidon" gerissen ist. Hat das auch Ihre Verhandlungen in den letzten Jahren erschwert?

Das war bestimmt der Fall, aber damit muss man leben. Als ich "Enemy Mine" machte und der nicht gut lief, bremste das auch den enormen Aufwind, den ich von "Das Boot" und "Die unendliche Geschichte" hatte. Das war genau die Zeit, wo ich für ein Projekt nach Hollywood geholt wurde, aber dann fünf Jahre warten musste, bis ich "Tod im Spiegel" machen konnte. Viele sagen, du bist immer nur so gut wie dein letzter Film. Und da ist sicher was dran, auch wenn es nicht ganz so dramatisch ist.

Und die Ergebnisse von einem "Air Force One" oder "Troja" zählen im Kurzzeitgedächtnis der Branche nicht mehr?

Doch, durchaus noch. Denn durch die ganzen Medien sind die Filme permanent im Umlauf. Aber ich bin ja bei weitem nicht der einzige, der zu kämpfen hat. Das Problem ist eben, dass die Studios nur noch die Hälfte der Filme von früher machen. Die ganze Industrie geht durch eine wahnsinnig schwierige Zeit. Wenn man in diesem Land lebt und Filme machen will, dann muss man durch diese schweren Zeiten mit den anderen durchgehen und trotz aller widrigen Umstände versuchen, eine bessere Filmkultur zu schaffen.

Wie wollen Sie das durchsetzen?

Wir haben jetzt ein Projekt namens "Ghost Brigade" nach dem Science Fiction-Roman "Krieg der Klone" von John Scalzi – das ist eine extrem ungewöhnliche, originelle Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines intergalaktischen Kriegs. Ich erwarte dazu Anfang des Jahres eine definitive Drehbuchfassung. Und dann hoffe ich sehr, dass das Paramount Studio das grüne Licht dafür geben wird.

Obwohl die Studios, wie Sie sagen, nicht auf originelle Stoffe, sondern nur auf Franchises stehen?

Irgendwann musst du eben eine neue Franchise einführen und dieses Risiko eingehen. Ich habe auch eine Handvoll großer Fürsprecher im Studio, die für den Film kämpfen. Und wenn er erfolgreich wird, kann die Geschichte weitergehen; es gibt noch drei weitere Romane.

Warum übernehmen Sie eigentlich keine Auftragsarbeiten wie viele Ihrer Kollegen?

Gerade weil ich so viele erfolgreiche Filme gedreht habe, denke ich nicht daran, nur etwas zu machen, damit ich irgendwie beschäftigt bin. Ich ziehe ein Projekt nur dann in Betracht, wenn ich davon hundertprozentig überzeugt bin. Da bin ich strikt und klar. Ich will keinen ausgetretenen Pfad gehen.

Sie könnten es sich einfacher machen und Independent-Filme mit niedrigem Budget realisieren. Dann wären Sie nicht mehr von den Studios abhängig.

Das will ich nicht ausschließen. Aber ich habe nun mal eine Vorliebe für Projekte, die das große Ereignis bieten. Das war seit dem "Boot" mein Markenzeichen. Ich stand nie für den Independent-Film, sondern immer für den Mainstream-Film – aber der gehobenen Qualität.

Wie sieht es mit deutschen Projekten aus?

Mein Sohn Daniel schreibt gerade für die deutsche Warner das Drehbuch zum Remake von "Vier gegen die Bank", den ich in den siebziger Jahren als Komödie für das Fernsehen gemacht habe. Das ist eine wahnsinnig komische Geschichte, die jetzt als Kinofilm realisiert werden soll. Das werde ich produzieren. Und ich werde noch bei einem anderen Projekt von ihm als Produzent fungieren, "Die Schande von Bern" – die er auch inszenieren soll. Die Zeitreisekomödie , an der der NDR sehr interessiert ist, handelt von drei Männern, die 2004 zum 50. Jahrestag des WM-Finales nach Mecklenburg-Vorpommern reisen, weil dort laut Bismarck alles 50 Jahre später geschieht. Tatsächlich landen sie in der Vergangenheit, aber hier verliert die BRD 2:3 gegen Ungarn.

Was gibt Ihnen nun den Optimismus, dass Sie "Ghost Brigade" bei den Studios mit ihrem Konzerndenken durchsetzen können?

Weil wir sehen, dass das Publikum einen Hunger nach originellen, gewagten Geschichten hat. Das erleben wir momentan im Kino, wo die Leute in Filme wie "Argo" oder "Lincoln" rennen. Aber den besten Beweis liefert das amerikanische Kabelfernsehen. Was die Siebziger für das US-Kino waren, das ist dieses Jahrzehnt für das Fernsehen. Da wird eine enorme Qualität geboten, und die wird auch vom Publikum honoriert. Wer hätte etwa gedacht, dass eine Western-Serie wie "Hatfield & McCoys" 15 Millionen Zuschauer pro Folge hat? Und das auf dem History Channel! Das Kino wird nicht mehr lange zusehen, sondern versuchen, diese wahnsinnigen Publikumszahlen anzuzapfen. Die Studios sind ja nicht doof. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Hollywood weiter damit zufrieden gibt, nur superteure Blockbuster zu drehen.

Haben Sie manchmal Selbstzweifel?

Natürlich. Es gibt Momente von Blut, Schweiß und Tränen, aber dann sehe ich wieder vor mir, was die nächsten Jahre noch an Wolfgang-Petersen-Filmen bringen werden. Der dritte Akt meiner Karriere liegt noch vor mir. Daran glaube ich ganz fest.

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