Die allerschönsten Lebensentwürfe entstehen im Konjunktiv. Hannes Kürmann bekommt die Chance, sein Leben rückwirkend zu verändern. Die Spielregeln sind: Er muss es aus der jeweiligen Situation heraus korrigieren und seine Charaktereigenschaften bleiben wie sie sind. Es war Max Frisch, der den Verhaltensforscher Hannes Kürmann 1967 in dieses Experiment schickte und damit seinem eigenen Lebensthema des "Was-wäre-wenn" ein Theaterformat hinzufügte. Regisseur Bastian Kraft, Jahrgang 1980, inszeniert "Biografie: Ein Spiel" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in der vom Autor überarbeiteten Fassung von 1984 und zaubert daraus ein lichtes und sehr feines Kabinettstück von großer psychologischer Raffinesse.
Es beginnt um 2 Uhr nachts. Wieder und wieder steigt Kürmann in Gestalt von Hans Löw in jene zehneckige, sich drehende Lebens-Spieluhr, die Ausstatter Peter Baur sparsam im 60er Jahre-Stil möbliert hat. Das Konstrukt ist von außen halb einsehbar, halb von weißen Projektionsflächen bedeckt, auf denen sich wechselnde Texte und Daten aus Kürmanns Leben zeigen. Helmut Mooshammer steht als Spielleiter am Rand. In seinem weißen Anzug halb gottgleich, halb Laborleiter. Er gibt Hilfestellung, doch es will dem Probanden nicht gelingen, der Nacht eine andere Wendung zu geben. Sisyphosgleich versucht er Details aus dem Weg zu räumen, doch immer fällt ihm derselbe Stein vor die Füße. Der heißt mit Vornamen Antoinette und ist seine zweite Frau - nach dieser ersten gemeinsamen Nacht. Dabei ist Kürmanns einziger Wunsch: Eine Biografie ohne Antoinette.
Aber er wird sie nicht los, diese Frau, die Maren Eggert mit verführerischer Eleganz und einem diffusen überlegenem Wissen ausstattet. Sie ist damit ein perfekter Gegenpol zu Hans Löws zwar blitzgescheitem, aber von seinen Lebensversionen hoffnungslos überfordertem Intellektuellen Kürmann.Ganz am Schluss darf auch Antoinette einmal ändern - sie startet mit derselben Nacht. Und geht einfach nach Hause. Kein gemeinsames Aufwachen, keine Hochzeit. Und damit für Hannes Kürmann die Erkenntnis: Schicksal oder Fügung ist nicht das, was ein Leben determiniert, allenfalls Zufall, vor allem aber der eigene Wille. "Sie sind frei Herr Kürmann", sagt der Spielleiter. Doch Hannes, der Verhaltensforscher, sieht dabei gar nicht glücklich aus. Der Konjunktiv fühlte sich besser an.
DT-Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28 441 225. Termine: 28.4.; 3.5.

