"Keine Macht für niemand", "Alles verändert sich", "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Die Parolen Rio Reisers und der Band Ton Steine Scherben geistern heute durch den deutschen Zitatenwald, als stammten sie von Pluderhosen und Perücken tragenden Dichterfürsten. Reiser ist seit 1996 tot. Er starb am 20. August, angeblich, weil der Kreislauf kollabierte, und vermutlich an den Folgen des gewöhnlich exzessiven Künstlerlebens, 46-jährig. Reiser hinterließ nicht nur einen der prachtvollsten und schönsten deutschen Liederschätze, sondern auch eine künstlerische Figur, die sich bereits zu Lebzeiten kaum wehren konnte gegen die bizarrsten Inbesitznahmen, Erwartungen und zugewiesenen Stellvertreterrollen.

Reiser wollte für sich selber mehr und für seine erlösungssüchtige Gemeinde weniger sein: ein Autor, Interpret und Nutznießer vollkommener, zu Herzen gehender und emsig konsumierter Popsongs. Was politisches Gedankengut nie ausschloss; Agitprop hielt Reiser allerdings in seinen besten Jahren nicht für zwingend. Lieder wie "Halt dich an deiner Liebe fest" und "Junimond" zogen mehr Zorn Kapuzen tragender Veteranen auf sich als ein öffentliches Bundeswehrgelöbnis.

Zwei Familien streiten um Nachlass

Es gibt Hinterbliebene, die salben ihn postum zum König deutscher Popmusik. Es gibt die arrivierten Alt-Anarchos, die "Ich will nicht werden, was mein Alter ist" im Feierabendrausch von der Terrasse grölen. Es gibt Rechte, die bei NPD-Aufmärschen Lieder von Ton Steine Scherben in Gesichter verdutzter Gegendemonstranten schmettern. Rio Reisers früh versiegtes Schaffen bleibt ein steter Quell für Biografen, Regisseure, Rockbands und die zwei gern um den Nachlass streitenden Familien: seine Scherben-Erben und die leibliche Familie Möbius. Es gibt Claudia Roth, die als Parteivorsitzende der Grünen unablässig darauf hinweist, Reiser und die Band gelegentlich betreut zu haben. Alle sagen Rio Reisers "Ich will ich sein, anders kann ich nicht sein" auf - wie ein verwirrender Theaterchor in einem dieser Stücke über einen, der fest daran glaubte, Kunst und Leben seien nicht zu trennen. Deutsche Sänger sehen das normalerweise anders, und so singen sie dann auch.

Die mickjaggerhafte Stimme brachte Rio Reiser mit 16 in die Frankfurter Lokalkapelle Surfriders. Berlin erlebte 1967 "Robinson 2000" im Theater des Westens: der Gebrüder Möbius' Weltpremiere einer Beatoper. Das erste Konzert von Ton Steine Scherben fand statt beim "Festival der Liebe" von Beate Uhse auf Fehmarn nach dem letzten Auftritt Jimi Hendrix'. Als sie "Macht kaputt, was euch kaputt macht" spielten, zündete das Publikum die Bühne an.

Die Scherben nahmen alles persönlich

Die Scherben schwangen Mao-Reden und rumpelten Brecht/Eislers "Einheitsfrontlied". Zeitgemäß sympathisierten sie mit SDS, RAF, Hausbesetzern und nahmen alles persönlich. Vom Geschlechterkampf bis zur Preispolitik des öffentlichen Nahverkehrs. Sie ließen Platten pressen, druckten dafür Hüllen auf der Rotationsmaschine der Kommune 1. Es war das Berlin der frühen Siebziger, das Ralph Möbius noch als barfüßigen Vorsänger der Spontiszene sah. "Irgendwann wussten wir nicht mehr, ob wir jetzt schreiend mit einem Maschinengewehr auf die Straße stürzen oder uns mit der Gitarre in den Rinnstein setzen sollten", sagte Reiser später.

Die Geschichte handelt fortan von Enttäuschung und Verrat und ruinöser Selbstausbeutung. Ihre großartigen Alben, "Wenn die Nacht am tiefsten" oder "Scherben IV", galten als eskapistische Schandtaten einer neuen Innerlichkeit. Und als sie 1975 während eines Solidaritätskonzerts die eigenen Schmalzbrote bezahlen sollten für die gute Sache, flohen sie aufs Land nach Fresenhagen.

Solokarriere in den Achtzigern

Die Band ging keineswegs an linken Dogmen, an Verbürgerlichung oder Eitelkeit zugrunde. Sie war 1982 schlichtweg pleite. Statt in Hitparaden fanden sich die Scherben bei der Wahlkampftour der SPD oder der Grünen wieder. Statt für ihren Lebensunterhalt ließ Claudia Roth sie für Atomkraftgegner oder Nicaragua musizieren. 1985 lösten sich Ton Steine Scherben auf, und Rio Reiser ging zur Plattenfirma CBS und hielt sich einen anerkannten Deutschrock-Manager. Er lief damit gewissermaßen über. Bei der Industrie erschien sein Album "Rio I" mit zarten Hits wie "Junimond" und Stimmungsliedern wie "König von Deutschland". Die Protestsongs überließ er Bands wie BAP. Rio Reiser galt im Kreuzberger Milieu der Achtziger als desertierter Schlagerfuzzi. Auch wenn er in Wackersdorf sang. Oder 1987 beim Parteitag der Grünen.

1988 tat die DDR sich auf für Rio Reiser. Am 2. Oktober sah er sich in der Werner-Seelenbinder-Halle einem Publikum gegenüber, das die Parolen der Ton Steine Scherben zu schätzen wusste wie die flehentlichen Liebenslieder. Ankunft eines Sängers. Dass er sich 1990 das PDS-Parteibuch überreichen ließ von Gregor Gysi, hat mit dieser Ankunft einiges zu tun.

Als sein Sarg am Fresenhagener Apfelbaum vergraben worden war, fand im Berliner Tempodrom das große Requiem, ein Konzert seiner Gemeinde, statt. Unter dem Motto: "Rio lebt, weil wir noch nicht gestorben sind". Da kommt noch einiges auf ihn zu.

Zum zehnten Todestag erschienen: Hollow Skai: Rio Reiser. Das alles und noch viel mehr. Die inoffizielle Biografie. Heyne, München. 287 S., 18,95 Euro