Dass Vorlesen- und Schreibenkönnen verschiedene Dinge sind, weiß jeder, der öfter Autorenlesungen besucht. Vielleicht ein Grund, weshalb die ersten "Krimi Tage Berlin", die insgesamt vierzig Lesungen in verschiedenen Bars und Clubs der Stadt boten, ihren Autoren prominente Schauspieler zur Seite stellten. Sicher aber ist, dass es den Festivalgründern Patricia Klobusiczky und Eckhard Hündgen um mehr als nur das bloße "Who dunnit?" ging. In einem respektablen Länderschwerpunkt Island waren mit Arnaldur Indridason und Aevar Örn Jósepsson Schriftsteller vertreten, die in skandinavischer Tradition mit kritischem Gestus stets auch Gesellschaftsbilder entwerfen. In der deutschsprachigen Abteilung wartete das Festival neben den arrivierten Autoren Hansjörg Schneider und Frank Göhre auch mit Newcomern und Quereinsteigern wie Petra Ivanov oder Rainer Gross auf.
Eine bis dahin namenlose Hausfrau
Andrea Maria Schenkel, die an zwei Abenden in der Kulturbrauerei gemeinsam mit Schauspielerin Steffi Kühnert ihren neuen Roman "Kalteis" vorstellte, erfüllt wohl alle dieser Auswahlkriterien. Auf Anhieb hatte die bis dahin namenlose Hausfrau aus der Umgebung Regensburgs vor einem Jahr mit ihrem Krimidebüt "Tannöd" die Bestellerlisten erobert. War es damals das Lokal- und Zeitkolorit der bayerischen Nachkriegsjahre, das für einen literarischen Mehrwert sorgte, ist es in "Kalteis", das ebenso in die Hitlisten aufstieg und wieder auf einem authentischen Fall, diesmal einer Lustmordserie im München der 30er Jahre basiert, nun vor allem das Bestreben, den Opfern eine Stimme zu geben. Entworfen wird keine Täterpsychologie. Schenkel verschränkt nicht ohne Raffinesse vor allem Tathergänge aus Zeugen- und Opferperspektive, die in der Chronologie rückwärts entblättert werden, mit der linear erzählten Geschichte der jungen Hausierertochter Katharina Hertl aus Wolnzach bei München, die in der "großen Stadt" ihr Glück sucht und stattdessen durch eine Halbwelt der Zuhälter und gefallenen Mädchen irrlichtert - bis sie ihre Liebe zu finden scheint. Aber die Hoffnung währt kurz. Trägt ihr wackerer Chauffeur nicht auch eine Sportmütze wie der Serientäter? Beging Kalteis, der wenig gesteht und viel leugnet, tatsächlich alle Morde oder ist er Opfer der nationalsozialistischen Justiz?
Das Schöne an der Lesung: Anders als der Roman, der trotz seiner 150-Seiten-Kürze nicht nur manche Länge aufweist, sondern gegen Ende auch noch das letzte Resträtsel rückstandslos beseitigt, bleiben solche Zweifel in dem auszugsweisen Vortrag erhalten. Behutsam nähert sich Steffi Kühnert, bekannt durch Filmrollen wie in "Halbe Treppe", dem Text und spürt Rhythmus und Melodie der vielstimmigen Vorlage nach, die wechselnde Erzähler und Perspektiven bietet. Verträumt fast liest sie Kindheitserinnerungen Kathies. Teilnahmslos kalt, mal abwiegelnd dumpf die Täteraussagen. Gehetzt das Satzstakkato einer drastischen Vergewaltigungs- und Mordszene, die in einer Leichenschändung endet.
Ihr Mann traute sich nur an das Hörbuch
Ihr Mann, so die Autorin, die im Anschluss von vielen Absageschreiben der Verlage (für ihren ersten Krimi) und dem Versuch stärkerer Fiktionalisierung (bei ihrem geplanten dritten Roman) erzählt, habe sich an "Tannöd" erst in der von Monica Bleibtreu gesprochenen Hörbuchfassung herangetraut - aus Furcht, dunkle Seiten seiner Frau entdecken zu müssen. Auch in der Berliner "Kalteis"-Lesung erwies sich die Besetzung mit einer Schauspielerin als Gewinn.
Schon jetzt denken die Veranstalter über eine Neuauflage des Festivals nach, das heute Abend mit acht weiteren Lesungen zu Ende geht. Wenn dann die über die Stadt verteilten Leseorte noch gebündelt würden und die Veranstaltungen nicht mehr zeitgleich stattfänden, könnten die "Krimi Tage Berlin" auch an Festivalatmosphäre gewinnen. Daran fehlte es manchmal noch.
Programm
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