Als der Architekt Nils Wenk und seine Lebensgefährtin, die Lehrerin Stefanie Träger, mit Tochter Rosemarie 2011 zum ersten Mal in der Wohnung am Nußbaum, keine 100 Meter vom Roten Rathaus entfernt, standen, war da sofort ein Gefühl da. Es war zwar lange nichts mehr gemacht worden, aber es war groß und hell mit tiefen Fensterlaibungen. „Vom Grundriss waren wir sofort begeistert, die Räumlichkeiten passten zu unseren Komfortbedürfnissen, und dass wir nicht-tragende Wände herausnehmen durften, sprach ebenfalls für einen Einzug“, sagt Wenk. Also taten sie das noch im selben Jahr. 135 Quadratmeter in bester Innenstadtlage für 1100 Euro warm, das gibt es in Berlin nicht so oft. Aber es war eben eine Plattenbauwohnung.

Wie oft bei Beziehungen, die etwas holprig starten, entwickelte das Paar schnell eine Bindung zur Gegend, dem Nikolaiviertel. Mehr Mitte kann man in Berlin-Mitte nicht haben: Vor der Haustür stehen Berliner Dom, Marienkirche und Fernsehturm, das Marx-Engels-Forum, das inzwischen seiner bärtigen Bronzefiguren beraubt ist, und bis zur Spree sind es nur wenige Schritte. Eine Rolle spielte auch, dass es im Innenhof einen Kinderspielplatz gibt.

1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, waren beide Stadthälften baulich aufgewertet worden. Der Osten wollte mit der Historie punkten, schließlich hatte dort am Fluss die Karriere Berlins begonnen. Das wirtschaftlich marode Land hatte zwar nur standardisierte Häuser der Marke WBS 70 zu bieten, aber die Architekten tarnten die wuchtigen Plattenbauten mit Verzierungen an den Fassaden und spitzen Giebeln. Zudem durften die Häuser nur sieben Stockwerke hoch sein. Die Nikolaikirche wurde aufgepäppelt, sie ist das älteste Gebäude Berlins, heute Teil des Stadtmuseums. Auch andere alte Bauwerke wurden wieder aufgebaut oder rekonstruiert – wie das Ephraim-Palais am Mühlendamm und die Gerichtslaube an der Poststraße. Das Nikolaiviertel wurde zur Puppenstube, dazu gehört die Schänke Zum Nußbaum, dem einstigen Stammlokal von Heinrich Zille, Claire Waldoff und anderen Prominenten. Auf einmal gab es im Schatten des Fernsehturms ein Gassenviertel, das als Wiege der Stadt galt. Die kürzeste Gasse ist nur 16 Meter lang.

Möglichkeiten überzeugten

Stefanie Träger sei die „treibende Kraft“ gewesen, die Wohnung zu mieten, sagt Nils Wenk. Sie sah die 2,55 Meter hohen Decken, die Trennung von Bad und Toilette, den fensterlosen Abstellraum, der zum begehbaren Kleiderraum umfunktioniert werden konnte. Sie erkannte, dass die großen Fenster Räume vergrößern, dass das Wohn- und das gemeinsame Arbeitszimmer dadurch „wunderbar sind, denn dort hält man sich am längsten auf. Es ist die Weite“, erklärt sie, die sie überzeugt habe. „Hier tritt man sich nicht gegenseitig auf die Füße.“ Die Innenküche als Mittelpunkt der Wohnung, aber ohne Fenster, soll demnächst zur gemütlichen Dielenküche erweitert werden. Dort befindet sich eine Durchreiche, im Realsozialismus ein grandioser Komfort. In die Repliken und Fertigbauteile durfte in der DDR-Zeit nur einziehen, wer staatstreu war. Ein paar Alte sind geblieben, sie mögen die Fassadengliederung und die Arkadengänge. Und die relativ günstige Miete in bester Zentrumslage.

Wenk, der an der Universität Cottbus Baukonstruktion und Entwerfen lehrt, hatte von seinen Aufenthalten in der Lausitz bereits Plattenerfahrung. „Ich merkte, dass das eine sehr wirtschaftliche Art zu bauen ist“, sagt er. Plattenbauten sind ein Kind der Klassischen Moderne, sie galten nach dem Ersten Weltkrieg, auch damals eine Aufbauzeit zerstörter Städte, als soziale Erneuerung. „Die Industrialisierung rückte in schlichter, klarer Formensprache in die Architektur ein“, sagt der Architekt. Erfunden wurde der Plattenbau in der Metropole der Moderne, New York. Das aufwendige Aufmauern per Hand wurde abgelöst von vorgefertigten Großtafeln aus Stahlbeton. 1926 präsentierte Stadtbaurat Martin Wagner das erste Berliner Tafelbauprojekt im Bezirk Friedrichsfelde, weitere kamen hinzu. Damals wurde allerdings noch niedrig gebaut.

In der DDR erkannte man schnell den Vorteil der Plattenbauweise, die großflächig angewendet werden konnte. Das passte zum Aufbau der „modernen sozialistischen Stadt“ in der zentral gesteuerten Planwirtschaft. Bereits 1953 gab es einen Probebau in Berlin-Johannisthal. 1957 startete die WBS, die „Wohnungsbauserie 70“ in Hoyerswerda, ab 1972 DDR-weit. So entstanden in Berlin oder Halle-Neustadt neue Stadtteile für Hunderttausende Einwohner. Inzwischen sind in Ostdeutschland 300.000 leer stehende Plattenbauwohnungen, ungeeignet für heutige Bedürfnisse, abgerissen worden. In Ost-Berlin zerschlug die Abrissbirne 4400 Wohnungen im Industriebau.

Doch die qualitätvolle Platte erlebt ein Comeback. Im Osten in Lichtenberg oder Marzahn, im Westen im Hansaviertel, der Gropiusstadt und dem Märkischen Viertel, alle reine Plattenbau-Großsiedlungen. Dagegen erscheint die Platte im Nikolaiviertel niedlich. „Sie hat eine ganz andere städtebauliche Qualität als der Plattenbau auf der grünen Wiese“, sagt Nils Wenk. „Sie ist ein Gegenentwurf zum Bürgerlichen, auch eine Erweiterung des Radius.“

Großes Umweltpotenzial

Dem Paar gefällt das Unfertige seiner Wohnung, der Industrie-Chic. „Wir haben die Tapeten abgenommen, Wände und Decken sind kahl, teilweise überspachtelt. Das hat die Fläche homogenisiert. Nackter Beton, eher dunkel, aber weiß lasiert. Uns gefällt das, Raufaser kommt nicht infrage“, sagt Wenk. Einziges Ärgernis sei der PVC-Boden. „Da haben wir noch keine Lösung gefunden.“ Er sieht für das gesamte Ensemble am Nußbaum „ein großes ökologisches Potenzial. Hier könnten Dachgärten aufgebaut werden. Da müsste jedoch investiert werden, das entscheidet die Wohnungsgesellschaft WBM.“ Die WBM ist nach Ansicht des Paares auch gefordert, „mehr Urbanität herzustellen“, sagt Wenk. „Die Gegend ist zwar exklusiv, aber sehr touristisch. Das ist für Mieter ein Nachteil.“ Dabei hat die Familie im zweiten Stock Glück: Die großen Fenster gehen auf eine Arkade, der Lärmpegel ist gering. „Am lautesten sind die Glocken der Kirchen“, sagt Stefanie Träger. „Auch nachts ist hier nicht viel los, aber natürlich sind wir nie allein.“

Die Lehrerin wiegt das ganz pragmatisch gegen andere gute Umstände auf. „Wir haben für Rosi ein wunderbares Kinderzimmer. Unser Schlafzimmer dagegen ist viel kleiner, aber weil es einen Kleiderraum gibt, brauchen wir nur ein großes Bett mit etwas Raum drum herum.“ Die gebürtige Friedrichshainerin, deren Eltern „strikte Plattengegner“ waren und die stets im Altbau gewohnt hat, ist angetan, dass sie nun – nach Ende der DDR – doch noch in der Platte wohnt. „Das hätte ich nie gedacht.“ In eine der Großtafelsiedlungen wäre sie aber nie gezogen, weder im Osten noch im Westen der Stadt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man da Kontakt zu Nachbarn findet.“ Am Nußbaum kommt man mit Nachbarn ins Gespräch, Freundschaften entstehen, man hat jemanden, der den Briefkasten leert, wenn man verreist ist. Und nach der Rückkehr hat man beim Abholen der Post etwas zu erzählen. So kann auch die Platte Lebensqualität bieten.