- Als hätte mitten auf einer Wiese ein Ozeandampfer festgemacht - so wirkt der Gewinner-Entwurf des Schweizer Architekten Daniele Marques im Wettbewerb um die "Häuser des Jahres 2012". Bei näherem Hinsehen stellt sich der Dampfer als Ensemble aus strahlend weißen, gestapelten Betonscheiben dar, deren Kamine wie Schiffsschlote anmuten. Aber sollten nicht die besten Einfamilienhäuser in dem Wettbewerb prämiert werden? Mit einem Einfamilienhaus hat der prämierte Entwurf wenig gemein.

Offenbar hat die Jury den Begriff Einfamilienhaus diesmal bewusst weit gefasst. Für eine mehrköpfige Familie ist dieser Bau bei Luzern, bestehend aus drei flachen, lang gestreckten eleganten Häuserzeilen nicht geeignet. In jeder der 200-Quadratmeter-Wohnscheiben mit raumhohen Panoramafenstern, großzügiger Sonnenterrasse und Dach-Außenpool wohnt auch gerade einmal eine Person.

Als typisches Einfamilienhaus kann auch der zweite Preis, die Sonderauszeichnung des Wettbewerbs, nicht durchgehen. Die urbane Villa in Lausanne, entworfen vom jungen Büro 2B architectes, könnte man sogar als eine Kampfansage an das klassische Einfamilienhaus verstehen. Die Architekten Philippe Béboux und Stephanie Bender aus Lausanne haben direkt an einer Straße ein wuchtiges, skulpturales, viergeschossiges Gebäude geschaffen, das aufgrund seines individuell gestalteten Innenausbaus, der verschiedenartigen Farbgebung der Fassade aus Sichtbeton sowie den wie ausgestanzten Fensteröffnungen wie vier eigenständige Gebäude-Einheiten unter einem Dach wirken soll.

Die zwei Sieger-Entwürfe und auch die meisten der weiteren prämierten Häuser des Wettbewerbs sprechen eine unmissverständliche Sprache: Das frei stehende Einfamilienhaus im Grünen ist ein Auslaufmodell. Warum dies so ist, erklärte Jury-Vorsitzender Max Dudler im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt in seiner launigen Laudatio auf die Preisträger. So ein Wettbewerb, sagte er, sei nur dann sinnvoll, wenn die prämierten Häuser den aktuellen Stand der Architektur reflektierten und die gesellschaftliche Entwicklung abbildeten. Die trotz Klima- und Wirtschaftskrise nicht nachlassende Begeisterung der Bauherren für das eigene Haus habe die Jury umgetrieben. Dudler hält diese Entwicklung im hohen Maße für problematisch, zerstöre doch die zunehmende Zersiedelung meist unwiederbringlich die immer knapper werdende Ressource Land. Daher sei, so der Schweizer Architekt, der Kampf gegen diese Zersiedelung der Landschaft auch eine der wichtigsten Aufgaben, denen sich Architekten heute stellen müssten.

Auch der Schweizer Architekt Armando Ruinelli, diesjähriges Jurymitglied und erster Preisträger 2011, stellte fest: "Das frei stehende Einfamilienhaus ist heute unter Architekten umstritten." Das Bewusstsein habe sich in den vergangenen Jahren zu einem nachhaltigeren Denken gewandelt. Der Trend gehe eindeutig zum Weiterbauen im Bestand und zum Mehrgenerationenwohnen. Ein Trend, den Georg A. Poensgen aus der Eifel bei seinen deutschen Kollegen noch nicht so eindeutig feststellen kann. Der Architekt, der mit seiner Kollegin Andrea Denzer im Wettbewerb für die Erweiterung eines Wohnhauses in Wuppertal eine Auszeichnung erhielt, sieht bei seinen Kollegen noch Nachholbedarf in Sachen nachhaltiges Bauen. "Warum muss jedes Haus eine weiße Villa sein?", frage er sich. Viel ressourcenschonender sei es doch, das vor Ort vorhandene Baumaterial, sei es Stein oder Holz, zu verarbeiten.

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