Berliner Morgenpost: Seit wann kennen sie die "Peanuts"?

Gunther Moll: Seit ich ein kleiner Bub war, in der zweiten oder dritten Klasse. Besonders Snoopy hat mich fasziniert, der Hund, der alles kann. So einen Hund hätte ich auch gerne gehabt. Man muss ihn zwar nachts füttern, aber er hat solch unglaublichen Witz, Fantasie und Coolness.

Berliner Morgenpost: Snoopy ist aber ohne Kinder und Freunde unterwegs.

Gunther Moll: Die "Peanuts" sind eigentlich eine Erwachsenenwelt. Ich glaube, Snoopy ist das einzige richtige Kind.

Berliner Morgenpost: Die Welt der "Peanuts" kommt ohne Erwachsene aus. Man sieht nur eine Hand, ein Bein und hört sie quaken. Ist das gut so?

Gunther Moll: Die "Peanuts" sind aktueller denn je, sie beschreiben das, was wir heute haben: eine Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt. Das macht mir große Sorgen. So ist das Leben nicht. Andererseits sind die Comics deshalb so tragikomisch. Kinder haben die Sorgen und Nöte des Lebens von Erwachsenen, die Figuren diskutieren darüber, lösen die Probleme aber nicht. Es fehlt, was eine Kinderwelt ausmacht: Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Familie. In unserer modernen Gesellschaft gibt es das auch immer weniger.

Berliner Morgenpost: Wir haben uns angewöhnt, den Alltag der Kinder genauestens zu planen und alles auf späteren Nutzen abzuklopfen.

Gunther Moll: Plus: Man holt einen Psychiater zu Hilfe, der Ratschläge gibt.

Berliner Morgenpost: Fehlt es also den Kindern an Freiräumen?

Gunther Moll: Die Freiräume der "Peanuts" sind sehr einförmig. Auch dies entspricht der Gegenwart. Heute haben Kinder nur noch ein paar Räume, in denen sie sich bewegen können. Das geht los mit zwei Jahren in der Kinderkrippe, dann ohne große Bewegungen im Kindergarten. Schließlich elf, zwölf Jahre in Schulgebäuden - wie langweilig! Kinder brauchen Bewegung, Abenteuer, Entdeckungsreisen, doch diese Welt gibt es nicht. Bei den "Peanuts" fehlt das Kindsein. Sie kamen plötzlich als Erwachsene auf die Welt, samt deren Ansichten und Problemen. Es fehlt ihnen das Wunder der Kindheit.

Berliner Morgenpost: Unseren Kindern auch?

Gunther Moll: Ganz vielen nicht, weil sie tolle Eltern haben, die ihre Kinder noch selbst aufziehen. Sehr viele Kinder wachsen institutionalisiert auf, in staatlichen Einrichtungen von Frühbetreuung bis Ganztagsschulen. Ihnen fehlt oft, was den Menschen ausmacht: Gefühl, Gemeinsamkeit und die Liebe. Da komme ich wieder auf die "Peanuts". Ich habe ein paar Comics nachgelesen. Die Figuren sind stets verliebt, aber immer in den falschen und unglücklich. Bei uns Erwachsenen werden tiefe, tragfähige Beziehungen voller Liebe weniger, das liegt auch daran, dass man Liebe von klein an erfahren und lernen muss. Die dafür nötige Zeit fehlt in der Kinderwelt heute. Immer mehr. Der Freiraum, den Liebe und Vertrautheit braucht, ist verloren gegangen. Als Kinderpsychiater macht mir das die größten Sorgen, weil es sich auf das Gefühlsleben auswirkt.

Berliner Morgenpost: Lucy gilt als Vorbild starker Mädchen, die in den letzten Jahren Jungen überflügeln.

Gunther Moll: Nicht überflügeln. Die Mädchen zeigen, was in ihnen steckt. In den Buben steckt genauso viel, nur eben anders. Wenn man die Entwicklungsbedingungen schafft, in denen sich das entfalten kann, kommt bei beiden Geschlechtern etwas Tolles heraus.

Berliner Morgenpost: Lucy benimmt sich nicht fein.

Gunther Moll: Ja, und Peppermint Patty auch nicht. Lucy verbreitet sehr gerne: "Ich bin die Größte". Mobbing ist heute ein Mega-Thema. Die beiden selbstbewussten Mädchen mobben ja. Die armen Buben, möchte ich sagen! Das Thema kommt mit seiner ganzen Auswirkung auf die Seele von Kindern zur Geltung, und es ist etwas, was es nicht geben darf. Deshalb müssen wir Kinder von klein auf in kleinen, vertrauten sozialen Gruppen groß werden lassen, damit ein soziales Miteinander gelernt wird, ohne dass der andere runtergemacht wird. "Klein" gilt für den Kindergarten und für Schulklassen.

Berliner Morgenpost: Werden Kinder unterschätzt?

Gunther Moll: Absolut. Erwachsene glauben, man müsse erwachsen sein, um etwas zu können, etwas zu wissen. Käse! Kinder sind genau richtig für ihr Alter. Sie haben alles, was einen Menschen ausmacht, schon in sich. Wir dürfen ihnen nichts vorschreiben, sondern wir müssen die Helfer sein, damit sich ihre Lebenskraft entfalten kann.

Berliner Morgenpost: Lässt sich die Kreativität steigern?

Gunther Moll: Kreativität ist da. Jeder Mensch, wenn er auf die Welt kommt, ist eigenaktiv und hat Ideen. Irgendwann fängt ein Kind an zu laufen. Und dann kommt das Nächste. Die Erwachsenen blocken das immer ab. "Jetzt nicht." "Du bist noch nicht so weit." In jedem Mensch stecken Aktivität und Einfallsreichtum, aber in verschiedenen Richtungen. Musik, Zeichnen, Fußball spielen. Wir brauchen Vielfalt statt Stereotype. Bei den "Peanuts" gibt es lauter unterschiedliche Typen, das macht ihre Größe aus.

Berliner Morgenpost: Erfolg ist eines der zentralen Themen der "Peanuts".

Gunther Moll: Charlie Brown ist die Verkörperung des Misserfolgs. Er versucht es immer wieder, das ist klasse. Nie aufgeben! Charlie stellt sich jedes Mal neu auf den Baseballhügel, oder Lucy kann ihm noch so oft den Ball wegziehen. Wir müssen Kinder in Situationen bringen, in denen sie selbst erfolgreich aktiv sein können. Sie müssen lernen: Ich kann es. Dann werden sie mutig und trauen sich etwas. Bei Charlie Brown kann es in Richtung depressive Entwicklung gehen.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie aus der Wiederbegegnung gelernt?

Gunther Moll: Wenn ich heute die Comics lese, wird mir deutlich: Wir brauchen wieder eine Kindheit. Kinder brauchen wieder Kinderzeit für sich, es ist ein eigener Lebensabschnitt. Und wir Erwachsene müssen diese Zeit wieder wertschätzen.

Berliner Morgenpost: Welches ist Ihre Lieblingsfigur?

Gunther Moll: Es war immer Linus. Ich hatte früher einen wunderschönen Pullover, wo Linus mit der Schmusedecke drauf war. Ist leider kaputtgegangen vom vielen Tragen.

Berliner Morgenpost: Ist eine Schmusedecke okay?

Gunther Moll: Natürlich. Das gibt Sicherheit, und Sicherheit ist eines der wichtigsten Dinge, die wir Kindern vermitteln und geben müssen. Wenn eine Schmusedecke hilft, ist es gut.

Vom Autor ist soeben erschienen: Ralf Dawirs, Gunther Moll: Die zehn größten Erziehungsirrtümer. Beltz, 215 S., 14,95 Euro