Leon versteht die Welt nicht mehr. „Hier fahren doch so viele Kinder mit dem Bus zur Schule.“ Der Zehnjährige blickt seinen Vater Karsten Krüger fragend an. Er kann nur mit dem Kopf schütteln, eine Antwort hat er nicht. Die Linie 639, deren Haltestelle für Celina und Leon nur fünf Minuten zu Fuß entfernt liegt, soll Mitte Dezember eingestellt werden. Sie fährt zwischen Potsdam Hauptbahnhof und S- und U-Bahnhof Rathaus Spandau – bisher über Seeburg. Gerade erst ist der 39 Jahre alte Speditionskaufmann mit seiner Familie in den Ortsteil der Gemeinde Dallgow-Döberitz (Landkreis Havelland) gezogen. Eine schöne Wohnung, idyllische Landschaft, gute Busanbindung an Spandau und nur drei Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Die Kinder gehen, wie viele andere aus Seeburg, in Spandau und Charlottenburg zur Schule und sind auf die Verbindung angewiesen. Zahlreiche Erwachsene nutzen sie, um zur Arbeit zu kommen, ältere oder gehbehinderte Seeburger fahren damit zum Einkaufen oder zum Arzt nach Berlin oder Potsdam. „Der Ziehharmonika-Bus ist vor allem morgens, wenn ich zur Schule fahre, immer richtig voll“, sagt Celina. „Viele steigen mit mir an der Heerstraße Richtung Innenstadt um, auch Erwachsene. Das ist doch viel umweltfreundlicher, als mit dem Auto zu fahren.“
Der Aufruhr unter den Seeburgern ist groß. Mehr als 1100 Menschen leben hier. Anfang Mai sammelten sie 750 Unterschriften und übergaben sie dem zuständigen Landrat Burkhard Schröder (SPD). Betroffen sind vor allem die Bushaltestellen Havellandhalle und Engelsfelde. Sie liegen abseits des Dorfkerns, wo die Linie 604 zwischen Potsdam und Falkensee verkehrt, und drei Kilometer vom nächsten Busanschluss nach Spandau entfernt. Um nach Spandau zu gelangen und ihre Verbindungen in die Stadt zu erwischen, müssten die Schulkinder durch unbewohntes Gebiet und zwei Waldstücke radeln. Die Stadt Potsdam, die mit der Verkehrsbetrieb Potsdam GmbH (ViP) ihrer Stadtwerke die Linie bisher betreibt, beauftragte eine externes Consulting-Büro mit der Untersuchung des Busnetzes. Ergebnis: Wegen der längeren Fahrtzeit und der geringen Nachfrage wird die Buslinie 639 eingestellt. Dafür sollen die angrenzenden Linien, darunter der 638er, der Potsdam direkt mit Spandau verbindet, öfter fahren. Sechs Minuten kürzer als die des 639ers, der den Schlenker über Seeburg gemacht hat, ist seine Strecke.
Zweifel an der Zählung
Laut Landkreis Havelland sieht die Nutzung des 639ers von Montag bis Freitag so aus: Auf den 25 täglichen sogenannten Fahrtenpaaren, also 50 Touren, fahren insgesamt 30 Fahrgäste von Seeburg nach Potsdam und 60 nach Berlin. Die Wochenendzahlen wurden nicht genannt. Ein Tischler aus Engelsfelde hat die Zählung beobachtet. „Wir haben diese Fahrgastzählungen teilweise gesehen. Es wurde, wenn wir es beobachteten, mittags oder abends gegen 21 Uhr gezählt. Nicht zu den Zeiten, wo die meisten Menschen fahren, nämlich morgens, nach Schulschluss und nach Feierabend.“ Das Ehepaar Schimke, ebenfalls aus Engelsfelde, würde mit der Busverbindung auch seine Unabhängigkeit verlieren. „Meine Frau und ich sind beide 82 Jahre alt. Wir fahren mit dem 639er mindestens dreimal pro Woche zum Arzt oder zum Einkaufen nach Spandau“, sagt Benno Schimke. „Ich kann seit einer Kinderlähmung nicht gut laufen. Bis jetzt kommen wir gut zurecht. Ich habe Angst, dass sich unsere Situation hier draußen verschlechtert. Wir können uns ja gar nicht gegen solche Entscheidungen wehren.“
Jürgen Hemberger, Bürgermeister von Dallgow-Döberitz, ist alles andere als glücklich. „Wir sind in unserer Gemeinde äußerst betroffen und verärgert über die Entwicklung“, sagt er. Sie sei eine Zumutung für die Bürger. „Wir fühlen uns auch von den Potsdamern alleingelassen, die ja die Verbindung nach Berlin benutzen“, sagt er.
Die Kompetenz und Verantwortung für die Bedienung von Seeburg liege aufgrund der territorialen Zuständigkeit beim Landkreis Havelland, heißt es in einer Stellungnahme der Stadtwerke Potsdam. Das bedeutet, dass zukünftig der Landkreis Havelland für die Angelegenheit zuständig ist, zu dem Seeburg seit 2003 gehört. Und weiter: „Die Angebotsanpassungen ermöglichen Angebotsverbesserungen für Schwerpunktbereiche und tragen der anhaltenden Bevölkerungszunahme Potsdams, insbesondere der Entwicklung der nördlichen Stadtteile, Rechnung.“ Ein Argument, dass die Seeburger nicht besänftigt.
Im Seeburger Ortsbeirat werden regelmäßig Vorschläge diskutiert, wie das Problem zu lösen sei. Eine Idee: Der Bus 638, der nun bald dreimal pro Stunde fährt, könnte eine Fahrt davon über Seeburg machen. Laut ViP soll ab Dezember ein vom Landkreis Havelland bereit gestellter Shuttlebus fahren, der zwischen dem Dorf und der Haltestelle Karolinenhöhe pendelt. Zu Stoßzeiten soll er in regelmäßiger Taktung fahren, sonst als Rufbus, der bei Bedarf eine Stunde vorher telefonisch bestellt werden kann, aber nur zu festgesetzten Zeiten verkehrt. „Das wäre für uns absolut inakzeptabel“, sagt Renate Edelmann. Die 76-Jährige gibt aus Altersgründen demnächst ihr Auto ab. „Ich habe mir gerade ein teures Konzert-Abo zugelegt. Wenn ich abends nach Hause will, muss ich dann von unterwegs anrufen mit einem Handy, das ich mir dafür anschaffen muss, und nach einem Rufbus fragen.“
Wie viele Sitzplätze der Shuttlebus haben soll, ist unklar – aber wichtig für die Betreiber und Nutzer der Havellandhalle, die in Seeburg an der Alten Dorfstraße liegt und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Gemeinde und den Landkreis ist. Die große Sportstätte mit 86 Mitarbeitern und mehr als 1000 Besuchern im Monat ist erst vor Kurzem ausgezeichnet worden. Nebenan ist ein Vier-Sterne-Resort entstanden, für das eine verlässliche direkte Busanbindung zu einem Bahnhof wichtig ist. „Erst bekommen wir vom Landkreis einen Preis und dann werden wir so im Regen stehen gelassen“, sagt Geschäftsführer Peter Dietrich. „Bei uns trainieren nicht nur viele Erwachsene, sondern auch 500 Kinder. 130 davon kommen zweimal pro Woche mit dem Bus.“
Zu einer Stellungnahme waren weder der zuständige Landrat Burkhard Schröder (SPD) noch der ebenfalls mit der Angelegenheit betraute Dezernent Andreas Ernst bereit. Laut Seeburgs Ortsvorsteher Harald Wunderlich gibt Schröder an, es müssten nach Nahverkehrsplan des Landkreises für Siedlungseinheiten von bis zu 3000 Einwohnern, wie Seeburg, mindestens sechs Fahrtenpaare die Bewohner von Montag bis Freitag zu zentralen Orten bringen. Engelsfelde, das im Flächennutzungsplan nur als landwirtschaftliche Fläche ohne Erschließung ausgewiesen ist, habe gar keinen Anspruch.
Am Montag findet um 17 Uhr eine Bürgerversammlung in der Havellandhalle statt. Karsten Krüger macht sich Sorgen. „Es geht nicht, dass eine reguläre Buslinie eingestellt wird, bloß weil sie sich für den Betreiber nicht rechnet. Das ist nicht Sinn und Zweck der öffentlichen Verkehrsmittel. Die Bürger haben ein Recht auf eine solche Versorgung, auch wenn zwischendurch mal nicht so viele Menschen mit dem Bus fahren.“

